Aus 15 Ländern reisen Highliner zu den Weltmeisterschaften nach Laax. Die Schweiz hat den Sport auf der hohen Slackline als erstes Land als solchen anerkannt. Für viele ist es weitaus mehr.
Aus 15 Ländern reisen Highliner zu den Weltmeisterschaften nach Laax. Die Schweiz hat den Sport auf der hohen Slackline als erstes Land als solchen anerkannt. Für viele ist es weitaus mehr.

Jana Leu / Volltoll
Die beiden Finalisten stehen in den Startlöchern. Besser gesagt: auf einem 2,5 Zentimeter schmalen Band, gespannt in 15 Metern Höhe zwischen zwei Häusern. Ein Horn ertönt. Dumpfer Technobass treibt sie an. Mit schnellen Trippelschritten setzen sie einen Fuss vor den anderen. Die Beine schwingen gleichmässig, die Arme rudern gelegentlich unkontrolliert.
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«Vamos!» oder «Amazing!» ruft das internationale Publikum. Es steht zwischen den grauen, quadratischen Gebäuden des Rocks-Resorts in Laax Murschetg, der Talstation des Skigebiets. Im Hintergrund ragen die Bündner Alpen auf. Hier finden die dritten Weltmeisterschaften im Highlinen statt – dem Balancieren auf einem elastischen Band in der Höhe.
Dann, kurz vor der roten Zielflagge nach 60 Metern, rutscht der Deutsche Sascha Grill ab. Der Weltmeister lief zu schnell, riskierte alles, um im zweiten Durchgang auszugleichen. Wer zwei von drei Läufen gewinnt, entscheidet das Duell.
Er stürzt aber nicht in die Hängematten, in denen direkt darunter Kinder liegen. Die Leash, ein Sicherungsseil, das über einen Ring aus Metall mit der Highline verbunden ist, fängt ihn. Kopfüber baumelt er in der Luft, seine langen blonden Haare hängen herab.
Lianpeng Li entthront Grill, ist neuer Highline-Weltmeister in der Disziplin «Speed». Und: neuer Weltrekordhalter. Die Schiedsrichter auf dem Gebäude im Ziel bestätigen es: 23,05 Sekunden hat er für die 60 Meter gebraucht. Der Chinese lief mit über neun Kilometern pro Stunde über das dünne Band. Das ist schnell. Mit ähnlich schnellem Tempo entwickelte sich auch die noch junge Sportart.

Jana Leu / Volltoll
«Ich wusste ja, dass es spektakulär wird», sagt Thomas Buckingham. Dass der Weltrekord nun schon zum vierten Mal an diesem Tag fällt, überrascht aber selbst ihn. Der Mann mit dem royal anmutenden Namen hat entscheidend dazu beigetragen, dass es dazu kam.
Buckingham präsidiert den Schweizer und den Internationalen Slackline-Verband und organisiert mit Swiss Slackline auch die Weltmeisterschaften. Er gilt als Pionier, als Legende in der Szene, spannt seine Slacklines seit nunmehr 20 Jahren.
Mit Gleichgesinnten wollte er die kleine Szene früh vernetzen. 2013 gründeten sie aus den vier Schweizer Vereinen den nationalen Verband, zwei Jahre später folgte der internationale. Sie wollten Neues wagen, etwas bewegen, Slacklining als Sport voranbringen.
«Die erste WM 2022 war das letzte Quentchen, um Swiss Olympic zu überzeugen», sagt Buckingham. Vor vier Jahren anerkannte der Dachverband Slacklining offiziell als Sportart. Highline ist eine extremere Form davon – nicht in Bodennähe, sondern hoch über dem Boden oder gar über Schluchten. Aber gesichert.

