In Russland ergeht man sich ob des Krieges in Indifferenz und Fatalismus, dennoch liegen die Nerven blank. Niemand weiss, wie lange das Land noch so weitermachen kann und wie lange die Leute die Misere zu ertragen bereit sind. Doch Putin hat seine Pläne.
In Russland ergeht man sich ob des Krieges in Indifferenz und Fatalismus, dennoch liegen die Nerven blank. Niemand weiss, wie lange das Land noch so weitermachen kann und wie lange die Leute die Misere zu ertragen bereit sind. Doch Putin hat seine Pläne.
Andrei Kolesnikow31.07.2026, 05.30 Uhr

Alexander Zemlianichenko / AP
Die meisten Russen verbringen ihre Ferientage in Häusern auf dem Land, in den Datschen, deren Komfort stark variiert. Man ist aufs Auto angewiesen, um zu seiner «Fazenda» zu gelangen – wie viele ihre Datschen ironischerweise nennen, ein Begriff, der aus den neunziger Jahren stammt, als lateinamerikanische Seifenopern im Land beliebt waren. Also braucht man Benzin, und es ist eine gute Idee, sich unterwegs mit Familie und Freunden zu treffen.
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Während der Datscha-Saison scheinen die Probleme von Russlands Multikrise zu kulminieren – Benzinknappheit, Probleme mit der Mobilfunkverbindung, Inflation und sogar Drohnen, die buchstäblich über unsere Köpfe fliegen, meist ab drei Uhr morgens. Auch die Besitzer von Sommerhäusern müssen sich daran gewöhnen.
Im Westen denkt man, dass in Russland Panik herrscht und die Stimmung in der Bevölkerung kippt. Es gibt keine Massenaufwallung, Gleichgültigkeit und Fatalismus helfen aus jeder Misere. Solange keine Drohne auf mich fällt, geht mich das alles nichts an – ich werde mir die Ferien nicht verderben lassen. Kein Benzin? – Wir finden schon welches; Verbindungsstörungen? – Wir suchen uns einen Ort, an dem es Handyempfang gibt. Kein Internet? – Wir probieren ein neues VPN aus, und alles wird gut. Und wenn nicht – na ja, dann ist es eben so.
Gewiss, es herrscht Kriegsmüdigkeit, und die Probleme des Krieges machen vieles zäh. Die Müdigkeit schlägt mitunter in Gereiztheit um, aber wir können nichts dagegen tun (da nützen auch die Schein-Parlamentswahlen im September nichts), und so bleibt uns nichts anderes übrig, als uns anzupassen und eine weitere Stufe auf der Treppe der «neuen Normalität» zu nehmen.
Indifferenz als ÜberlebensstrategieWie die im Exil lebende Nina Chruschtschowa, die Urenkelin des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow, in einem Interview mit einem amerikanischen Medienunternehmen feststellte, drückt sich der Unmut der Russen nicht in Strassenprotesten aus (obwohl dies in weniger repressiven Zeiten, insbesondere im Jahr 2012, mehr als einmal vorkam), sondern als «Mittelfinger in der Hosentasche».
Natürlich gibt es regionale Unterschiede: Moskau, wo Indifferenz eine basale Überlebensstrategie ist, ist eine Sache, die vielfältigen russischen Provinzen sind eine ganz andere. Eine Kollegin, die Soziologin ist, kehrte kürzlich aus der Region Rostow im Süden Russlands, die an die Konfliktzone im Donbass grenzt, nach Moskau zurück: Dort, sagt sie, herrsche vor allem Hass. Hass auf alle – von den Ukrainern bis hin zu Putin. Die Menschen versuchen einfach zu überleben, so gut es geht. Es ist lächerlich, von ihnen zu erwarten, dass sie wegen der Benzinkrise Proteste veranstalten – die ohnehin wirkungslos sind. Niemand strebt einen Regimewechsel an. Aber auch niemand würde auch nur mit der Wimper zucken, wenn das Regime aus dem einen oder anderen Grund fällt.
