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Jahrelang Alkoholikerin: Münchnerin erzählt, wie sie sich als „Sklave der Sucht“ fühlte – und was ihr das Leben rettete

Дата публикации: 01-08-2026 19:00:52

Carolin Wehrend trank auf dem Höhepunkt ihrer Sucht drei Flaschen Ouzo am Tag – und versteckte Wein auf ihrer Arbeit. Heute ist die 58-Jährige abstinent und spricht über 20 Jahre Kampf gegen die Abhängigkeit.

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Stand: 01.08.2026, 21:00 Uhr

Von: Theresa Salmansberger

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Carolin Wehrend trank auf dem Höhepunkt ihrer Sucht drei Flaschen Ouzo am Tag – und versteckte Wein auf ihrer Arbeit. Heute ist die 58-Jährige abstinent und spricht über 20 Jahre Kampf gegen die Abhängigkeit.

München – Carolin Wehrend aus München war 31 Jahre alt, als ihre Alkoholsucht begann – und sie wusste von Anfang an, dass sie ein Problem hatte. Zwei Jahrzehnte lang bestimmte die Abhängigkeit ihr Leben, bis eine Selbsthilfegruppe den entscheidenden Wendepunkt brachte. Heute ist die 58-Jährige abstinent und spricht offen über ihren langen Weg.

  • Wehrend trank auf dem Höhepunkt ihrer Sucht bis zu drei Flaschen Ouzo täglich und versteckte Wein im Büro.
  • Rund 30 Rückfälle erlebte sie über die Jahre – darunter auch nach sieben Jahren Abstinenz.
  • Eine Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes München verhalf ihr schließlich zu einem Leben ohne Alkohol.

Carolin Wehrend war lange alkoholsüchtig.

Carolin Wehrend war lange alkoholsüchtig. © privatMünchner Alkoholikerin: „Schleichend reingerutscht“ in die Sucht

„Ich bin da schleichend reingerutscht“, erinnert sich Wehrend im Gespräch mit unserer Redaktion. Den Auslöser für den Beginn ihrer Sucht benennt sie klar: der Verlust ihres ungeborenen Kindes. „Der Schmerz war so groß – da habe ich zu trinken begonnen.“ Alkohol diente ihr zur Betäubung. „Das Ziel war nie der Rausch, sondern der Funktionsmodus. Ich dachte mir, dass das Leben ohne Gefühle leichter ist.“

Rückblickend erkennt sie, dass die Wurzeln tiefer liegen: Als Kind lernte sie nie, mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Schon als Sechsjährige bekam sie von ihrer Großmutter Cognac, wenn sie traurig war. „Ich habe dadurch früh gelernt, unangenehme Gefühle positiv mit Alkohol zu verbinden“, reflektiert sie.

Drei Flaschen Ouzo am Tag – und niemand merkte etwas

Wehrend entwickelte sich zur sogenannten Spiegeltrinkerin: Sie konsumierte kontinuierlich über den gesamten Tag verteilt. „Ich habe bereits morgens angefangen und dann durchgehend versucht, den Pegel zu halten.“ Nach zwei Jahren trank sie oft schon drei Flaschen Ouzo täglich. Selbst nachts stand sie auf, um weiterzutrinken – nicht aus Wollen, sondern aus körperlicher Abhängigkeit. „Sobald der Alkoholspiegel sank, setzten Entzugserscheinungen ein, sodass ich trinken musste, um überhaupt wieder schlafen zu können.“

Auch im Büro hörte der Konsum nicht auf. Jeden Morgen kalkulierte sie, wie viel Alkohol sie mitnehmen musste, um den Arbeitstag ohne Entzugserscheinungen zu überstehen. „Im Büro hatte ich dann meistens zwei Flaschen Wein dabei.“ Diese trank sie in Pausen auf der Toilette und kaschierte den Geruch mit Pfefferminzöl. Jahrelang fiel niemandem etwas auf. Wehrend erklärt das so: „Alkoholiker sind Meister darin, ihre Sucht zu vertuschen.“

Sieben Jahre trocken – dann ein einziges Glas Rotwein

Nach einer ersten Entgiftung in einer Klinik blieb Wehrend sieben Jahre lang abstinent. Dann kam eine Firmenfeier. „Ich habe nur ein Glas Rotwein getrunken.“ Was folgte, war ein schleichender Rückfall. Erst als massiver Liebeskummer hinzukam, griff sie wieder vollständig auf ihr altes Muster zurück. Heute ist ihr klar, dass sie damals noch keine neuen Strategien erlernt hatte, um mit belastenden Gefühlen umzugehen.

