„Simson statt Lastenrad“ – die AfD machte mit dem Slogan Wahlkampf. Doch wem gehört die Simson wirklich? 140 Menschen aus Suhl antworten auf der Bühne des ehemaligen Werks – im Theaterstück „FREIHEIT:SIMSON“.
Es ist Anfang Juli, und Dennis Baum, ein Mann mit weißem Anzug und grauem Haar, tritt auf eine Bühne, vor der gut fünftausend Menschen stehen, auch ich.
Unweit dieser Bühne findet zum selben Zeitpunkt der AfD-Parteitag statt. Baum erzählt von dem Unternehmen seiner Familie, das einen Namen trägt, der hier in Thüringen und ganz Ostdeutschland für ein Lebensgefühl steht: Simson. „Das Simson-Moped war ein Symbol der Freiheit, als es keine Freiheit für die Menschen in der DDR gab. Heute ist es ein Symbol der Freiheit in einer offenen und demokratischen Gesellschaft. Großartig“, sagt Dennis Baum mit hörbar amerikanischem Akzent. Er ist 82 Jahre alt, amerikanischer Staatsbürger und aus New York angereist.
Aron Boks (l.) mit dem Simson-Nachfahren Dennis Baum.
© Christian Graeving
Dennis Baum erzählt von seiner Großmutter, Minna Simson, die 1936 mit ihrer Familie vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste. Die Simsons hatten in Suhl, Thüringen, ein riesiges Unternehmen aufgebaut, das 1935 von den Nazis enteignet wurde. In der DDR wurden dort dann die Simson-Mopeds produziert.
Ich habe Dennis Baum 2025 in New York besucht, weil ich einen Text über den Hype um die Simson-Mopeds schreiben wollte, und ihn etwas naiv gefragt, was er davon hält, dass die AfD damit Werbung macht. „Simson statt Lastenrad“ lautete der Slogan der AfD in Thüringen.
Ein Typ namens „Hocke“Dennis Baum erzählte mir, wie er erst in den 90ern von dem Vermächtnis seiner Familie, den Suhler Waffen und auch von den Mopeds erfahren hat, die den Namen seiner Familie tragen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er nicht viel mit dem anfangen, was dieser Journalist aus Deutschland ihm da erzählte: Ein Typ namens „Hocke“, wie Dennis Baum Björn Höcke ausspricht, dazu ein Westdeutscher, soll auf einer Simson Wahlkampf machen? Seltsam, aber wir sprachen während der ersten 100 Tage von Trumps zweiter Präsidentschaft, und Dennis Baum konnte vermutlich nichts mehr schocken, was sich auf der politischen Bühne abspielt.
Als meine Reportage in Deutschland gedruckt wird, melden sich Verwandte aus Deutschland bei Dennis Baum und erzählen ihm, was hier in Deutschland abgeht. Er beschließt, als Vertreter der Familie nach Deutschland zu fliegen und vor der Presse und der Öffentlichkeit zu erklären, was er davon hält, dass die AfD mit Simson Wahlkampf macht: „Die Simsons sind bis heute jüdischen Glaubens. Das passt nie mit dem Programm der AfD. Wir verabscheuen die Verbindung mit einer rechtsextremen Partei wie der AfD. Wir fordern, dass sie unseren Namen sofort aus ihrer Politik des Hasses streichen.“ Seine fünfzehnminütige Rede hält er komplett auf Deutsch: Simson muss aus der Politik gehalten werden.
A.S./Ostkreuz
Aron Boks wurde 1997 in Wernigerode geboren und lebt als Autor, Slam Poet und Moderator in Berlin. 2023 erschien sein Buch „Nackt in die DDR“, in dem er sich auf die Lebensspuren seines Urgroßonkels Willi Sitte begibt. 2025 erschien „Starkstromzeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt“, darin geht es um Design, ausgehend von den Glaslampen, die seine Großeltern für Betriebe und FDGB-Heime entwarfen. Seit April 2026 ist er Stadtschreiber von Halle.
