Die jüngsten Darbietungen der Schwergewichtsboxer wecken Zweifel am angeblichen Megakampf vom Oktober – doch geeignetere Widersacher fehlen.
Die jüngsten Darbietungen der Schwergewichtsboxer wecken Zweifel am angeblichen Megakampf vom Oktober – doch geeignetere Widersacher fehlen.
Bertram Job30.07.2026, 05.30 Uhr

Athit Perawongmetha / Reuters
Vergangenes Wochenende haben sich zwei ehemalige Schwergewichts-Champions der Profis im Boxring zurückgemeldet. Was der 37-jährige Tyson Fury und der 36-jährige Anthony Joshua dabei über sich selbst erfahren haben könnten, bleibt allerdings ihr Geheimnis.
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Fury hatte am Freitag in Pattaya, Thailand, mit dem Polen Mariusz Wach einen ähnlich hünenhaften Gegner so verschlissen, dass dieser in Runde 7 verletzungsbedingt aus dem Kampf genommen wurde. Dabei blieb der Kuss, den der stets zu Spässen aufgelegte «Gypsy King» aus Greater Manchester dem Widerpart in der Nahdistanz aufzwang, der einzige unterhaltsame Höhepunkt.
Anthony Joshua brauchte einen Tag später in Saudiarabien wiederum nicht ganz zwei Runden, um den ein Jahr jüngeren Albaner Kristian Prenga durch einen K.-o.-Schlag zu bezwingen. In der Anfangsrunde hatte der zweifache Weltmeister aus dem englischen Watford jedoch unerwartet leiden müssen: Die Nummer 52 der Weltrangliste hatte «AJ» gleich zweimal zu Boden geschlagen.
So bleibt versierten Beobachtern die freie Wahl, ob sie den Olympiasieger von London (2012) weiter für einen ernstzunehmenden Faktor ansehen – oder für einen Kämpfer jenseits seines Zenits, dessen Reflexe zusehends nachlassen. Im Jeddah Superdome gab es während Joshuas erstem Kampf nach seinem schweren Verkehrsunfall in Nigeria vom vergangenen Dezember Anzeichen für beides.
Das ergibt zwei mässige Vorstellungen ohne echten Erkenntniswert, aber wen kümmert es? Jeder weiss, dass sich die beiden alternden Helden mit den fürstlich dotierten Sparringseinheiten nur öffentlichkeitswirksam in Stellung bringen wollten. Bereits vor Monaten haben sie die Verträge für den vermeintlichen Megafight unterzeichnet, auf den sie sich während ihrer Zeit als konkurrierende Weltmeister partout nicht einigen konnten – auch wenn ihre derzeitige Verfassung das Etikett eher Lügen straft.
Olexander Usik legt Gürtel niederDer Vergleich ist für Oktober oder November im Wembley-Stadion avisiert. Dieser Ort der Handlung ist für Joshuas Lager alternativlos. Erstens war in den Verhandlungen laut Joshuas Manager Eddie Hearn nie von einer anderen Grossarena die Rede; zweitens hat Wembley für Joshua «einfach diese Geschichte».

Ali Issa / AP
Furys Promoter Frank Warren sieht das nach dem jüngsten Sieg seines Mandanten nicht so eindeutig. Der gewiefte Routinier kann sich plötzlich ebenso einen bunten Abend im New Yorker Madison Square Garden vorstellen.
Das ist nicht zufällig auch der Wunsch von Turki Alalshikh, dem derzeit mächtigsten Strippenzieher im Geschäft. Der Leiter der involvierten saudiarabischen Sport- und Entertainment-Agentur möchte den Zeitpunkt für den ersten Gong so synchronisieren, dass auch auf der anderen Seite des Atlantiks maximale Aufmerksamkeit gegeben ist. Das wäre in Wembley nur dann der Fall, wenn der Kampf weit nach Mitternacht steigt. Dann ist im Osten Amerikas früher Abend und im Westen Nachmittag.
Ernsthaft in Gefahr ist der Gipfel der einstigen Giganten jedoch kaum. Nach zusammengerechnet 73 Vergleichen über anderthalb Jahrzehnte gibt es für einen letzten grossen (und lukrativen) Tanz der beiden weit und breit keine ähnlich geeigneten Widersacher. Zumal der dominante Ukrainer Olexander Usik, der sie je zwei Mal geschlagen hat, kürzlich seine drei WM-Gürtel niedergelegt hat und inaktiv ist.
Darum beeilte sich Promoter Warren, die Spannungen herunterzuspielen. «Sie werden dahin gehen, wo das Geld ist», liess er die Journalisten wissen. «Sie sind Profiboxer. Sie steigen in den Ring und lassen sich für Geld schlagen.»
Zögerliche Anfänge einer neuen ÄraAuf diese Weise dürfte bis Ende Jahr eine Ära in der Geschichte des Schwergewichts zu Ende gehen – während die nächste etwas zögerlich Gestalt annimmt. Sie wurde im Juni eingeleitet, als der Russe Murat Gassiew und der kurdischstämmige Deutsche Agit Kabayel von den Weltverbänden ein kostbares Upgrade erhielten. Die bestplatzierten Profis auf der Rangliste wurden nach Usiks Rücktritt prompt zum Nachfolger bestimmt. Das mag für ausgewiesene Kämpfer wie sie nur die zweitbeste Lösung nach einer echten Titeleroberung sein. Dennoch eröffnet ihnen der neue Status jetzt immense Möglichkeiten.
So setzte der 32-jährige Gassiew (34 Siege, 2 Niederlagen) seinen Titel bereits Mitte Juli für eine kolportiert siebenstellige Börse ein. Er trieb den kurzfristig aus einer Trainingspause verpflichteten Hamburger Peter Kadiru in Moskau binnen sechs Runden in den vorzeitigen K. o. Ähnlich bequem wird Kabayels nächste Aufgabe nicht. Der 33-jährige WBC-Weltmeister aus Bochum-Wattenscheid (27 Siege) soll zur ersten Titelverteidigung einen echten Brocken serviert bekommen, damit eine westdeutsche Grossarena zum Spätherbst restlos gefüllt wird. Das könnte auch der WBA-Champion Gassiew sein, wie Kabayels Management bestätigte.
Damit geht die Rochade im sogenannten Königslimit von vorn los. Das grosse Verwirrspiel ist in dem Showsport nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
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