Weitere zwölf Jahre hielt die Sucht an – mit extremen Phasen, aber auch immer wieder trockenen Wochen oder Monaten. „Engel und Teufel haben auf meiner Schulter ständig gestritten.“ Letztlich gewann stets der Teufel: Rund 30 Rückfälle erlebte sie in dieser Zeit. „Es war ein Teufelskreis.“

Hier finden Sie Hilfe

Für akute und anonyme Hilfe steht die SuchtHotline München unter der Telefonnummer 089/282822 täglich von 6 bis 24 Uhr zur Verfügung. Anlaufstellen wie das Blaue Kreuz (089/388888-73 oder -74) bieten zudem kostenfreie, vertrauliche und professionelle Beratung sowie Therapievermittlung an. Telefonsprechzeiten sind Montag bis Donnerstag von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr sowie Freitag von 10 bis 13 Uhr.

Alkohol schädigte Bauchspeicheldrüse und Leber – Arzt sprach von „Todesurteil“

Als ihre Mutter schwer erkrankte, übernahm Wehrend über Jahre die Pflege ihrer Eltern – neben ihrem Beruf. „Ich habe nur noch getrunken, um zu funktionieren. Mein eigenes Leben existierte quasi nicht mehr.“ Der Konsum steigerte sich weiter. „Es war ein Albtraum.“

Schließlich führte der massive Alkoholkonsum zu einer schweren Bauchspeicheldrüsenentzündung. In der Klinik erhielt sie eine eindeutige Warnung des Arztes: „Er hat gesagt, wenn ich wieder anfange zu trinken, ist das mein Todesurteil.“ Körperlich spürte sie die Folgen längst: Bauchschmerzen, anhaltende Schwäche, kein Appetit, Wassereinlagerungen. Dennoch wurde sie nach einer halbjährigen Abstinenz erneut rückfällig und kam wieder bei sechs Flaschen Wein pro Tag an. Ihre Eltern konnte sie nicht alleinlassen – eine Entgiftung schien unmöglich.

Als ihre Eltern anderthalb Jahre später kurz nacheinander starben, rief sie aus ihrer Verzweiflung heraus die Münchner Suchthotline an. Dort bekam sie den entscheidenden Hinweis auf eine Klinik etwas außerhalb. „Die darauffolgenden 16 Tage Entgiftung waren meine Rettung.“

Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes München als Wendepunkt

Zu diesem Zeitpunkt hatte Wehrend sich innerlich bereits aufgegeben. „Ich war psychisch ein Wrack.“ Doch die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes München veränderte ihr Leben grundlegend. Erstmals wurde ihr wirklich bewusst, dass Alkohol eine Droge ist – und dass sie auch ohne ihn Freude empfinden, Bedürfnisse äußern und Nein sagen darf. „Ich hatte so viele Aha-Erlebnisse und verständnisvolle Gespräche.“

Rund fünf Jahre später fehlt ihr der Alkohol nicht mehr. „Aus ‚Ich darf nichts trinken‘ ist ‚Ich will nichts trinken‘ geworden.“ Die Selbsthilfegruppe besucht sie weiterhin regelmäßig – „man darf nicht übermütig werden“. Wenn sie an die schwere Zeit zurückdenkt, fasst sie es so zusammen: „Ich war ein Sklave der Sucht.“ Heute lebt sie nicht mehr im Gefühl des Verzichts. „Für mich bedeutet das Freiheit, Selbstwert und Lebensqualität.“ Und: „Heute bestimme wieder ich selbst über mein Leben.“ (Quelle: eigenes Gespräch) (res)

Lesen Sie auch: Eine abstinente Alkoholikerin aus München erzählt von ihrer bewegenden Vergangenheit.

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