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Dalsland in Schweden: Wie Michel aus Astrid Lindgrens Lönneberga-Filmen

Дата публикации: 02-07-2026 11:51:00

Die westschwedische Provinz Dalsland präsentiert sich als ein riesiges Mosaik aus Wäldern, Hügeln, Seen – und Schotterwegen. Das macht sie zur perfekten Spielwiese für die angesagten Gravelbikes.

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Die westschwedische Provinz Dalsland präsentiert sich als ein riesiges Mosaik aus Wäldern, Hügeln, Seen – und Schotterwegen. Das macht sie zur perfekten Spielwiese für die angesagten Gravelbikes und zu einer der spannendsten Destinationen ganz Skandinaviens für diesen Trendsport.

Männer sind wie Busse, erklärte mir mal eine gute Freundin. Brauchst Du keinen, kommen zwei. Brauchst Du einen, kommt keiner. So ähnlich geht es Erik Josefsson mit den Elchen. Natürlich möchte jeder Schweden-Tourist einen sehen. Und zwar nicht nur als Aufkleber am Heck eines deutschen Wohnmobils, sondern in echt. „Die zeigen sich aber nicht auf Bestellung“, erklärt der Gravelbike-Guide. „Meistens tauchen sie vor dem Lenker auf, wenn ich meine Rad-Gäste gerade verabschiedet habe.“

Dalsland 2

Farawayistan

Macht nichts. Die Provinz Dalsland, zwei Autostunden nördlich von Göteborg gelegen, ist auch ohne eine Sichtung der imposanten, aber ziemlich dummen und deshalb nicht ungefährlichen Geweihträger eine Reise wert. „Es sieht hier aus wie in den Michel-aus-Lönneberga-Filmen“, sage ich zu Erik.

Der versteht erst nicht, was ich meine. Denn Astrid Lindgrens frecher Bengel hieß im Original nicht Michel, sondern Emil. Und außerdem war Michel nicht in Dalsland, sondern in Småland zuhause. „Bei uns, genauer gesagt in den Wäldern am Råvarp-See, dachte sich Lindgren ihre Geschichte der Räubertochter Ronja aus“, klärt mich Erik auf.

Egal: Die rot getünchten Holzhäuschen, die funkelnden Seen, die geheimnisvollen Moore, die Wälder, die aussehen, als hätte seit der Wikingerzeit niemand mehr aufgeräumt – alles das verschmilzt zu einer fast kitschigen Idylle, die schwedischer nicht sein könnte. Viel Landschaft, viel Natur, wenig Mensch. Gerade einmal 50.000 Einwohner leben auf einer Fläche, die halb so groß ist wie Hessen.

Dalsland 3

Håverud Signe Koch

Ja, man kann hier sehr gut wandern. Oder angeln. Oder Kanu fahren. Neuerdings trifft man hier jedoch immer öfter auf eine andere Outdoor-Spezies: den Homo gravelensis. Der hat – angefüttert von einer gigantischen Marketing-Maschinerie der Zweirad-Industrie – beschlossen, dass ihm Rennrad-Reifen zu schmal und Mountainbike-Schlappen zu breit sind. Der neue Trendsportler braucht für die Ausübung seines Hobbys „Gravel“, auf Deutsch: Schotter.

Solche Pisten und Forstwege gibt es in Dalsland in Hülle und Fülle, denn viele Verbindungsstraßen zwischen den weit verstreut liegenden Weilern und Höfen wurden aus Kostengründen nicht geteert. „Für Gravelbiker ist das hier ein Paradies“, schwärmt Erik und tritt in die Pedale, dass es unter den Reifen nur so knirscht und der Schotter zur Seite spritzt. Bei der nächsten Abfahrt fliegen wir förmlich durch den Wald, während am Wegesrand Buschwindröschen und Schlüsselblumen Spalier stehen.

Dalsland 4

Heidelbeeren Anna Hållams

Ja, sehr hübsch ist das. Aber auch anstrengend. Denn wirklich flach ist Dalsland nie. Die vielen kurzen, aber knackigen Anstiege lassen ordentlich Höhenmeter zusammen kommen. Pro gefahrene zehn Kilometer sind es im Schnitt eher 150 als 100 vertikale Meter. Da kommt eine Pause bei unserem Giro rund um den Iväg-See gerade recht.

