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Die Familie Wieland: Sechs Kinder mit Speer, Kugel, Diskus und Hammer

Дата публикации: 28-07-2026 03:30:00

Seit Werner Günthörs Rücktritt ist die Schweiz keine Wurfnation mehr. Für die Berner Familie Wieland sind die Wurfgeräte aber die grosse Leidenschaft. Schon der Grossvater warf den Diskus an Olympia, nun liebäugelt der Speerwerfer Simon Wieland an den EM mit einem Spitzenplatz.

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Die Familie Wieland: Sechs Kinder mit Speer, Kugel, Diskus und Hammer

Seit Werner Günthörs Rücktritt ist die Schweiz keine Wurfnation mehr. Für die Berner Familie Wieland sind die Wurfgeräte aber die grosse Leidenschaft. Schon der Grossvater warf den Diskus an Olympia, nun liebäugelt der Speerwerfer Simon Wieland an den EM mit einem Spitzenplatz.

Die Konkurrenz stärkte den Kopf und lieferte gleichzeitig eine eingeschworene Support-Crew: Wielands in ihrem Kraftraum im Keller des Familienhauses. Von links: Simon, Stefan, Lukas, Alice, Florian und Alexander Wieland.

Die Konkurrenz stärkte den Kopf und lieferte gleichzeitig eine eingeschworene Support-Crew: Wielands in ihrem Kraftraum im Keller des Familienhauses. Von links: Simon, Stefan, Lukas, Alice, Florian und Alexander Wieland.

Der Kraftraum der Familie Wieland liegt fensterlos im Keller ihres Hauses in Hinterkappelen. Einst ein Lagerraum, füllt ihn nun eine Vielzahl an Kraftmaschinen, Gewichten und selbst gebauten Geräten. Als die sechs Wieland-Kinder – heute zwischen 21 und 33 Jahre alt – den Raum vor etwa zehn Jahren im Elternhaus einrichteten, öffnete sich dennoch ein Fenster. Es führte nicht nach draussen, sondern in eine ersehnte Zukunft und zugleich in die Vergangenheit: Auf einem Fernseher liefen in Dauerschleife Videos von alten Wettkämpfen, EM-Qualifikationen oder Olympiafinals aus den Leichtathletik-Wurfdisziplinen. Dorthin zu kommen, war das Ziel.

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Heute sind noch drei der sechs Wieland-Geschwister aktiv: Simon, 25, WM-Teilnehmer und Schweizer Rekordhalter im Speerwerfen sowie der erste Schweizer seit 20 Jahren, der die 80-Meter-Marke übertraf. Stefan, 27, kratzt als Kugelstösser an der magischen 20-Meter-Grenze. Und Florian, 21, ein Quereinsteiger im Hammerwerfen, dem diese aussergewöhnliche Disziplin bei einem spontanen Training so gut lag, dass er dafür das Fechten aufgab. Dazu ist Alexander der Trainer von Stefan und Lukas der Trainer von Simon. «Die Jüngeren sind die Beta-Versionen von uns Älteren», sagt Lukas Wieland nur halb im Scherz, «und lernen aus unseren Fehlern.»

Mit ihrer Leidenschaft fürs Werfen fällt die Familie Wieland in der Schweiz aus dem Rahmen. Die Wurfdisziplinen haben hier seit den Zeiten des Kugelstossweltmeisters Werner Günthör kaum mehr Begeisterung entfacht, daran ändert auch der jüngste Höhenflug der heimischen Leichtathletinnen erst langsam etwas.

Der Schweizer Nachwuchs entscheidet sich für andere Disziplinen

Das hat verschiedene Gründe. Weil die Wurfkultur im Land fehlt, gibt es in den Vereinen weniger spezialisierte Wurftrainer als etwa Sprinttrainer. Talente entscheiden sich nach einer breiten Grundausbildung eher für andere Disziplinen, da spielt auch der Nachahmungseffekt eine Rolle. Auf dem Land zieht es zudem viele mit den passenden körperlichen Voraussetzungen zum Schwingsport.

Alexander Wieland, 33, der Älteste, macht heute Stromprognosen, kauft und verkauft Strom.

Alexander Wieland, 33, der Älteste, macht heute Stromprognosen, kauft und verkauft Strom.

Die Familie Wieland jedoch gab die Liebe zu den Würfen über Generationen weiter: Der Grossvater Oskar Häfliger war Zehnkämpfer und 1952 als Diskuswerfer an den Olympischen Spielen in Helsinki. Er starb früh, so dass ihn seine Enkel und die Enkelin nie kennenlernten. Die Grossmutter Ruth aber war in ihrem Leben sehr präsent. Sie war die erste Schweizer Meisterin im Speerwurf, seit Männer und Frauen die Meisterschaft gemeinsam austragen, und wurde von ihrem Vater gefördert, was damals als Frau in der Leichtathletik ungewöhnlich war. Im Haus der Wielands liegt noch ein alter Holzspeer aus Grossmutters Karriere. «Sie sagte oft, welch grosse Freude Oskar an uns gehabt hätte, weil er genau gleich war», sagt Lukas Wieland.

