Südkorea boomt: Zwischen Hightech, Tradition und Teilung zeigt sich ein Land, das viel mehr ist als sein weltweiter Hype.
Südkorea boomt: Zwischen Hightech, Tradition und Teilung zeigt sich ein Land, das viel mehr ist als sein weltweiter Hype.
Fast jede K-Reise beginnt in Seoul, der 10-Millionen-Metropole, die niemals schläft. Zwischen verglasten Wolkenkratzern, riesigen Bildschirmen mit Werbung und endlosen Einkaufsstraßen im Szene-Bezirk Gangnam öffnen sich plötzlich Tore in eine vergangene Zeit. Vor allem rund um den Gyeongbokgung wird sichtbar, wie dicht Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind. Vor den Mauern des einstigen Königspalasts drängen sich die Besucher und zücken ihre Handys, als die feierliche Wachablösung am Palasttor beginnt. Trommelschläge hallen über den Platz, Soldaten in historischen Uniformen marschieren im Gleichschritt wie zur Zeit der Joseon-Dynastie.
Dann stürmen die Touristen regelrecht das Palastgelände und tauschen moderne Kleidung gegen traditionelle Hanboks – die bonbonbunten koreanischen Gewänder vergangener Jahrhunderte, die man überall ausleihen kann, um darin durch die Tempel- und Palastanlagen zu flanieren. Die flatternden Stoffe in Rosa, Türkis und Gold lassen Bilder wie aus einer historischen Filmkulisse entstehen, perfekt für die sozialen Medien. Ob man auf diese Weise etwas über Koreas Geschichte lernt? Sei‘s drum. Die Locals nehmen es gelassen. Sie fotografieren und posten ja selbst alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist.
INFO: Südkorea
Anreise/Einreise: Lufthansa fliegt täglich ab München und Frankfurt nach Seoul; ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass genügt für die Einreise als Tourist.
Veranstalter: Der kanadische Veranstalter G Adventures (www.gadventures.com) hat mehrere Rundreisen mit unterschiedlichen Schwerpunkten im Programm. Die neuntägige Tour „Soul of South Korea“ ist eine „National Geographic“-Signature-Reise und beinhaltet viele der im Text beschriebenen Erlebnisse. Der Preis (ohne internationale Flüge) beginnt bei 3815 Euro, die maximale Gruppengröße liegt bei 16 Personen.
Medien: Martin Hyun: „Gebrauchsanweisung Südkorea“, www.piper.de
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Dann wird es aber doch noch ernst. Von der Hauptstadt ist die Grenze zwischen Nord- und Südkorea, die Demilitarized Zone (DMZ), nicht weit entfernt. Kaum ein Ort steht so sehr für die Teilung des Landes. Zwischen Stacheldraht, Wachtürmen und streng bewachten Kontrollpunkten ist die Spannung mit Händen greifbar. Sichtbar ist sie heute eher nicht, denn es ist ein trüber, nebliger Tag, so dass man nicht viel erkennt, wenn man von den Aussichtspunkten hinüber nach Nordkorea linst.
Greifbarer wird der offiziell bis heute nicht beendete Koreakrieg eher dann, wenn man mit eingezogenem Kopf einen jener Tunnel inspiziert, die die Nordkoreaner unter der DMZ gebuddelt haben, um eine Invasion des Südens vorzubereiten, dabei aber leider ertappt wurden. Für die Touristen sieht das nach Abenteuer-Spielplatz aus. Für die Koreaner ist es bittere Realität. Guide Hyunwha Lee erzählt von ihrem 17-jährigen Sohn, der nach der Schule seinen Wehrdienst leisten muss. Sie möchte nicht, dass er an der DMZ stationiert wird, wo es immer wieder zu Zwischenfällen mit dem Feind kommt.
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Dem Dienst an der Waffe kommt in Südkorea niemand aus. Auch die sieben Jungs der weltberühmten K-Pop-Boygroup BTS mussten letztendlich einrücken. Die Versuche einiger Mitglieder, sich davor zu drücken, hatten sie Fans gekostet. Apropos K-Pop: Hyunwha erzählt, dass der Norden immer wieder an Ballons aufgehängten Müll über die Grenze schickt, der dann auf die Soldaten in der DMZ regnet. Der Süden antwortet darauf mit der Beschallung durch K-Pop, was für die Nord-Rekruten vermutlich mehr Belohnung als Strafe ist. Man stelle sich vor, auch Erich Honeckers Regime hätte Müll geschickt. Hätte die BRD dann den Osten mit Heino oder Roy Black beschallt? Fakt ist: Der Kalte Krieg ging hier nie zu Ende. Dabei hat der nächste doch schon längst begonnen.
