Anton Segner wurde als Kind für unsportlich befunden. Nun hat es der 24-Jährige in Neuseelands legendäres Nationalteam „All Blacks“ geschafft – ohne seinen deutschen Pass abzugeben. Wie war das möglich?
Im Trikot der Träume: Anton Segner im Dress des Nationalteams „All Blacks“.
Foto: New Zealand Rugby/John CowplandDüsseldorf/Auckland · Anton Segner wurde als Kind für unsportlich befunden. Nun hat es der 24-Jährige in Neuseelands legendäres Nationalteam „All Blacks“ geschafft – ohne seinen deutschen Pass abzugeben. Wie war das möglich?
Kennen Sie Buzkaschi? Afghanistans Nationalsport erinnert weniger an Polo und mehr an eine lebensgefährliche Massenschlägerei unter Dutzenden Teilnehmern im Vollgalopp. Das Spielfeld ist ein Stück Steppe, als Spielgerät dient ein Ziegenkadaver. Ein deutscher Superstar in dieser Disziplin ist nicht denkbar. Auf demselben Level ist eigentlich Rugby in Neuseeland. Der so raue wie faire Sport verbindet Teenager und Familienväter, Kita-Kinder und Greise, Bauern und Bankiers, Gangmitglieder und Polizisten. Die weiße Mehrheitsgesellschaft und die indigenen Maori – sowie deren manchmal ungeliebten Verwandten aus den nahen polynesischen Inselnationen wie Tonga und Samoa.
Gespielt wird zwischen Gletschern und unter Palmen, auf quadratkilometergroßen Farmen und in den Stadtparks im Schatten der Wolkenkratzer. Schon in den Grundschul-Teams ist die Konkurrenz gigantisch. Der Neuseeländer an sich neigt nicht zur Heldenverehrung – außer beim Rugby-Nationalteam, den „All Blacks“. Halbgötter in schwarz. Sie spielen stets mit Finesse, wie die Niederländer oder die Brasilianer im Fußball. Das schöne Spiel. Rugby total. Vor dem Anpfiff zeigen sie den Kriegstanz Haka, danach eine Art Ballett von 100-Kilo-Muskelmännern.
Mit dabei ist neuerdings auch Anton Segner (24) aus Frankfurt. „Das ist eine großartige Geschichte“, sagte eine Reporterin nach der Bekanntgabe des Kaders am 22. Juni. „Einer der großartigsten Geschichten aller Zeiten. Unser erster in Deutschland geborener All Black – Anton Segner, Glückwunsch!“ Wie es gewesen sei, als 16-Jähriger um die halbe Welt zu fliegen, um an einer neuseeländischen Schule das Rugbyspielen zu lernen? Segner lächelt und korrigiert: Genau genommen sei er erst 15 gewesen. Fünf Jahre zuvor hatte er die Rugby-WM 2011 im Fernsehen verfolgt, bei der die Kiwis im eigenen Land triumphierten. Damals habe er nicht mal gewusst, wo Neuseeland liege, sagt Segner. „Aber ich wusste, dass es das beste Rugby-Land der Welt ist – und das genügte mir.“
Als Grundschüler hatte Segner X-Beine und einige Kilo zu viel auf den Rippen gehabt. „Das wird nichts“, habe der Fußballtrainer gesagt, erinnert sich seine Mutter in einer sehen sehenswerten „Sportschau“-Doku. „‚Du bist so unsportlich, lass das lieber.‘ Da war er am Boden zerstört. Aber alles passiert aus einem Grund.“ Ein Kumpel nahm Anton zum Rugby mit, die Mannschaft ermutigte ihn zu Operationen, besuchte ihn geschlossen im Krankenhaus. „Innerhalb von einem Jahr kamen die Schrauben raus. Dann hatte er gerade Beine, konnte unbeschwert rennen… das war wie ein Befreiungsschlag. “
2017 bot ihm die Nelson Boys’ Highschool ein Rugby-Stipendium an; seine neuseeländischen Trainer in Frankfurt hatten ihn dringend empfohlen. Seine Mutter ließ ihn bereitwillig ziehen, in der Annahme, nach einem halben Jahr käme er zurück. Doch Segner blieb, wurde 2018 Kapitän, führte seine Schule 2019 zur Meisterschaft, unterschrieb 2020 seinen ersten Profi-Vertrag.