Die Nation, aufgrund ihrer Geschichte theoretisch die kollektivistischste der Welt, ist in der Praxis die individualistischste. Die Menschen überleben nicht als Teil eines Kollektivs, sie überleben, indem sie sich ihren eigenen Weg bahnen. Auf symbolischer Ebene mögen sie das mythologische Bild des Vaterlandes respektieren, das alles vereinnahmt; auf praktischer Ebene vertrauen sie dem Staat in keiner Weise: Die Behörden lügen und vermasseln alles, aber wir werden sie überlisten und alle Widrigkeiten überwinden.
Der Krise an der Basis entspricht die Krise an der Spitze, wo die Machthaber von nationaler Einheit schwafeln. Die Regierung ist kaum in der Lage, eine neue militärische Mobilmachung zu verkünden, ohne Gefahr zu laufen, eine Gesellschaft, die jetzt schon erschöpft, desillusioniert und verbittert ist, vollends zu destabilisieren. Eine solche Massnahme würde den ohnehin bereits fragilen gesellschaftlichen Konsens zerschlagen. Doch selbst wenn es so weit kommt, werden die Leute nicht den Kreml stürmen, sondern den Kontakt mit dem Staat meiden. Deshalb wird die Regierung vorerst wahrscheinlich eine latente Mobilisierung in Form einer Fahndungsaktion vorziehen, wie sie bereits in einem der regionalen Zentren, der Stadt Pensa, erprobt wurde. Sie findet derzeit in vielen anderen Städten statt.
Der Kreml führt Krieg gegen das eigene Volk und will ihm weismachen, wie einig alle hinter der Regierung stehen. Die Leute nicken zustimmend, mit dem Mittelfinger in der Hosentasche.
Friede durch einen AtomschlagViele Menschen sehnen sich verzweifelt nach Frieden. So verzweifelt, dass manche Teilnehmer von soziologischen Umfragen bereit sind, einem taktischen Atomschlag zuzustimmen, der den gordischen Knoten des Krieges durchschlagen soll. Basierend auf der Logik: «Die Ukraine wird kapitulieren müssen, der Westen wird es nicht wagen, atomar zurückzuschlagen, und nach unserem ‹Sieg› werden wir in Frieden leben, genau wie vor dem Krieg.»
Die Frage, ob es sich gelohnt hat, die «Sonderoperation» zu starten, nur um nach den gigantischen moralischen, politischen, wirtschaftlichen und demografischen Verlusten wieder zum alten Leben zurückzukehren, stellt man lieber nicht. Die russische Bevölkerung hat schon seit sehr langer Zeit – seit den Tagen von Michail Gorbatschow – keinen Atomkrieg mehr gefürchtet, und so hat sie auch vergessen, was ein solcher genau bedeutet. Derweil haben Propagandisten des Regimes sowie kremlfreundliche Militär- und Aussenpolitikexperten das Reden über die Atombombe so gängig gemacht, als handle es sich um einen Jachtausflug.
Die «Sonderoperation» wurde angeblich gestartet, um zu verhindern, dass Raketen und Bomben auf «Russlands historische Kerngebiete» fallen. Viereinhalb Jahre sind vergangen – und Drohnen fliegen mittlerweile nicht nur in Grenzregionen, sondern bis nach Moskau und nach Sankt Petersburg, wo sie kriegswichtige Infrastruktur angreifen, aber auch ganz normale Gebäude treffen, Schäden verursachen und zivile Opfer fordern. Bei der gewaltigen Explosion im Lagerhaus des Online-Shopping-Konzerns Wildberries kamen mehrere Menschen um.
