Das geplante KI-Rechenzentrum in Demmin scheitert am Stromnetz. Rückschlag für die Stadt und Warnsignal: MV hat Ökostrom, aber nicht überall Netzkapazität.
Ein Acker am östlichen Stadtrand von Demmin bleibt Acker. Wo ein KI-Rechenzentrum mit mindestens 300 Megawatt Leistung, mehr als einer Milliarde Euro Investitionsvolumen und bis zu 1250 direkten und indirekten Arbeitsplätzen entstehen sollte, fehlt am Ende ausgerechnet die entscheidende Ressource: ein ausreichend leistungsfähiger Stromanschluss, der für das Vorhaben rechtzeitig verfügbar ist.
Das Projekt der Unternehmen ClimateChange Energy und Noya Group ist damit vorerst beendet. Gespräche mit dem Netzbetreiber E.DIS hätten ergeben, dass die vor Ort verfügbare Energiemenge für ein Rechenzentrum dieser Größenordnung nicht ausreiche. Eine kleinere Ausführung wollten die Investoren nicht verfolgen. Das geplante Datencenter hätte etwa das 20-Fache des aktuellen Stromverbrauchs von Demmin benötigt.
Für eine Stadt mit knapp 10.000 Einwohnern ist das der Verlust eines Zukunftsversprechens: qualifizierte Arbeitsplätze, neue Gewerbesteuern, ein möglicher Schub für Dienstleister und Zulieferer – und perspektivisch Abwärme für das Fernwärmenetz. Doch die Absage ist nicht nur eine Demminer Geschichte. Sie macht ein Problem sichtbar, das die Energiewende vielerorts begleitet. Erneuerbare Stromerzeugung wächst oft schneller als die Netzinfrastruktur, die Großverbraucher zuverlässig versorgen kann.
Viel grüner Strom, aber nicht zwingend am richtigen OrtMecklenburg-Vorpommern gilt als Energieland. Windparks und Photovoltaikanlagen erzeugen dort deutlich mehr Strom, als im Land selbst verbraucht wird. Ein erheblicher Teil der Stromproduktion muss deshalb in andere Regionen abtransportiert werden. Gleichzeitig fehlt für einen einzelnen Großverbraucher wie ein KI-Rechenzentrum in Demmin die verbindlich verfügbare Leistung im Netz.
Das klingt paradox, ist es technisch aber nicht. Erzeugungsleistung auf Feldern und Dächern ist nicht dasselbe wie eine jederzeit garantierte Anschlussleistung für einen Betrieb, der rund um die Uhr enorme Mengen Strom abnimmt. Ein Rechenzentrum plant nicht mit der Frage, ob es bei Sonne und Wind genügend Energie gibt. Es braucht einen belastbaren Netzanschluss, der auch nachts, im Winter und bei Flaute konstant liefert.
Die Hansestadt Demmin war ein RealitätstestDie Idee hinter dem Demminer Großprojekt war durchaus plausibel: Erneuerbare Energie vor Ort nutzen, digitale Infrastruktur aufbauen, Abwärme für die Stadt nutzbar machen. Rechenzentren könnten so mehr sein als bloße Stromverbraucher. Sie könnten Wärme liefern, lokale Dienstleister anziehen und Regionen wirtschaftlich aufwerten.
Doch dieser Nutzen stellt sich erst ein, wenn die Infrastruktur auch mitwächst. Der Fall Demmin zeigt, wie riskant es ist, Großprojekte politisch zu zelebrieren, bevor die Netzfrage endgültig geklärt ist. Die Stadt kann Flächen ausweisen und Bebauungspläne anstoßen. Investoren können Milliarden in Aussicht stellen. Am Ende entscheidet dann aber ein unsichtbares Fundament aus Leitungen, Transformatoren und Schaltanlagen.
Der KI-Boom bleibt im LandDie Absage an die kleine Hansestadt in der Mecklenburgischen Seenplatte, an der Peene, Tollense und Trebel zusammenfließen, bedeutet nicht, dass Mecklenburg-Vorpommern aus dem Rennen um Rechenzentren und KI-Infrastruktur ausscheidet. Im Gegenteil: Die Nachfrage nach leistungsfähigen Standorten steigt. Bundesweit wächst der Strombedarf von Rechenzentren, insbesondere durch KI-Anwendungen, deutlich. Das Bundeswirtschaftsministerium verweist unter Berufung auf die Internationale Energieagentur darauf, dass sich der Energiebedarf von Rechenzentren bis 2030 verdoppeln könnte.
In Dummerstorf im Landkreis Rostock laufen etwa Planungen für ein Rechenzentrum mit einer möglichen Anschlussleistung von bis zu 1,2 Gigawatt. Das Vorhaben wäre eine völlig andere Größenordnung als Demmin. Und ist ebenfalls noch keine beschlossene Realität. Der Standort zeigt aber, wohin der Wettbewerb geht: in die Nähe großer Netzknoten und dorthin, wo ein Anschluss perspektivisch darstellbar ist.