Aber alle möglichen Parteien machen mit Simson Wahlkampf, um Ostdeutsche zu erreichen. Im medialen und kulturellen Gedächtnis gibt es mehr Toskana-Urlaube als Fahrten an die Ostsee, mehr Mofa-Fahrten nach Holland als durch die sächsische Schweiz. Die Simson stößt hier in eine Lücke, die mit ostdeutschen Assoziationen gefüllt werden kann. Der Wunsch, darüber zu sprechen, ist groß. Auch bei mir.
Dennis Baum wird nach der Rede mit Applaus verabschiedet, er hat Tränen in den Augen. Eine Polit-Influencerin auf Instagram fasst es perfekt zusammen: „Dennis Baum ist so ein Ehrenmann.“
Vermutlich war der Hype um Simson nie wegÜber Monate habe ich mit ihm und mehr als 140 Menschen aus Thüringen, von denen der Älteste 1937 und die Jüngste im Jahr 2010 geboren wurde, Interviews geführt, Spaziergänge gemacht, Akten durchgesehen, Brigadetagebücher gelesen und zusammen mit dem Regisseur Janek Liebetruth ein Theaterstück verfasst, das wir nun mit seinem Kollektiv Künstlerische Intelligenz aus Berlin entwickeln. Die Idee dazu kam, als ich Janek im Mai 2025 kurz nach meiner Rückkehr traf. Wir waren zu dieser Zeit Mitbewohner.
„Ey, ich bin selbst mit so einem Ding gefahren“, sagt Janek, als ich ihm von Dennis Baum und Simson erzähle. Er zeigt mir ein Foto aus den 90ern, da ist er 17, mit einer saharagelben S51. „Da bin ich ständig mit rumgefahren“, erklärte er mir. Als ich 17 war, stand mein ganzer Schulparkplatz voll mit diesen Fahrzeugen, und mein Opa hat mir auf einem Simson-Roller das Fahren beigebracht.
Vermutlich war der Hype um Simson nie weg. Nur kurz nach der Wende, wie mir im Verlauf meiner Recherchen viele Menschen in Suhl erzählen, die damals ihr Moped gegen zwei Kästen Bier eintauschten oder einfach verschenkten.
„Der gemeine Bürger wollte Anfang der 90er nichts mehr mit der DDR zu tun haben. Die waren froh, sich davon lösen zu können“, sagte uns einer der Zeitzeugen. 1991 haben die Ostdeutschen zusammen dreimal so viel Müll produziert wie alle Westdeutschen zusammen. Vielleicht wollten manche auch einfach einen Schlussstrich ziehen. Nach vorn blicken. So wurde viel weggestellt, weggekehrt und ist doch nicht so ganz verschwunden, wie es immer wieder die Geschichten der Menschen zeigen, die wir für dieses Stück interviewt haben.
Es ist einfacher, über ein Moped zu sprechen, als zu fragen, wie es in „der DDR“ war„Zu DDR-Zeiten kam es in keinem Gedanken vor, dass der Betrieb geschlossen werden könnte. Für die war alles ewig, und für mich war auch alles ewig – und dann kam die Wende, und jeder hatte plötzlich Angst um seine Existenz. Das betraf auch mich“, sagte eine Frau.
Während Janek und ich immer wieder nach Suhl fahren und mit den Menschen sprechen, wird klar, was so ein Alltagsgegenstand für eine Chance bietet: Es ist einfacher, über ein Moped zu sprechen, als zu fragen, wie es in „der DDR“ gewesen ist, die so vielschichtig war wie ihre Menschen. Aber doch gern in Schwarz und Weiß eingeteilt wird. Die Geschichten der Zeitzeugen und Zeitzeuginnen liefern ein anderes Bild. Genau darum entscheiden wir uns auch, dass wir die Szenen und Dialoge des Stücks aus den Originalzitaten der Menschen aus Suhl bauen wollen: ehemalige Arbeiter, Betriebsärztinnen, Werksfahrer, Direktoren, Vertragsarbeiter und die jungen Leute, die heute Simson fahren und mit ihren Eltern oder Freunden schrauben. Herausgekommen sind mehr als 100 Stunden Material.
Ich bin 1997 geboren und habe die DDR nicht erlebt, spüre aber durch Geschichten, wie sehr diese Zeit mit meiner Gegenwart verbunden ist.
