Keiner kennt Bäume so gut wie Prof. Andreas Roloff aus Dresden. Sein Wissen ist Vermächtnis. Ein Gespräch unter Blätterrauschen.
Der Mann hat einfach einen Traumjob: durch Deutschland reisen, Wälder und Parks durchstreifen und uralte Bäume finden, vermessen, ihre Geschichte erkunden. Seit sieben Jahren forscht Baumbiologe Prof. Andreas Roloff zu Deutschlands ältesten Bäumen. Seine Funde listet er in der Datenbank „Nationalerbe-Bäume“ auf.
In Putbus (Mecklenburg-Vorpommern) wurde am Samstag die rund 450 Jahre alte, 20 Meter hohe, mächtige Schlosspark-Eiche feierlich mit ins Verzeichnis aufgenommen. 67 Bäume sind damit bereits verzeichnet. „Bis 2029 will ich eine Auswahl der 100 ältesten Bäume Deutschlands zusammengetragen haben“, erzählt Prof. Roloff. Offiziell ist der frühere Direktor des Instituts für Forstbotanik und Forstzoologie an der TU Dresden pensioniert. Bäume sind für den 71-Jährigen aber Lebensinhalt. Er gilt als die wissenschaftliche Kapazität in Deutschland und weiß so ziemlich alles über Bäume.
Wussten Sie beispielsweise, dass es 400 neu gepflanzte Jungbäume braucht, um die ökologische Leistung eines einzigen etwa 100 Jahre alten Baumes zu ersetzen? Das hat der Wissenschaftler berechnet, indem er einen Baum mit rund 20 Metern Kronendurchmesser heranzog und dessen Blattoberfläche mit rund 1.250 Quadratmetern errechnete. Dem stellte er neu gepflanzte Bäume mit etwa einem Meter Kronendurchmesser gegenüber. Roloffs Rat: „Wir müssen viel vorsichtiger mit dem Abholzen alter Stadtbäume sein. Bis neue Bäume den Verlust aufgefangen haben, dauert es Jahre.“
Falscher Methusalem-Baum als TouristenattraktionRoloff ist auch nicht hinter die Fichte zu führen, um mal im Bild zu bleiben, wenn es um das wahre Alter der Bäume geht. So weigert er sich beharrlich, die Schenklengsfelder Linde in Hessen mit in sein Verzeichnis aufzunehmen. Wer googelt, erfährt schnell, das sei ein über eintausend Jahre alter Baum. Stimmt nicht.
Roloff erklärt: „Ich habe mir selbst den Baum zweimal persönlich angesehen. Er besteht aus vier einzelnen Stämmen, die ich, wenn ich wohlwollend bin, auf ein Alter von 150 Jahren schätzen würde.“ Die Schenklengsfelder argumentieren, es seien die Nachfahren eines ganz alten Baumes. „Das ist dann aber nicht vergleichbar, wenn man Austriebe eines Vorgängerbaumes mit dazu zählt. Denken Sie allein an Weidenbäume mit ihren vielen Trieben.“ Die Legende vom tausendjährigen Baum flog ganz auf, als ein Spiegel-Reporter vor Ort einen Einheimischen antraf, der zugab, den Findling mit der falschen Altersangabe des Baumes selbst angefertigt zu haben.
Als Nationalerbe-Bäume kommen nur Bäume in Betracht, die mindestens 400 Jahre alt sind und mehr als 4 Meter Stammumfang haben.
Die Eibe im Allgäu gilt als ältester Baum Deutschlands.
© Andreas Roloff/Nationalerbe-Bäume
„Doch es gibt wirklich drei 1000 Jahre alte Bäume“, sagt Roloff stolz. Eine Eiche in Raesfeld (Nordrhein-Westfalen), eine Linde in Upstedt (Niedersachsen) und eine Eibe in Steibis (Bayern), die Roloff sogar auf 1100 Jahre schätzt. Neben seinem Prozedere, alle Uralt-Bäume in 1,30 Meter Stammhöhe zu vermessen, nahm er von der Eibe im Allgäu sogar noch eine Holzprobe. „Sie hatte sensationelle Jahresringe“, sagt Roloff über seine Passion, wie andere vielleicht über Achtzylinder reden würden. Er habe „auf 4 Zentimetern 60 Jahresringe gezählt“, die ihn das Gesamtalter hochrechnen ließen. „Sie ist mit 15 Metern Stammumfang die dickste Eibe Deutschlands“, so Roloff.
Der älteste Baum im Osten der Republik ist wohl die Ivenacker Eiche in Mecklenburg-Vorpommern. „Ich habe sie auf 850 Jahre geschätzt, aber in dem Alter darf man auch mal auf eintausend aufrunden“, sagt Roloff augenzwinkernd. Alle Bundesländer bekommen entsprechend ihrer Größe gleich viele Uralt-Bäume ausgewiesen. Er habe rund 500 Meldungen aus allen Teilen der Republik zu uralten Bäumen bekommen, kappt die Liste aber dennoch bei 100 Exemplaren. Denn das Projekt kostet auch. Eine Stiftung kommt bisher für alles auf. Eine interaktive Karte aller bisherigen Uralt-Bäume Deutschlands finden Sie hier.
Bloß nicht von den Briten lernenEnglands Landschaftsparks wie der Great Windsor Park am gleichnamigen Schloss oder auch Sherwood Forest sind berühmt für ihren alten Baumbestand. Letzterer galt Robin Hood als Unterschlupf. „In England sind jedoch durch falsche Pflege viele uralte Bäume vernichtet worden“, so Roloff. Und erklärt: „Früher schnitt man Eichen, wenn sie rund 100 Jahre alt waren, auf 2 Meter zurück, um Futter fürs Vieh zu gewährleisten. Dann hat man irgendwann damit aufgehört, die Bäume sind gewachsen. Vor zwanzig, dreißig Jahren begann man dann wieder, die nun sehr alten Bäume auf die zwei Meter zurückzuschneiden. Jetzt sind auch die letzten von ihnen abgestorben.“
Roloff plädiert für einen behutsameren Umgang, wenn alte Bäume schon beschnitten werden müssen. Eine Sekundärkrone müsse erst wachsen können, bevor man den Hauptbaum dezimiert.
Diese herrschaftliche Eiche im Sherwood Forest bei Nottingham (England) bekam jahrelang Unterstützung. Vor wenigen Wochen starb sie ab.
© Imago
Neben den Uralt-Bäumen forscht Roloff auch dazu, welche Arten mit zunehmender Dürre und heißen Sommern zurechtkommen. Er hat eine Liste von rund 250 Baum- und Straucharten zusammengestellt, die als „Klimaartenmatrix Stadtbäume“ öffentlich zugänglich ist und Kommunen wie Privatpersonen als Orientierung dienen soll.
Um die Altbäume brauche man sich trotz tropischer Temperaturen jedoch keine Sorgen machen: „Die haben sich schon so vielen Umwelteinflüssen angepasst, sonst wären sie gar nicht so alt geworden“, sagt Roloff. Dem jungen Baum solle man aber gern einen Eimer Wasser geben, um die Hitze besser zu meistern.
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