Und diktierte bei jeder Gelegenheit jedem Reporter in den Block, sein großes Ziel sei die Nationalmannschaft. Die neuseeländische. Theoretisch geht das, weil nicht die Staatsangehörigkeit zählt, sondern der Lebensmittelpunkt der vergangenen fünf Jahre. Praktisch schien es fast unmöglich. Allem Talent und Fleiß, Reife und Drive zum Trotz.
Segner legt ein enormes Selbstvertrauen an den Tag, das man nicht für eine Sekunde mit Arroganz verwechseln könnte. „Wenn man motiviert ist und die Liebe zum Sport so groß ist wie bei mir, dann kann man alles erreichen“, betonte er in der Doku. Das Dress der „All Blacks“ würde ihm sicher gut stehen, sagt seine Freundin Hunter Lee Kawana. „Es ist seine Lieblingsfarbe.“ Sie lacht aus vollem Hals, wie um das Ungeheuerliche etwas abzuschwächen. So spricht man nicht über das heilige Trikot. Segner lacht nicht, und er wiegelt auch nicht ab. Er lächelt, nickt und sagt. „Yeah.“
Mit dem U-20-Nationalteam war ihm jedes Spiel verwehrt geblieben. Corona. Er nahm es sportlich.
In den letzten Monaten ist der sehnige 108-Kilo-Mann zum Kapitän des Spitzenteams „Auckland Blues“ aufgestiegen. Anführer von 40 Neuseeländern, einem Samoaner, einem Tongaer. Ohne jede Missgunst; die Mitspieler preisen sein „Mana“, das Charisma der großen Häuptlinge, Priester und Meister ihrer Klassen.
Er ist überall, furcht- und kompromisslos. Schmeißt sich mit Verve in die Tacklings. Klaut Bälle, macht ordentlich Meter damit, reißt Lücken in die Defensive. Er mag den strategischen Aspekt des Spiels, spricht von der Zeit, die sich in Entscheidungssituationen verlangsamt, von der Klarheit und Ruhe, die er spürt. Er liebt den Vollkontakt, über Ellbogen in den Rippen oder am Kehlkopf spricht er amüsiert.
Nicht wie ein preußischer Soldat, sondern wie ein echter Kiwi.
Und nun wird er ein „All Black“, wahrscheinlich in einem der nächsten Spiele, an diesem Samstag gegen Frankreich oder am kommenden gegen Italien. Und das hochverdient, unterstreicht Robert van Royen, Rugby-Reporter bei Neuseelands größter News-Website stuff.co.nz, unserer Redaktion. „Er hat herausragend gespielt und sich diese Nominierung absolut verdient.“ Einen PR-Gag schließe er aus: „Ob die Entscheider den Deutschland-Faktor, diese Feel-Good-Story mit betrachtet haben? Garantiert nicht.“ Colin Newboult von PlanetRugby.com bestätigt: „Zwar sind die All Blacks sehr gut darin, Gelegenheiten zu nutzen, wenn sich eine Geschichte wie diese anbietet. Aber letztlich bleibt das schwarze Trikot in Neuseeland heilig. Eine unverdiente Nominierung würden Fans, Medien und Trainer nie akzeptieren.“
Den entscheidenden Anruf von Nationaltrainer Dave Rennie verpasste Segner; nachdem er die frohe Nachricht erhalten hatte, klingelte er seine Eltern in Frankfurt aus dem Bett, morgens um drei. Ihm selbst fehlten die Worte, um zu beschreiben, was ihm die Erfüllung dieses Traums bedeute, sagte Segner. Dann tat er, was zu tun war: Medientermine, Einkleiden, Gewichte stemmen, Training mit der legendärsten Rugby-Mannschaft der Welt.
Deutschlands wohl größter Rugby-Experte Jan Lüdeke betont auf Anfrage: „Klar muss er sich beweisen. Und wenn er nicht überzeugt, kann es passieren, dass er nach den Juli-Spielen erstmal wieder außen vor ist.“ Doch es folgt ein großes Aber: „Ich kenne und verfolge Anton seit Jahren. Das wird nicht passieren. Er wird nur noch besser und wird sich da festbeißen.“ Mehr noch: „Eigentlich wäre er von seiner ganzen Anlage und Art der typische Kapitän der Zukunft.“