Fika nennen die Schweden so ein Time-Out mit kleinen Leckereien. Das Café Stenebylängan, in dem wir einkehren, serviert sogar Sandwiches mit Wildfleisch. Erik erzählt zwischen zwei herzhaften Bissen, wie er zum Gravelbiker der ersten Stunde wurde. Der Job als Immobilien-Entwickler einer Kommune füllte ihn nicht mehr aus. Und Radfahren war schon immer seine Passion. Als er dann erstmals die Hybrid-Velos mit den etwas breiteren Reifen und der Geometrie eines Rennrades sah, spürte er sofort, dass Dalsland wie gemacht ist für diesen Trend. Er initiierte die Plattform „The Dalsland Experience“ und begann, einheimische und ausländische Gravelbiker in die etwas verschlafene Provinz zu locken.

In seinem Basislager in Bengtsfors kann man Räder leihen, geführte Touren mit und ohne Gepäcktransport sowie Unterkünfte buchen, oder einfach nur das eigene Rad zum Service vorbeibringen und sich beraten lassen. Letzteres sollte man auf jeden Fall tun, denn Erik hat in Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband Westschweden eineinhalb Dutzend Touren gescoutet, die mehr als 850 Kilometer Schotterpisten zu einem formidablen Spinnennetz aus mal festen Waldstraßen, mal wurzeligen Trails verbinden. Wer will, kurbelt hier 200 Kilometer am Tag. Und wer nicht will, macht nach 30 Kilometern Schluss und hält an einem der vielen Seen ein Nickerchen – ein ganzes Viertel der Fläche von Dalsland ist von Wasser bedeckt. An den Ufern sieht man selten Menschen, dafür aber ganz viele Birken und vielleicht ein rotes Bootshäuschen.

Dalsland 5

Dalsland 5 Farawayistan

Stundenlang begegnen wir keinem Auto, nicht einmal einem Traktor. „Dalsland ist nicht spektakulär, es ist nicht laut“, sagt Erik. „Aber genau das bleibt den Leuten im Kopf. Sie kommen hier runter, werden ruhiger.“ Auch bei den Unterkünften zeigt die Provinz diese entspannte Mischung aus Stil und Understatement.

Das Baldersnäs Herrgård etwa, ein herrschaftliches Anwesen, liegt direkt am Laxsjön-See. Carl Fredrik Waern, der das Juwel im 19. Jahrhundert erwarb, war ein Fan englischer Parks und gönnte sich hier seinen eigenen. Auf den ersten Blick mag das Baldersnäs nobel und etwas aus der Zeit gefallen wirken. Doch Gravelbiker sind hier herzlich willkommen und es lassen sich Tagestouren in alle vier Himmelsrichtungen unternehmen.

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Baldersnas Herrgard Jonas Ingman

Sehr modern präsentiert sich hingegen Upperud 9:9. Das ehemalige Getreidelager direkt am Wasser hat die aus Göteborg stammende Kerstin Söderlund in ein Designhotel verwandelt. Hungrige Gravelbiker genießen hier Kerstins Küche mit vielen regionalen Produkten.

Fisch aus den Seen spielt natürlich eine Hauptrolle: Saibling, Hecht oder Zander landen oft direkt aus dem Wasser auf dem Teller. Dazu serviert Kerstin Kartoffeln von kleinen Höfen und Pilze aus den Wäldern, garniert mit Wildkräutern. Gibt es bei ihr Fleisch, dürfen Preiselbeeren nicht fehlen. Schweden würden vermutlich sogar Pizza mit Preiselbeeren belegen.

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Upperud Simon Hovemyr

Nach dem Biken ist vor dem Essen ist vor der Sauna. Diejenige von Upperud 9:9 liegt direkt am See. Das Beste dabei: An diesem Sonntagabend bin ich der einzige Gast. Beim Schwitzen schaue ich durch die Panoramascheibe auf vorbeischwimmende Enten und Schwäne im Landeanflug. Dann trete ich ins Freie und hüpfe zum Abkühlen ins Wasser, das jetzt im Mai noch keine zehn Grad warm ist: Eisbaden auf Schwedisch, ein perfekter Neustart für Körper und Seele, ganz ohne luxuriöse Wellness-Oase.

Eine Viertelstunde lang sitze ich einfach nur auf der Holzbank und schaue auf den See, dessen Oberfläche die letzten Sonnenstrahlen des Tages kitzeln. Es ist einer jener Momente im Leben, in denen wirklich alles perfekt erscheint, in denen man Energie für neue Abenteuer sammelt.

