Überschallflüge könnten die Route New York–London auf vier Stunden verkürzen. Die NASA testet den X-59 – und Trump räumt Hürden aus dem Weg.
Stand: 03.07.2026, 06:10 Uhr
Überschallflüge könnten die Route New York–London auf vier Stunden verkürzen. Die NASA testet den X-59 – und Trump räumt Hürden aus dem Weg.
Flüge quer durch die Vereinigten Staaten – und zwischen großen Metropolen weltweit – könnten deutlich kürzer werden, wenn eine neue Generation von Überschallflugzeugen in Dienst gestellt wird. Eine solche Entwicklung würde nicht nur Reisezeiten verkürzen, sondern auch die Art und Weise verändern, wie Geschäfts- und Urlaubsreisen geplant und erlebt werden.

Eine von Newsweek vorgenommene Analyse wichtiger amerikanischer und internationaler Strecken legt nahe, dass Reisen um Stunden kürzer werden könnten. Ein Flug von New York nach Los Angeles, derzeit rund fünfeinhalb Stunden, könnte auf etwas mehr als drei Stunden sinken. Grundlage der Annahme sind die prognostizierten Geschwindigkeiten des experimentellen X‑59-Flugzeugs der NASA.
Überschallflüge: Die längsten Reisen würden am stärksten schrumpfenTransatlantikflüge wie New York–London könnten von etwa sieben auf rund vier Stunden reduziert werden, während längere Routen wie Los Angeles–Sydney um bis zu sechs Stunden kürzer ausfallen könnten. Damit würden Orte, die bislang als besonders weit entfernt galten, deutlich näher aneinander rücken.
Falls der Überschallverkehr zurückkehrt, deutet sich ein grundlegender Wandel an, wie Entfernung wahrgenommen wird: Die längsten Reisen würden am stärksten schrumpfen. Entfernungen, die heute einen ganzen Reisetag in Anspruch nehmen, könnten auf Zeitspannen zusammenschmelzen, die eher an Kurzstrecken erinnern.
Auf Inlandsstrecken innerhalb der USA sind die größten Gewinne auf Verbindungen von Küste zu Küste zu erwarten. Ein Flug von New York nach Los Angeles könnte um mehr als zwei Stunden verkürzt werden, während Routen wie Los Angeles–Chicago ebenfalls deutlich kürzer würden. Das würde den Wettbewerbsdruck auf bestehende Langstreckenangebote erhöhen.
International fällt der Unterschied noch deutlicher aus. Flüge zwischen Nordamerika und Europa könnten um etwa drei Stunden gekürzt werden, und transpazifische Reisen könnten um mehrere weitere Stunden schrumpfen. Das würde nicht nur Geschäftsreisenden zugutekommen, sondern könnte auch den internationalen Tourismus verändern.
Technische Ziele und regulatorische HürdenDiese Schätzungen stützen sich auf die von der NASA angestrebte Reisegeschwindigkeit von etwa Mach 1,4, was ungefähr dem 1,6- bis 1,8‑Fachen der Geschwindigkeit herkömmlicher Passagierjets entspricht. In der Praxis würden die tatsächlichen Reisezeiten jedoch von betrieblichen Zwängen, Luftraumstruktur und der endgültigen Ausgestaltung des regulatorischen Rahmens abhängen.
Konkrete Flugpläne lassen sich daher bisher nicht ableiten. Aber die Daten geben ein Gefühl dafür, wie stark einzelne Strecken von dem Zeitgewinn profitieren könnten. Gleichzeitig verdeutlichen sie, welche politischen und technischen Entscheidungen darüber bestimmen werden, ob das Potenzial ausgeschöpft werden kann.
Trumps Vorstoß zur Wiederbelebung des ÜberschallverkehrsSeit Jahrzehnten war in den Vereinigten Staaten weniger die Technik als vielmehr die Regulierung das größte Hindernis für Überschallflüge. Politische Entscheidungen legten fest, wo und wie schnell zivile Flugzeuge fliegen durften, unabhängig von den Fortschritten im Flugzeugbau.
Seit 1973 haben US-Bundesvorschriften aufgrund der Überschallknalle zivile Flugzeuge de facto daran gehindert, über Land schneller als mit Schallgeschwindigkeit zu fliegen. Aufgrund dieser Beschränkung blieben Überschallverbindungen weitgehend auf Routen über dem Meer beschränkt.
Präsident Donald Trump drängt die US-Aufsichtsbehörden dazu, das pauschale Verbot durch ein System zu ersetzen, das sich an Lärmgrenzwerten orientiert. Damit würde der Fokus von der reinen Geschwindigkeit auf die tatsächliche Lärmbelastung verlagert.
Trumps Dekret und neue FAA-RegelnIn einem Dekret vom Juni 2025 schrieb Trump: „Seit mehr als 50 Jahren haben veraltete und übermäßig restriktive Vorschriften das Versprechen des Überschallflugs über Land zunichtegemacht, amerikanischen Erfindergeist behindert, unsere globale Wettbewerbsfähigkeit geschwächt und die Führungsrolle an ausländische Gegner abgetreten. Fortschritte in der Luft- und Raumfahrttechnik, der Materialwissenschaft und der Lärmminderung machen Überschallflug heute nicht nur möglich, sondern sicher, nachhaltig und wirtschaftlich tragfähig.“ Mit dieser Argumentation begründet das Weiße Haus den Druck auf die Behörden, bestehende Beschränkungen grundlegend zu überarbeiten.
Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat bereits begonnen, die Regeln neu zu formulieren. Im Juni 2026 schlug sie vor, das jahrzehntealte Verbot von Überschallflügen über Land durch ein lärmorientiertes System zu ersetzen, und erklärte, die Beschränkung sei angesichts technologischer Fortschritte inzwischen „veraltet“.
Newsweek wandte sich per E‑Mail an das Weiße Haus, die FAA und die NASA, um Stellungnahmen einzuholen. Antworten auf diese Anfragen könnten Aufschluss darüber geben, wie groß die politische Unterstützung für kommerziellen Überschallverkehr tatsächlich ist.

Der aktuelle Vorstoß zur Wiederbelebung des Überschallverkehrs knüpft an das Erbe der Concorde an, des bislang einzigen erfolgreichen Überschallpassagierflugzeugs. Seine Geschichte dient Befürwortern und Kritikern gleichermaßen als Referenzpunkt für Chancen und Risiken.
Die Concorde absolvierte ihren Erstflug 1969 und nahm 1976 den kommerziellen Betrieb auf; sie beförderte Passagiere zwischen Europa und den Vereinigten Staaten mit mehr als der doppelten Schallgeschwindigkeit. Sie verkürzte Transatlantikreisen auf rund dreieinhalb Stunden und wurde zu einem Symbol für Geschwindigkeit, Luxus und technologische Ambition.
Ihr Einsatz war jedoch durch Kosten, Lärm und Regulierung begrenzt. Das Flugzeug durfte über weiten Teilen des amerikanischen Festlands nicht im Überschallbereich fliegen, was die Anzahl profitabler Strecken einschränkte, während der hohe Treibstoffverbrauch die Ticketpreise in die Höhe trieb und den Kundenkreis stark begrenzte.
Im Juli 2000 stürzte eine Concorde der Air France kurz nach dem Start in Paris ab, 113 Menschen kamen ums Leben. Zwar nahm das Flugzeug den Dienst für eine kurze Zeit wieder auf, doch die Nachfrage erholte sich nie vollständig; in Kombination mit steigenden Kosten führte dies zur Ausmusterung der Concorde im Jahr 2003.
Warum eine Rückkehr der Überschallflugzeuge heute realistischer wirktAktuelle Bemühungen zur Wiederbelebung des Überschallverkehrs konzentrieren sich darauf, die Probleme zu lösen, die die Concorde ausbremsten. Im Mittelpunkt stehen geringerer Lärm, bessere Effizienz und ein tragfähiges Geschäftsmodell für Airlines. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das X‑59-Flugzeug der NASA. Es wird in Zusammenarbeit mit dem US-Rüstungskonzern Lockheed Martin entwickelt und soll eine deutlich leisere Überschall-Signatur erzeugen als frühere Jets. Damit soll gezeigt werden, dass Überschallgeschwindigkeit nicht zwangsläufig mit ohrenbetäubenden Knallen einhergehen muss.
Stattdessen soll das Flugzeug lediglich ein gedämpftes „Plopp“ erzeugen, was Überschallflüge über Land für Regulierer und Öffentlichkeit akzeptabler machen könnte. Gelingen diese Tests, könnten sie die Grundlage für neue internationale Lärmgrenzwerte und Flugrouten schaffen. Die NASA erklärte, dass der X‑59 am 5. Juni erstmals seine Zielgeschwindigkeit und -höhe erreicht habe, als Teil des Plans, das Flugzeug über US-Gemeinden zu testen und zu messen, wie Menschen auf das Geräusch reagieren. Die Daten sollen künftige Vorschriften beeinflussen und klären, ob leisere Überschallflüge in größerem Maßstab erlaubt werden können.
Kein PassagierjetDer X‑59 selbst wird keine Passagiere befördern. Seine Aufgabe besteht darin, zu demonstrieren, dass leisere Überschalltechnik funktioniert, damit kommerzielle Hersteller darauf aufbauend Flugzeuge entwickeln können, die eines Tages regulär im Liniendienst eingesetzt werden. Solche Nachfolgeflugzeuge müssten neben den Lärmanforderungen auch ökonomische und ökologische Kriterien erfüllen, um eine breite Zulassung zu erhalten. Erst wenn diese Hürden genommen sind, könnten Airlines konkrete Flottenpläne und Streckennetze für Überschallmaschinen entwerfen.
Schnellere Zukunft für Überschallflugzeuge – aber noch kein konkreter FlugplanTrotz der in den Karten dargestellten erheblichen Zeitersparnisse befindet sich der Überschallpassagierverkehr weiterhin in der Entwicklungsphase und ist weit von einer kommerziellen Realität entfernt. Bislang existiert vor allem ein technologisches Versprechen, kein marktreifes Produkt.
Weder die NASA noch Fluggesellschaften haben konkrete Routen bestätigt, und es gibt keinen Zeitplan, wann Tickets in den Verkauf gehen könnten. Zudem bleiben Fragen zu Kosten, Treibstoffverbrauch und der grundsätzlichen Wirtschaftlichkeit schnellerer Reisen für Fluggesellschaften und Passagiere offen.
Vorerst geht es darum, was möglich wäre – und nicht darum, was tatsächlich geplant ist. Doch während sich regulatorische Hürden verschieben und neue Flugzeuge erprobt werden, geben sie einen Eindruck davon, wie grundlegend sich Flugreisen verändern könnten, falls der sogenannte „Sohn der Concorde“ dort Erfolg hat, wo sein Vorgänger scheiterte. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com)