Auch die Eltern der sechs Wielands waren Werfer. Der Sport prägte die Familie, das Familienleben zu organisieren, war eine Herausforderung: Alle sechs trainierten zu unterschiedlichen Zeiten, die Eltern fuhren sie hin und her. Die Kinder sagen: «Rückblickend staunen wir darüber, wie sie das hinbekommen haben, da beide je ein eigenes Geschäft führen.» Eingekauft wurde dort, wo auch die Restaurants ihr Essen holen, 5-Kilogramm-Säcke Pasta waren sofort verschlungen. Im Haus gab es zwei Küchen, eine zum Lagern, eine zum Kochen.

Als Stefan Wieland sagt, sie seien schon alle sehr kompetitiv gewesen, lachen die anderen. «Das ist die Untertreibung des Jahrtausends», ruft Alice, die einzige Frau unter den Geschwistern und wie die Mutter ehemalige Diskuswerferin. Alles war ein Wettkampf, vom Minigolf bis zum Golf, das ist bis heute so, wenn im Herbst alle gemeinsam Ferien machen. Kamen sie vom Fussballplatz heim, weinte meist einer der Jüngsten. Die Spiele nannten sie «Lukas gewinnt», weil der Zweitälteste die Dinge meistens anriss und ungern verlor.

Hat sich nie eine Schwester gewünscht: Alice, 30, hat gerade den Master in Psychologie und Betriebswirtschaft abgeschlossen.

Hat sich nie eine Schwester gewünscht: Alice, 30, hat gerade den Master in Psychologie und Betriebswirtschaft abgeschlossen.

«Und doch ist es immer auch ein Miteinander», sagt Simon, ein Ruhepol der Geschwister. Die sechs sitzen im Kreis, hören einander zu, teilen ihre Meinungen. Sie fragen nach, ermuntern, noch mehr zu erzählen. Oder intervenieren, wenn der Jüngste zu bescheiden von seinen Ambitionen spricht. Sie erzählen, wie die Erfahrungen und die Unterstützung der anderen in schwierigen Phasen geholfen haben. Und wie eine Teilnahme der Jüngsten am UBS Kids Cup innerhalb der Familie dieselbe Bedeutung hatte wie eine internationale Meisterschaft der Älteren am selben Wochenende.

Fast scheint es, als seien die einzelnen Karrieren alle ein Familienprojekt. Und in gewisser Weise stimmt das auch.

Besonders gut zeigt das die Karriere von Simon Wieland, dem Speerwerfer und Erfolgreichsten der sechs. Der Bruder Lukas war sein erstes Vorbild, Simon war 12 Jahre alt, als Lukas den Speer bereits 75 Meter weit warf. Die beiden begannen, gemeinsam zu trainieren, und bald schrieb Lukas die Trainingspläne nicht mehr für sich, sondern für den jüngeren Bruder. In ihm sah er die grössere Chance auf einen Durchbruch.

Sie lesen jede Studie, die über das Speerwerfen publiziert wird

Lukas Wieland wollte früh der beste Speerwerfer der Welt werden, «aber ich habe viel dummes Zeug gemacht». Er trieb sich so sehr an, dass er bald aussah wie ein Bodybuilder und «dafür keinen Speer mehr werfen konnte». Die ganze Familie bestehe aus Nerds – «wahrscheinlich haben wir jedes Paper und jede Studie gelesen, die je zu unseren Disziplinen verfasst wurden», sagt er. Doch das Wissen in die Praxis umzusetzen, lernten sie erst mit der Zeit.

Lukas, 32, wollte einst der beste Speerwerfer der Welt werden. Nun vermarktet er mit EP Management internationale Athleten.

Lukas, 32, wollte einst der beste Speerwerfer der Welt werden. Nun vermarktet er mit EP Management internationale Athleten.

Lukas Wieland gestaltete die Schweizer Leichtathletik schliesslich nicht als Speerwerfer mit, sondern als Gründer der Firma EP Management mit Mujinga Kambundjis Partner Florian Clivaz; die Sprinterin war auch die erste Kundin.

Und als Trainer von Simon, den er behutsamer als sich selbst aufbaute. Dieser schleuderte den Speer bereits als 18-Jähriger auf verblüffende 79,44 Meter und wurde damit U-20-Europameister. Das war nicht nur ein Segen: In den folgenden Jahren scheiterte er an dieser Marke. Der Speerwurf gilt als volatile Disziplin, mehr als ein Training pro Woche mit dem Speer liegt wegen des hohen Verschleisses nicht drin. Stimmt ein Detail im Körper oder im Bewegungsablauf nicht, gelingt kein weiter Wurf. Auch deswegen schwanken die Leistungen der weltbesten Werfer von Saison zu Saison oft stark.