„Also, wenn ihr über Freiheit und Simson sprecht – das war für uns die Möglichkeit, mit dem Teil viel zu erleben. Von da nach da zu kommen. Leute in der Klasse sind von hier bis an die Ostsee gefahren mit dem Moped“, sagte eine der Personen, die wir interviewt haben. Eine andere ergänzte: „Simson bedeutet für mich Freiheit. Sich mit Freunden treffen, an den See fahren, abends grillen. Du bist einfach Teil von etwas. Das gibt dir eine gewisse Zugehörigkeit.“
Das Thema Freiheit zieht sich wie ein roter Faden durch die GesprächeDas Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Gespräche: Freiheit. Egal, ob Menschen zu Wort kommen, die gerade ihre ersten Fahrstunden haben, oder Menschen, die bereits mehr als 90 Jahre alt sind. Es geht um Freiheit. Daher auch der Titel des Stücks: „FREIHEIT:SIMSON“.
Seit Montag wird geprobt. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen die Geschichten: Ingrid Domann, Gerrit Neuhaus, Chenoa North-Harder, Richard Sammel, Karl Schaper und Irina Wrona. Sammel hat bei Tarantino gespielt und in „Star Wars: Andor“, Schaper in Haußmanns „Stasikomödie“, North-Harder gehört zum Ensemble des Hans-Otto-Theaters in Potsdam. Zwischen dem Ältesten und der Jüngsten liegen vierzig Jahre – eine ähnliche Spanne wie bei den Interviewten.
Gespielt wird im UX-Gebäude auf dem GESA-Gelände, eine der größten Hallen des ehemaligen Werks. Bis zu 400 Zuschauer passen hinein. Der Eigentümer stellt sie uns zur Verfügung, die Bühne bauen wir dort, wo die Mopeds vom Band liefen.
Die Finanzierung steht – fast. Drei Bundesförderer tragen das Projekt: die Bundeszentrale für politische Bildung, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Fonds Darstellende Künste. Auf Landesebene fiel die Förderung geringer aus als beantragt. Am Ende bleibt eine Lücke von rund 20.000 Euro. Doch die Proben laufen, die Bühne wird gebaut, die Termine stehen.
Deshalb diese Bitte: Wer will, dass dieses Stück an dem Ort stattfindet, an dem die Freiheit auf zwei Rädern gebaut wurde, kann uns helfen. Jeder Betrag zählt. Wie das geht, erfahren Sie auf unserer Webseite www.freiheitsimson.de
Freiheit:Simson, Uraufführung am 2. Oktober, 18 Uhr, UX-Gebäude auf dem GESA-Gelände, Simsonstraße 52, Suhl. Weitere Vorstellungen: 3., 4., 8., 9., 16., 17., 18. Oktober, jeweils 18 Uhr; 7. und 19. Oktober jeweils 10.30 Uhr. Karten über die Webseite www. freiheitsimson.de
Lesen Sie mehr zum Thema
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Kostenlose Tickets ab morgen: Pool vor der Volksbühne öffnet | 0 | 9.3 | 03-08-2026 |
| 2 | Российское авторское общество захотело взыскать 100 тысяч рублей с театра Кадышевой | 0 | 19.09 | 03-08-2026 |
| 3 | Free supplies, family fun highlight Upstate school bash | 0 | 7.65 | 03-08-2026 |
| 4 | Freibad | 0 | 10 | 02-08-2026 |
| 5 | Россияне поспорили из-за фразы из игрушечного пианино | 0 | 24.29 | 30-07-2026 |
| 6 | В Германии выставили на продажу уникальную советскую машину | 0 | 5 | 29-06-2026 |
| 7 | Patron Sport 250 Объём двигателя: 150 куб.см Колеса: 17/17 Охлаждение: ... | 0 | 6 | 20-07-2026 |
| 8 | ОНФ передал бойцам СВО новую партию техники в Ростовской области | 0 | 0 | 07-10-2025 |
| 9 | BSE PH 150 колеса 19/16 Стоит новая поршневая, масляное охлаждение, ... | 0 | 5 | 28-06-2026 |