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Van der Bellen: „Mit dem Heimat-Begriff wird viel gefährlicher Blödsinn betrieben“

Дата публикации: 26-07-2026 09:15:24

Beim Festakt zur Eröffnung sprach Maria Kolesnikowa, Bürgerrechtlerin aus Belarus, über ihre Haft, Landeshauptfrau Edtstadler über „Luxusprobleme“, Vizekanzler Babler über Herz und Vernunft und Bundespräsident Van der Bellen darüber, was „Heimat“ für ihn bedeutet.

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Heute werden die Salzburger Festspiele mit einem Festakt in der Felsenreitschule von Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnet. Die Festrede hält die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa

Die 44-jährige Flötistin, Dirigentin und Kulturmanagerin saß wegen ihres Engagements gegen das Regime von Diktator Alexander Lukaschenko fünf Jahre lang in ihrer Heimat im Gefängnis.

„Mein größter Sieg war, nicht zu hassen“

Noch vor Kurzem hätte sie sich nicht vorstellen können, auf einer Bühne zu stehen, Musik zu hören und vor einem voll besetzten Saal zu sprechen, sagt Kolesnikowa. Seit 226 Tagen lebt sie wieder in Freiheit. Und die werde besonders kostbar, wenn man den Preis kennt. 

Mehr als fünf Jahre lang sei sie von einer Welt umgeben gewesen, in der Hass, Aggression, Demütigung und der Wille, einen Menschen zu brechen, allgegenwärtig gewesen sei, erzählt sie. „Mein größter Sieg bestand nicht nur darin, zu überleben, sondern dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wunden schlägt.“ Großer Applaus.

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„Wenn du hasst, haben sie bereits gewonnen“ - dieser Satz sei zu ihrem inneren Kompass geworden. „Ich wollte mir meine Menschlichkeit bewahren.“ Sie habe weder das Vertrauen in die Menschen, noch den Glauben an das Gute verloren. 

Seit sie frei ist, sei sie nicht nur erstaunt über die technologischen Entwicklungen - Stichwort E-Autos und Künstliche Intelligenz. Sie sei vor allem überrascht von der Gereiztheit und Entfremdung in der Gesellschaft. Es sei eine der größten Herausforderungen der Zeit, einander zuzuhören. „In dem Moment, wo wir damit aufhören, hören wir auf, den anderen als Menschen wahrzunehmen.“ 

Jackpot in der Geburtslotterie

Bundespräsident Van der Bellen stellte seine Rede unter das Thema „Heimat“ – und was sie auch für ihn persönlich, als Kind von Migranten, bedeutet. 

Der Vater Russe, die Mutter Estin, wurde Van der Bellen in Wien geboren und wuchs mit seiner Familie dann im Tiroler Kaunertal auf. 

Bis heute würden ihn die Worte des damaligen Bürgermeisters tief bewegen, sagte er: „Bisch als Flichtlingskchind kcheïma, und iatz, iatz bisch uanr vo ins.“

Mit dem Heimat-Begriff würde aber auch „viel gefährlicher Blödsinn“ getrieben, er würde „politisch missbraucht“.

++ HANDOUT ++ ERÖFFNUNG SALZBURGER FESTSPIELE: VAN DER BELLEN / EDTSTADLER (ÖVP)

Heimat, so Van der Bellen, sei zunächst einmal eine Gnade, sie sei ein Glück in der Geburtslotterie. „Denn kein Mensch sucht sich aus, wo genau und bei wem er diesen Erdball betritt“. Jene, die in der EU geboren sind, hätten den „Jackpot geknackt“, sie leben auf einem freien, demokratischen und wohlhabenden Kontinent. 

Was nicht immer so war, wie das Staatsoberhaupt betont. Es sei eine einzigartige zivilisatorische Leistung. „Die Menschen Europas hatten einander bis aufs Blut bekämpft, einander umgebracht und massakriert.“ Die sogenannte „völkische Idee“ habe sie in den Wahnsinn getrieben, es gäbe so etwas wie einen Volkskörper, der rein gehalten werden müsse. Und alle, die nicht dazugehören, müssten deportiert werden. „Egal wohin.“

Dann habe man erkannt: Wenn Hass, Mord und Vernichtung nie wieder geschehen sollen in Europa, dann müsse man zusammenarbeiten. „Wir müssen. Ob wir wollen oder nicht.“

„Heimat ist Nehmen und Geben“

Das bedeute, über den eigenen Schatten zu springen und Kompromisse nicht als Verrat an Gesinnungsdogmen zu betrachten. „Ich bin stolz auf Österreich“, sagte Van der Bellen, „und ich denke, dass wir auch jeden Grund haben, stolz auf unser Europa zu sein, europapatriotisch zu sein.“ 

Viele der großen Errungenschaften der Zivilisation hätten hier den Ursprung genommen – die freie, liberale Demokratie sei nur eine davon. „Sie garantiert Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung, Freiheit der Kunst, Menschenrechte und Minderheitenrechte. Aber sie fordert auch Menschenpflichten.“

„Auch das ist Heimat: Nehmen und Geben“, betonte der Bundespräsident. „Heimat ist da für uns. Sie kann aber nur da sein für uns, wenn wir für sie da sind.“ Das bedeute, dass alle, die die Heimat teilen – ob Inländer oder Ausländer – die Grundregeln einhalten. 