Auch Simon Wieland kämpfte immer wieder mit kleineren körperlichen Beschwerden. Bis ihm 2025 endlich nichts weh tat. Zugleich zahlte sich der Aufbau über die Jahre aus: die Fortschritte im Kraftbereich, der Explosivität, der Beweglichkeit. Alles kam zusammen. Wieland gewann die University Games (ehemals Universiade) und knackte bei Weltklasse Zürich erstmals die 80 Meter. Die Erleichterung war so gross, dass ihm die Tränen kamen. «Auch, weil ich gesehen habe, wie viel es Lukas bedeutete», sagte er. An den WM in Tokio stellte er dann mit 82,26 m einen Schweizer Rekord auf.

Simon Wieland, 25, will an seine erfolgreiche Saison 2025 anknüpfen. Neben dem Speerwurf studiert er Volkswirtschaft.

Simon Wieland, 25, will an seine erfolgreiche Saison 2025 anknüpfen. Neben dem Speerwurf studiert er Volkswirtschaft.

Damit verpasste er zwar knapp den Final, zeigte aber wieder, dass er am Tag X seine Leistung abrufen kann. «Monströs gut» sei Simons Umgang mit Druck, sagen die Geschwister. Er selber führt das auf die kompetitive Familie zurück. Lukas sagt, es komme Simon auch entgegen, dass seine Gedanken tiefer gingen. «Er ist sehr stark im Visualisieren. Auch wenn er verletzt ist, kann er im Kopf sehr gut an technischen Dingen arbeiten.»

Auch dieses Jahr hat er schon wieder über 80 Meter geworfen; an den EM in Birmingham Mitte August würde er gerne noch einen drauflegen. Stimmt an einem Tag alles, sind auch 85 Meter drin, davon sind die Wielands überzeugt. Mit dieser Weite sind manchmal schon Medaillen möglich.

Auch der Kugelstösser Stefan will an die EM

Nun hofft Simon Wieland, dass ihn ein Bruder nach Birmingham begleitet: der Kugelstösser Stefan. Gut möglich, dass er diese Woche selektioniert wird. Hinter den Grössen Werner Günthör und Jean-Pierre Egger, die ihre Erfolge in den 1970ern und 1980ern feierten, ist er mit 19,56 Metern die Nummer drei der ewigen Schweizer Bestenliste. Die Weite hat er dieses Jahr in Magglingen erzielt, die erwünschte Richtung stimmt, auch wenn er die 20 Meter nicht in den Mund nimmt. Das hat ihm Alexander verboten, der älteste Wieland, seit letztem Jahr Stefans Techniktrainer.

«Wenn du immer an die 20 Meter denkst, stösst du sie nicht», sagt er. Verkrampfen bringe nichts. Wer die besten Werfer und Stösser der Welt beobachtet, staunt über die Lockerheit, die diese trotz allem Kraftaufwand im Wurf verströmen. Es ist diese Eleganz, die die Wielands an ihren Disziplinen so fasziniert.

Stefan, 27, träumt von der 20-Meter-Marke, spricht sie aber nicht an. Er hat Biomedizin studiert und beginnt bald einen Master.

Stefan, 27, träumt von der 20-Meter-Marke, spricht sie aber nicht an. Er hat Biomedizin studiert und beginnt bald einen Master.

Stefan Wieland hat seit seinem 11. Lebensjahr mit dem Nationaltrainer Hansruedi Meyer zusammengearbeitet; letztes Jahr spürte er, dass er neue Impulse brauchte. Den Studenten reizte auch das Ausland. Doch das Krafttraining mit Jan Seiler in Magglingen und das Athletiktraining, das er gemeinsam mit Simon bei Adrian Rothenbühler, dem Trainer von Stabhochspringerin Angelica Moser, absolviert, wollte er nicht aufgeben – und fragte den älteren Bruder Alexander, dessen Technikinputs ihm früher schon gefallen hatten.

Und so sind die sechs Geschwister fast alle auch in den Karrieren der anderen involviert. Als Trainer, Vorbilder, Unterstützerin, Manager oder Kritiker.

Gegen Ende des Gesprächs taucht Besuch im Kraftraum auf: der jüngste Wieland-Zuwachs, ein paar Monate alt erst. Es ist der Nachwuchs von Alexander. Und die Mutter des Kindes, Angela Peter? Natürlich – sie war Schweizer Meisterin im Diskuswerfen.

Florian, 21, hat eine gute Wahrnehmung im Raum – das hilft beim Hammerwerfen. Er studiert Jus.

Florian, 21, hat eine gute Wahrnehmung im Raum – das hilft beim Hammerwerfen. Er studiert Jus.

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