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Sauna Upperud Turistrådet Västsverige

Die braucht es anderntags auch. Dalsland liegt nicht in Südeuropa. Und nicht immer ist hier der Himmel unschuldig blau, obschon Baldersnäs nach dem nordischen Gott Balder benannt ist, dem Wächter des Lichtes, der Sonne und der Wärme. Wenn Erik sagt, es wird großartig, kann das auch heißen, es wird großartig nass. Oder beides, denn es kommt natürlich auf die innere Einstellung an.

Zum Glück kennt er jede Kaffeebude im weiten Umkreis. Heute steuert er zum Aufwärmen und Klamotten trocknen eine ehemalige Papierfabrik im Ort Fengersfors an, auf deren Gelände ein Kulturzentrum namens „Not Quite“ entstanden ist und wo es ein Café mit selbst gemachtem Brot und sogar Pizza aus dem Steinofen gibt – und eh klar: Zimtschnecken hinterher.

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Pizza Signe Koch

Dann dominiert wieder Einsamkeit, garniert mit Schotter. Erik erzählt mir vom Dalsland-Kanal, den wir auf den Touren immer mal wieder queren. Er wurde im 19. Jahrhundert gebaut, um die etwas rückständige Provinz mit dem größten See der ganzen EU, dem Vänern, zu verbinden. Erz und Papier ließen sich so leichter vermarkten, die Wirtschaft nahm Fahrt auf. Später ersetze die Eisenbahn den Kanal als Transportweg. Seither haben die Kanuten und Kajakfahrer die Wasserstraße für sich – so wie wir Wald und Wiesen.

Dalsland 10

Håverud Turistrådet Västsverige

Gravelbiken passt perfekt hierher. Es ist die ideale Art, diese Landschaft zu erleben: langsam genug, um alles wahrzunehmen; schnell genug, um tief in die Natur vorzudringen. Ein alter Witz über Dalsland geht so: „Warum grüßen sich die Menschen hier so freundlich?“ – „Weil sie sich entweder kennen – oder seit drei Tagen niemanden gesehen haben.“ Ganz falsch ist das nicht.

Dalsland wirkt manchmal wie ein Ort, der bewusst etwas mehr Abstand zur Welt hält. Das gilt für seine zweibeinigen, aber auch für seine vierbeinigen Bewohner. Wer unbedingt einen Elch sehen will, wird enttäuscht werden. Wer es mit Gelassenheit versucht, entdeckt plötzlich einen am Straßenrand – groß, schweigend, als hätte er die ganze Zeit gewartet. Vielleicht passt genau das zu Dalsland: Es drängt sich nicht auf. Aber wenn es seine Seele zeigt, vergisst man es nicht mehr.

So geht’s nach Dalsland zum Gravelbiken

Westschweden besteht aus den drei Provinzen Bohuslän, Dalsland und Västergötland sowie Göteborg als der zweitgrößten Stadt Schwedens. Zu Dalsland gehören die fünf Gemeindegebiete Bengtsfors, Dals-Ed, Färgelanda, Mellerud und Åmål. Mehr als die Hälfte der nationalen Radrouten befinden sich in Westschweden, Dalsland gilt als die Gravelbike-Hochburg des ganzen Landes.

Allgemeine Auskünfte

www.vastsverige.com/de, Instagram: @westsweden, Tiktok: @westsweden, Facebook: GothenburgWestSweden, Youtube: VastsverigeTV

Anreise

Mit dem Flugzeug ab Frankfurt oder München nach Göteborg und weiter mit der Bahn (bis Mellerud und Åmål) oder dem Leihwagen (zwei Stunden); mit der Fähre: Kiel-Göteborg (15 Stunden über Nacht) oder Rostock-Trelleborg (sechs Stunden), ab Trelleborg rund 450 Kilometer mit dem Auto bis Dalsland

Wohnen

Leihräder sowie geführte Gravelbike-Touren und -Reisen

Man kann auch auf eigene Faust losziehen und alles selbst organisieren, was jedoch viel Erfahrung voraussetzt. In Schweden gilt das Jedermanns-Recht. Das heißt, man darf an den meisten Orten wild campen – beste Voraussetzungen also für Bike-Packing.

Nachhaltigkeit

Geld

Schweden gehört zur EU, nicht aber zur Währungsunion. Der Umrechnungskurs Krone-Euro liegt derzeit bei etwa 11:1. Achtung: Bargeld wird nur noch selten akzeptiert, bezahlt wird mit Karte oder App.

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