In Siedenbollentin bei Neubrandenburg ist ein großes Rechenzentrum mit einer Leistung von etwa 20 Megawatt angedacht. Auch dieses Projekt befindet sich im Stadium der Planung.
In Lüttow-Valluhn (Landkreis Ludwigslust-Parchim) wiederum ist ein deutlich kleinerer KI-Innovationspark geplant. Das dort diskutierte Rechenzentrum soll rund zehn Megawatt Anschlussleistung erhalten, ergänzt um einen Batteriespeicher. Genau dieser Maßstab könnte für viele Regionen realistischer sein: weniger Gigantismus, besser integrierbar ins Netz und mit einer klareren Verbindung zu lokaler Wertschöpfung.
Ohne Netzausbau bleibt grüne Energie StandortnachteilDas Land und die Netzbetreiber haben das Problem erkannt. 50Hertz plant in Mecklenburg-Vorpommern umfangreiche Verstärkungen des Übertragungsnetzes. Auch das Umspannwerk Siedenbrünzow, das für Demmin eine wichtige Rolle spielte, soll im Rahmen von Netzausbauvorhaben erweitert werden. Die entsprechenden Maßnahmen reichen allerdings teils bis in die frühen 2030er-Jahre.
Das ist die eigentliche Zeitrechnung hinter den vielen Ankündigungen. KI-Projekte wollen möglichst schnell gebaut werden. Stromnetze brauchen Planung, Genehmigungen, Material, Fachkräfte und Akzeptanz. Dazwischen entsteht eine Lücke, in der Investitionen weiterziehen können – in Regionen, die den Anschluss früher garantieren.
Demmin ist deshalb keine Geschichte über das Scheitern einer Kleinstadt. Es ist eine Geschichte über Deutschlands Infrastrukturtempo. Der grüne Strom und die Nachfrage nach Rechenleistung sind da. Auch die Investoren sind da. Was fehlt, ist vielerorts die Verbindung zwischen diesen drei Faktoren.
Wirtschaftsminister Wolfgang Blank (parteilos): „Mit einem einfachen Zugang zu Künstlicher Intelligenz stärken wir die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen.“
© Jens Büttner/dpa
Dabei sollte Mecklenburg-Vorpommern die Debatte nicht allein auf milliardenschwere Server- und Speicherprojekte reduzieren. Rechenzentren können wirtschaftlich attraktiv sein, aber sie dürfen nicht die gesamte energiepolitische Strategie dominieren. Für regionale Betriebe, Handwerk, Industrie und Mittelstand ist verfügbare Netzkapazität ebenso entscheidend.
Die seit dem 30. Juni 2026 geltende KI-Förderrichtlinie des Landes setzt genau dort an. MV fördert ab sofort den Einsatz von KI in kleinen und mittleren Unternehmen mit bis zu 100 Beschäftigten. Diese können für KI-Anwendungen Förderungen von bis zu 50.000 Euro erhalten. Der Landtag stellt dafür jährlich rund 1,5 Millionen Euro bereit. Unterstützt werden unter anderem Lösungen für Produktion, Logistik, Vertrieb, Kundenservice und IT-Sicherheit.
Das ist keine Alternative zu großen Rechenzentren. Aber es ist ein wichtiger Gegenentwurf zur Vorstellung, digitale Wertschöpfung entstehe nur durch das nächste Milliardenprojekt auf der grünen Wiese. KI kann auch in Werkstätten, Logistikbetrieben, Verwaltungen und mittelständischen Unternehmen produktiv werden. Wenn Strom, Netze und digitale Infrastruktur verlässlich verfügbar sind.
Demmin bleibt ein AuftragFür Demmin ist die Absage bitter. Bürgermeister Thomas Witkowski (CDU) macht daraus keinen Hehl, bedauere die Entwicklung. Allerdings sei von Anfang an klar gewesen, dass diese geplante Investition unter dem Vorbehalt verfügbarer Energie stehen. Die versprochenen Jobs, hohe Einnahmen aus Gewerbesteuern und Wärmepläne sind damit vorerst vom Tisch. Doch die Stadt hat mit dem Projekt auch sichtbar gemacht, welches Potenzial in Regionen mit viel erneuerbarer Energie steckt.
Nun muss aus dem Rückschlag eine politische Konsequenz folgen. Der Ausbau von Windkraft und Solar darf nicht länger getrennt von Netzen, Speichern, Wärmenutzung und Industrieansiedlungen gedacht werden. Wer Strom erzeugt, muss ihn auch transportieren, speichern oder vor Ort sinnvoll nutzen können. Sonst bleibt die Energiewende ein Standortversprechen, das an der nächsten Trafostation endet.
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