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Nachhaltigkeit: Unternehmen berichten offener – aber vor allem, was sie müssen

Дата публикации: 20-07-2026 10:05:37

Unternehmen in Deutschland werden zunehmend offener, wenn es um ihre Nachhaltigkeit geht, zeigt eine Analyse von Millionen Daten aus zehn Jahren. Müssen sie auch. Bei genauem Hinsehen zeigt sich aber ein gemischtes Bild.

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Mann und Frau stehen in einem hellen Büro mit Holztrennwand und betrachten gemeinsam ein Tablet; ein Fahrrad ist im Vordergrund unscharf zu sehen.

AUDIO: Nachhaltigkeit: Unternehmen zunehmend offner – mit Lücken (3 Min)

Arbeitszufriedenheit, Emissionen, Wasserverbrauch

Nachhaltigkeit: Unternehmen zeigen sich offener – aber vor allem, was angesagt ist

Stand: 20.07.2026 12:05 Uhr

Nachhaltigkeit war lange Zeit ein Verkaufsargument und ist es wohl immer noch. Aber eine grüne Verpackungsschachtel macht einen Hersteller noch nicht klimafreundlich, so viel ist klar. Wie gut sich Unternehmen um die Belange der Zukunft kümmern, steht in hauseigenen Nachhaltigkeitsberichten. Die werden bald nach EU-Standard auch hierzulande Pflicht, zumindest für die wirtschaftlichen Top-Player. Aber auch auf die freiwilligen Berichte lohnt ein detaillierter Blick, den Forschende jetzt anhand von Millionen Daten gewagt haben.

von Florian Zinner

Nachhaltigkeitsbilanz – stattliche 21 Buchstaben, aber wenn es nach Thorsten Sellhorn geht, ist das trotzdem nicht der richtige Begriff. Bilanz sei schließlich ein streng definiertes Rechenwerk, findet der Ökonom und Professor für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Und spricht lieber von Nachhaltigkeitsberichterstattung. Das wären dann sogar 32 Buchstaben. Am Ende bleibt's für den Forscher aber eine "Wundertüte".

Der Begriff "trifft das Ganze eigentlich schon ganz gut", sagt Sellhorn. "Was wir in fast allen Nachhaltigkeitsberichten heute sehen, sind Treibhausgasemissionen. Aber auch Energie- und Wasserverbrauch und andere Umweltthemen. Ganz viel auch zu den Belangen der eigenen Belegschaft." Denn auch die Unternehmensführung, Arbeitswirklichkeit und Gleichstellung der Beschäftigten sind Teil der Nachhaltigkeit eines Unternehmens.

Nachhaltigkeit: Neue EU-Richtlinie mit gut vergleichbaren Kennzahlen

Prof. Dr. Thorsten Sellhorn

Insgesamt 500 Kennzahlen hat die neue EU-Richtlinie CSRD, vom Wasserverbrauch bis zur Zahl der Frauen im Top-Management. Diese konkreten Daten seien ein Fortschritt, sagt Sellhorn: "Diese Kennzahlen kann man vergleichen, über Jahre verfolgen, an Zielen messen. Wenn das nur wohlklingende Prosa ist, wie vielfach in den Jahren davor, dann gelingt so ein Vergleich und so eine Messung im Zeitablauf schlecht."

Obwohl CSRD bereits für große Unternehmen in Europa gilt, ist die Richtlinie in Deutschland noch kein geltendes Recht. Gerade Unternehmen, die in der Öffentlichkeit stehen, berichten aber vorauseilenderweise trotzdem schon. Thorsten Sellhorn und das Forschungsteam in München haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Berichterstattung der Unternehmen auszuwerten – und zwar rückwirkend für zehn Jahre. Bisher mussten solche Datenauswertungen bei kommerziellen Anbietern gekauft werden.

Kein Mensch liest 9.000 Berichte mit 1,7 Millionen Seiten. Prof. Dr. Thorsten Sellhorn, LMU München

"Kein Mensch liest 9.000 Berichte mit 1,7 Millionen Seiten. Deswegen haben wir ein KI-System programmiert, das genau das tut." Die Daten seien mitunter detaillierter als die, die es zu kaufen gibt und stünden kostenfrei zur Verfügung.

KI macht Nachhaltigkeitsberichte zugänglich

Mehrere Millionen KI-Abfragen später zeige sich, dass viele Unternehmen gern über die eigene Belegschaft berichten, sagt Sellhorn, wie etwa Mitarbeitendenzufriedenheit und Arbeitsunfälle. Über Umweltverschmutzung und Bemühungen zum Erhalt der Biodiversität erfahre man hingegen wenig. Motivierender ist da eine andere Erkenntnis der Studie, die jetzt im Fachblatt Nature Communications erschienen ist: "Direkte Emissionen, also Emissionen aus der eigenen Produktion, sind im Durchschnitt deutlich gesunken. Der Anteil erneuerbarer Energien hat sich nahezu verdoppelt."

Berichte alleine senken keine Emissionen Prof. Dr. Thorsten Sellhorn, LMU München

Das passt zum Zeitgeist. Weniger passend scheint, dass die Emissionen entlang der Wertschöpfung, also durch Lieferketten, deutlich zugenommen haben. Das sei aber nicht zwangsläufig eine Verschlechterung, sondern liege daran, dass Unternehmen diese Informationen überhaupt erst nach und nach transparent machen. "Wenn man diese Lieferkettenemissionen vor zehn Jahren mal aufaddiert hätte, wäre das ein relativ geringer Wert gewesen." Heute sehe man diese Informationen hingegen bei fast allen Unternehmen – klar, dass da am Ende mehr berichtete Emissionen rumkommen.

Nachhaltigkeit bei den Unternehmen: Dort, wo's angesagt ist

Interessant ist auch eine Beobachtung zu den Strategien der ausgewerteten Unternehmen. Diese "scheinen sich dort zu verbessern, was die Nachhaltigkeit angeht, wo Transparenz eingefordert wird. Also bei den Kennzahlen, die im Rampenlicht stehen. Aber man muss natürlich feststellen: Transparenz ist Mittel, nicht Zweck an sich. Ich meine, Berichte alleine senken keine Emissionen", so Ökonom Sellhorn.

Die EU-Richtlinie CSRD scheint zumindest im Grunde eine gute Idee zu sein, wenn sie in Deutschland voraussichtlich noch 2026 geltendes Recht wird. Aufpassen müsse man freilich, dass die Berichterstattung Unternehmen nicht überfordere, gerade kleinere, gibt Thorsten Sellhorn zu bedenken. Andererseits bestehe die Gefahr, dass Nachhaltigkeitsberichte bei einer nur freiwilligen Berichterstattung eben sehr dünn und auch sehr unterschiedlich ausfallen. Eine Wundertüte eben.

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