Ob man sich mit Taekwondo gegen den Feind aus dem Norden verteidigen könnte? Der Trainer der Kampfsportschule, die wir in Seoul für eine Anfänger-Session besuchen, lächelt milde: „Warum nicht? Taekwondo beginnt schließlich im Kopf.“ Dann stehen wir auch schon barfuß auf den Matten, während der Meister Kommandos bellt. Präzise Tritte und schnelle Bewegungen sind jetzt gefragt. Arme und Beine fliegen durch die Luft. Es macht mehr Spaß als erwartet. Wen stört es da schon, dass das Holzbrett, das wir mit der bloßen Hand zertrümmern, auch bei einem kräftigeren Windhauch in zwei Teile zerfallen würde. Am Ende wissen wir: Taekwondo ist hier weit mehr als Kampfsport – es ist Teil der nationalen Identität und es geht um Werte wie Respekt, Konzentration und Selbstbeherrschung.
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Klar, man könnte ähnliche Erfahrungen auch an einer oberbayerischen Judoschule machen. Aber Südkorea ist eben viel hipper. Es scheint, als ob die Welt gerade nicht genug kriegen kann von der Halbinsel in Fernost. Das Phänomen hat sogar einen eigenen Namen: Hallyu – die koreanische Welle. Sie rollt tatsächlich mit großer Wucht heran: Bong Joon-hos Film „Parasite“ räumte einen Oscar ab, die Girl-Group Blackpink mischte das Coachella-Festival auf, Seouls In-Quartier Gangnam ist hipper als Manhattan, koreanische Küche buchstäblich in aller Munde.
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In der Kimchi-Kochschule von Jang Heeyoung lernen wir, dass fermentierter Chinakohl nicht nur Beilage, sondern DAS Nationalgericht schlechthin ist. „Kimchi macht glücklich“, findet die Kursleiterin. „Man kann es zu jeder Tageszeit und zu allem essen, oder einfach pur.“ Wir erfahren von ihr, dass es Hunderte verschiedener Kimchi-Rezepte gibt. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben und unterscheiden sich teilweise deutlich voneinander. Alle verlangen sie jedoch Unmengen von Ingwer, Knoblauch und Chilipulver, weshalb wir die Köchin irgendwann nur noch durch einen Schleier aus Tränen sehen, die uns wegen der scharfen Chilipaste übers Gesicht laufen. Immerhin gewöhnen wir uns an den intensiven Geruch der Gewürze, der der Raum füllt, während wir mit Gummihandschuhen die Kohlblätter mit der roten Paste einreiben. Ja, Kimchi riecht streng. So streng, dass auch die Locals das fermentierte Zeug in separaten Kühlschränken aufbewahren. Vielleicht ist ja doch alles nur ein Marketing-Trick. Kimchi klingt einfach exotischer und hipper als Sauerkraut.
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Fest steht: Während die armen Nordkoreaner hungern, ist Südkorea zu einer einzigen großen Spielwiese für Foodies avanciert. Noch besser als in Seoul lässt sich das in Busan erleben, denn die zweitgrößte Stadt des Landes liegt am Meer, Fisch und Meeresfrüchte sind hier noch einen Tick frischer. Wie sehr die Fischerei den Alltag prägt, kann man auf dem berühmten Jagalchi-Markt erleben. Händler bieten lautstark fangfrische Ware an. In großen Wasserbecken schwimmen, zappeln und zucken Fische, Muscheln, Schnecken, Krustentiere und solche mit Tentakeln, während Restaurants direkt neben den Marktständen die Delikatessen zubereiten. Alles ist bunt hier. Die neongelben und roten Schürzen und Gummistiefel der Händler leuchten um die Wette. Wer durch die vielen Gänge und Hallen stromert und die unzähligen Flossen, Schalen und Fühler sieht, wird sich fragen, wer diese vielen Meerestiere eigentlich essen soll.