Gian Ehrenzeller / Keystone
In diesem Jahr treten 43 Athletinnen und Athleten aus aller Welt an. Sie haben Punkte in den Weltcups gesammelt und qualifizierten sich über ihre Platzierung in der Weltrangliste. Manche filmten ihr Können und erhielten in Ausnahmefällen eine «Wildcard».
Die Disziplinen: Beim «Speed» duellieren sich jeweils zwei Athletinnen oder Athleten und versuchen, eine 60 Meter lange Highline in 15 Metern Höhe so schnell wie möglich zu überqueren. Im «Freestyle» springen sie auf elastischeren Bändern und vollführen Schrauben und Salti aller Art in luftiger Höhe. Eine Jury vergibt Punkte für Stil und Schwierigkeitsgrad der Tricks.
Am Boden jonglieren währenddessen zwei bärtige Männer mit Keulen, ein anderer dreht stundenlang ein Tuch auf dem Finger im Kreis. Mittendrin die Highliner: Sie tragen bunte Leggings oder Shorts und Outdoor-Hüte gegen die Sonne.
Sie beschreiben sich als «freiheitsliebend» oder «bewegungsliebend». Viele reisen viel, leben einfach. Die meisten fanden über das Klettern zum Slack- und Highlinen. Adrenalin-Junkies seien sie aber nicht, betont Buckingham. «Wir nutzen das Band, um runterzukommen.» In der Sportart sind Ruhe, Fokus, Balance gefragt.
Ein Mann mit Schnurrbart und Flachdach-Mütze erzählt seinem Kollegen von seinem Roadtrip, der «super flowig» war. Hängematten, die man an Highlines befestigen kann, werden verkauft. Kinder flitzen auf Trottinetts umher, ältere Leute pausieren ihre Velotour oder Wanderung. «Das wäre doch was für dich», sagt ein Mann schmunzelnd zu seiner Partnerin und blickt zur Highline, wo gerade zwei Athletinnen ihre Freestyle-Tricks zeigen.
Langeweile droht hier nicht. Paradoxerweise stand sie jedoch am Ursprung der Sportart. 1979 balancierten zwei Kletterer im amerikanischen Yosemite-Nationalpark auf gespannten Seilen, Ketten und später Nylonbändern zwischen Bäumen, um schlechtes Wetter zu überbrücken.
Bald gefiel ihnen das Balancieren fast besser als das Klettern. Rund vier Jahre später verlegten sich die Slacklines auch in die Höhe. Kletterer aus aller Welt trugen die Idee in ihre Heimat. In der Schweiz lieferte der Alpinist Stephan Siegrist die Initialzündung. Um das Jahr 2003 begann er damit.
Highline bald bei den Olympischen Spielen?Heute gibt es in der Schweiz rund 25 Vereine. Etwa 400 Menschen trainieren regelmässig auf Highlines. Auf der Online-Karte «Slack-Map» sind rund 360 gespannte Lines im Land verzeichnet.
Zu den besten Schweizern gehören Mélanie Béguelin und Ramun Tomaschett. Die beiden wurden zum Auftakt dieser WM die ersten Schweizer Meister im Highlinen überhaupt. Béguelin in beiden Disziplinen bei den Frauen, Tomaschett im «Speed» bei den Männern. Zugegeben: Die Chancen dazu standen auch nicht schlecht bei insgesamt 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Hierzulande ist sie eben noch jung, die Sportart.

Jana Leu / Volltoll
Während Béguelin als ehemalige Synchronschwimmerin mit 20 Jahren Erfahrung und EM-Teilnahme den Wettbewerb geniesst, sieht es der Bündner Bergler Tomaschett ein wenig anders.
Er nimmt an Wettkämpfen teil, um der Sportart «seinen Dienst zu erweisen», wie er sagt. 2017 kam er durch den Klettersport in die Szene. Er balancierte schon in 640 Meter Höhe über ein Tal in Frankreich oder über 1,5 Kilometer lange Slacklines. Am liebsten bleibt er in seinem Habitat, den Bergen, und spannt dort die Slacklines. Dabei will er nicht der Schnellste sein, sondern schöne Orte entdecken.
«Highlinen ist wie das Leben», sagt Tomaschett. «Der Weg führt immer von A nach B.» Es zwinge ihn, im Moment zu bleiben, im Jetzt. Aber: Die Energie des Wettbewerbs fasziniere ihn schon, es sei ja auch spannend. Vor Ort beteuern alle, dass es Platz für die verschiedenen Ansätze und Formen des Slacklinens gebe: als Show, Ausdrucksform, Lebensentwurf oder Sport.
Träumen einige von den Olympischen Spielen? Auch da gingen die Meinungen von «sicher nicht» bis «ganz klar», sagt Buckingham. Er ist sich jedenfalls sicher: «Es wird olympisch.» Das kann aber noch eine ganze Weile dauern.
An Nachwuchs fehlt es nochDie Schweizer scheinen mit Blick auf die WM sowieso noch Zeit zu brauchen. «Wir hatten keine Chance. Auch in diesem Jahr nicht», sagt Tomaschett. Er kam in der Qualifikation für die beiden Disziplinen nicht unter die ersten acht für die Finalrunden. Béguelin schaffte es nur im «Speed» und schied dann im Viertelfinal aus.

Jana Leu / Volltoll
Der Pool an talentierten Sportlern ist wegen der Bevölkerungszahl schon deutlich kleiner als in Brasilien oder den USA. In China – woher auch der neue Weltmeister im «Speed» stammt – fördert die Regierung seit wenigen Jahren auch Slackline-Athleten an den Sportuniversitäten. In Brasilien bietet die Natur viele Orte für permanente Highlines, um zu trainieren. In der Schweiz ist es reglementierter, viele werden wieder abgebaut. Ärger mit Landwirten oder den Förstern droht.
Vor allem fehle aber der Nachwuchs, sagt Buckingham. Die meisten beginnen erst ab Mitte zwanzig mit Slacklinen. Die Kinder kommen damit gar nicht erst in Berührung, es gibt keine regelmässigen Kurse für sie.
Vielleicht treten die Wettkämpfe in Laax etwas los, wie schon die WM 2022 mit der Anerkennung als Sportart. Ein kleiner Junge blickt in die Höhe zum Band, auf dem ein Athlet gerade durch die Luft wirbelt. «360-Impossible», ruft der Kommentator.
«Mama, können wir das auch machen?» Die Mutter deutet auf eine der aufgebauten Slacklines in 30 Zentimeter Höhe. Er könne mal mit der anfangen.

Gian Ehrenzeller / Keystone
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