Europa und der europäische Zusammenhalt würden gerade getestet, Angriffe kämen gerade aus allen Himmelsrichtungen, jedenfalls aus Ost und West. „Wir müssen alles tun, um unabhängiger von der Willkür fremder Regierungen zu werden“, sagt er. „Unabhängig in der Energieversorgung und der digitalen Welt, und souverän in der Verteidigungsfähigkeit.“

Und freilich lässt Van der Bellen auch einen Klima-Appell nicht aus – wohl auch, weil gerade wieder eine Hitzewelle am Anrollen ist. „Die schönste Heimat wird unbewohnbar ab 40 Grad Celsius.“ Und fügt hinzu: „Für mich und meinen Hund auf jeden Fall.“

Er plädiert für ein Ende der Streitereien darüber, ob die Klimakrise eingebildet sei oder nicht, ob Windräder schick aussehen würden oder nicht, ob echter Schnee überbewertet sei oder nicht. „Handeln wir, gehen wir nach vorn, packen wir’s an. Mit, wie der Vizekanzler gesagt hat, kühlem Kopf und warmem Herzen. Für unsere Heimat.“

Damit erklärt er die Salzburger Festspiele für eröffnet.

„Wir machen es uns mit unseren Luxusproblemen bequem“

Die Begrüßung nahm zuvor, um 11 Uhr, Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) vor und zitierte aus „Die Welt von gestern“ von Stefan Zweig. Die Menschen damals hätten gedacht, ihre Freiheit sei unverrückbar - und stellten dann, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, das Gegenteil fest. Edtstadler sieht Parallelen zur aktuellen Situation - etwa in Hinblick auf den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, nicht weit von Österreich entfernt.

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„Sind Freiheit, Demokratie, Menschensrechte und Rechtsstaatlichkeit so selbstverständlich wie die Sterne am Himmel?“, sagte sie auch in Bezug auf den Angriff gestern beim Christopher Street Day in Berlin. „Wir wissen, dass Freiheit und Frieden nicht unverrückbar sind, wir bekommen es jeden Tag vor Augen geführt.“ 

Es sei nur unbequem, sich damit zu beschäftigen, „deshalb haben wir es uns gemütlich gemacht unseren Luxusproblemen“. Etwa, indem man sich in Empörung übe und Debatten über wirkliche und angebliche Ungeheuerlichkeiten von Politik und Gesellschaft anfeuere. 

Ihr Appell: „Wir sind ganz im Sinne Stefan Zweigs aufgefordert, den Zustand unserer eigenen Welt zu reflektieren.“ Das sei eine Chance, aber auch ein Auftrag und eine Verantwortung. 

„Wenn Vernunft ohne das Herz wirkt“

Als nächster sprach Vizekanzler und Minister für Kultur und Sport Andreas Babler (SPÖ). Diesmal ohne Zwischenfall. Im Vorjahr stürmten ja Pro-Palästina-Aktivisten während seiner Rede die Bühne und die Arkaden der Felsenreitschule

Babler begrüßte die Festgäste und alle Menschen hinter, vor und neben der Bühne (ob er wohl das Security-Personal meinte?) sowie Nationaltrainer Ralf Rangnick, der heute sein Gast ist. 

++ HANDOUT ++ ERÖFFNUNG SALZBURGER FESTSPIELE: BABLER (SPÖ)

Er sprach über Errungenschaften wie Demokratie und das Völkerrecht, die „Kinder der Vernunft“ seien. „Aber wenn Vernunft ohne das Herz wirkt und nur egoistischen Motiven gilt, dann verkommt sie zur kalten Rationalität.“ 

Ingeborg Bachmann schrieb: „Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“ Er hoffe, dass sie nicht recht behält. „Vielleicht kann uns die Kunst in der Zwischenzeit etwas lehren.“ Der „Jedermann“ etwa habe dem Mammon nachgejagt und feststellen müssen: „Was er besitzt, besitzt längst ihn selbst.“ 

Die Kunst könne helfen, weil sie einen Denkraum öffne, „in dem alles ganz anders sein könne“. 

Babler: „Wir brauchen die Vernunft, um die Welt zu verstehen, wir brauchen die Kunst, um uns eine andere Welt vorstellen zu können, aber wir brauchen das Herz, um diese andere Welt möglich zu machen.“

170 Aufführungen

Am Abend geht im Großen Festspielhaus mit Georges Bizets „Carmen“ dann auch die erste szenische Opernproduktion in diesem Sommer über die Bühne. 

Bis einschließlich 30. August stehen über 170 Aufführungen in 45 Tagen an 19 Spielstätten sowie 37 Vorstellungen im Jugendprogramm „jung & jede*r“ auf dem Programm. 

Die Salzburger Festspiele starteten bereits am 17. Juli mit der Ouverture spirituelle in die heurige Saison. Am 18. Juli wurde die erste Schauspielpremiere mit dem „Jedermann“ in der wiederaufgenommenen Inszenierung von Robert Carsen mit Philipp Hochmair in der Titelrolle und Roxane Duran als neuer Buhlschaft gefeiert.

kurier.at, Agenturen, lin  |  26.07.2026, 11:15  |  Aktualisiert am 26.07.2026, 11:15

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