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Auch wir machen den Jagalchi-Markt zu einer kulinarischen Mutprobe und lassen Hyunwha Gerichte bestellen, die wir nicht kennen. Zuerst kommt Jeon-bok-juk aka „Abalone Porridge“, ein Brei aus Reis und gehackten Seeohren. Hyunwha erklärt: „Seeohren sind große Meeresschnecken mit einem ohrförmigen Haus, bei uns eine Delikatesse.“ Ach ja: Gegessen wird in Korea stets mit Stäbchen aus Metall, was noch etwas mehr Fingerfertigkeit als hölzerne Esswerkzeuge erfordert.
In Busan könnte man locker eine Woche verbringen: Tempel am Meer erkunden; morgens an den Stränden zum Joggen gehen; ein Katzencafé besuchen; das „Gamcheon Culture Village“ unsicher machen, das sich von einem Slum zur herausgeputzten Touristenattraktion gemausert hat und heute als „Kulturdorf“ mit terrassenförmig aufsteigenden Häusern und verwinkelten Gassen vermarktet wird. Auch hier merkt man, wie hipp das Land geworden ist. Japan hatte seine Blütezeit in den 1980er Jahren, bevor die Börsenblase platzte. Südkorea erlebt jetzt gerade seinen Boom. Nebenwirkungen bleiben da nicht aus. Die Menschen fahren dicke SUVs, obwohl die hier niemand braucht. Es gibt jetzt im Tee-Land Südkorea überall Coffee Shops, aber der kommt in To-Go-Bechern und produziert Unmengen Plastikmüll. Viele touristische „Produkte“ sind auf den Massengeschmack gemünzt und erinnern an die 70er Jahre in Europa, als Reisen für breite Schichten erschwinglich wurde. Eine einstündige Hafen-Cruise auf einem Katamaran zum Sonnenuntergang mit Mini-Feuerwerk mag schicke Fotos für die sozialen Medien generieren. Der Seele des Landes kommt man dabei nicht näher.
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Vielleicht klappt das ja auf dem Eiland Jeju, das man nach einem knapp einstündigen Flug erreicht. Das Klima hier ist milder und mediterraner, die Vegetation erinnert an die Kanaren, was nicht überrascht, denn auch Jeju ist vulkanischen Ursprungs. „Früher war die Insel bei Hochzeitern beliebt“, erklärt Hyunwha. „Doch inzwischen sind die Einkommen vieler Koreaner höher und deshalb liegen Fernreisen im Trend.“ Berühmt ist Jeju ohnehin für eine andere Attraktion: die Haenyeo, die Freitaucherinnen, die mit Brille, Schnorchel und Flossen ins oft ziemlich kalte Wasser steigen, um Muscheln und andere Meeresfrüchte in bis zu zehn Metern Tiefe zu ernten. Leider gerät auch die Vorführung der Damen in einer Bucht zum Touri-Spektakel. Wer wirklich etwas lernen möchte über die Haenyeo, deren Handwerk seit 2016 als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe geschützt ist, der sollte ins Haenyeo Museum gehen. Dort werden alle Fragen zu dieser von Überalterung und Nachwuchsmangel bedrohten Tradition beantwortet. Als Mitglieder einer „National Geographic“-Reise genießen wir sogar das Privileg, ausführlich mit einer Haenyeo sprechen zu können. Wir erfahren, wie streng die Aufnahmekriterien sind, wie sich der Beruf über die Zeit entwickelt hat, und warum er auf Jeju als Symbol für Stärke und Unabhängigkeit gilt.
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Am Ende der Reise sind wir zweifellos klüger. Wir wissen, dass man Stäbchen nicht in den Reis steckt, dass man lebenden Oktopus gut kauen muss, dass die Frauen mit dem ganz langen Atem auf Jeju eine vom Aussterben bedrohte Spezies sind und dass die Koreaner hart arbeiten, aber auch heftig feiern und zechen. Vielleicht begreift man die Seele Koreas ja doch am besten in einer Kneipe am Freitagabend. Viel Alkohol ist oft ein Ausdruck von viel Traurigkeit – über eine Welt, die sich immer schneller dreht und über eine Welle namens Hallyu, die gerade wie ein Tsunami über die Halbinsel rollt.
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