Eine übelriechende Wolke, die sich über viele Kilometer hinweg in der Umgebung verbreitete, hinterliess natürlich Eindruck bei den Bewohnern in Moskau und der Region. Doch selbst nahe der Brandstelle waren Mütter mit Kinderwagen unterwegs, spielten Kinder auf Spielplätzen und liessen sich Freizeitsportler nicht von ihren Stand-up-Paddle-Boards vertreiben. Die Menschen verdrängen instinktiv die immer sichtbarer und spürbarer werdende Katastrophe. Ja, natürlich ist die Feriensaison auf der blockierten Krim futsch, aber manche schaffen es dennoch, auch jetzt noch dahin zu fahren, um sich zu «entspannen».
Natürlich wird die Benzinkrise chronisch werden, doch es werden titanische Anstrengungen unternommen werden, um sicherzustellen, dass sie in den massgeblichen Metropolen Moskau und Sankt Petersburg so wenig wie möglich spürbar ist. Jedenfalls sind die Autoschlangen vor Tankstellen in Moskau wieder verschwunden, und die Stadt hat ihr normales Erscheinungsbild wiedererlangt. Erneut greift Sorglosigkeit um sich. Es herrscht eine Atmosphäre wie auf der Datscha, nicht ein unbestimmtes Warten wie in den Landgütern bei Tschechow, sondern ein konkretes – auf den nächsten Drohnenangriff. Die Behinderung des Flugverkehrs ist längst eine Normalität, die von allen gelassen hingenommen wird: Wenn ein Flug Verspätung hat, warten wir eben. Wer will schon genauer wissen, was dahintersteckt?
Grossangelegte Umfragen belegen die herrschende Ermüdung und Verärgerung. Laut Daten des Lewada-Zentrums und anderer Meinungsforschungsinstitute, darunter auch kremlfreundliche, sinken Putins Werte, einschliesslich der Zustimmung zu seiner Amtsführung, fast auf das tiefe Niveau von 2021. Auch der Indikator «Das Land bewegt sich in die richtige Richtung» tendiert ins Negative.
Doch all dies spielt für den Mann, der ganz allein über Krieg und Frieden entscheidet, nicht die geringste Rolle. Putin hat ein Ziel vor Augen, was immer dies sein mag, und er verfolgt es mit hemdsärmeligen Mitteln.
Wie lange noch?Zu diesen Mitteln gehört auch, die Menschen in Geiselhaft zu nehmen. So mögen in Russland noch so viele Ölraffinerien oder Lagerhallen von Online-Anbietern abbrennen; es mögen noch so viele Wolkenkratzer und Privathäuser von Drohnen getroffen werden; und mögen sich jene «historischen Gebiete», die «befreit» wurden, auch in unbewohnbare Trümmerlandschaften verwandeln – nichts davon bringt den Frieden näher oder führt wenigstens zu Verhandlungsbereitschaft.
Niemand weiss, wie lange Russland in diesem Zustand noch weitermachen kann und wie lange die Menschen die Misere zu ertragen bereit sind. Der Krieg hat in diesem Jahr psychologische rote Linien überschritten – zuerst entsprach die Dauer der «Sonderoperation» der des Grossen Vaterländischen Krieges, und dann übertraf sie die Zeitspanne des Ersten Weltkriegs. Diese historischen Vergleiche bringen weder den Kreml noch dessen Militär-, Geheimdienst- und Propagandamaschinerie in Verlegenheit. Unerbittlich schreitet man voran und erstickt jede Regung gegen den Ukraine-Feldzug mit Einschüchterung und Repression. Bei den kommenden Schein-Parlamentswahlen darf es keine einzige Anti-Kriegs-Stimme geben. Punkt.
Wenn das Ziel der «Sonderoperation» darin bestand, das Land in den Neototalitarismus zu stürzen, dann ist sie ein Erfolg. Von den Sowjetzeiten her wissen die Menschen noch gut, wie man vor dem totalitären Staat abtaucht. Scheinbar Einverständnis mimend, gehen sie mechanisch ihrem Alltag nach, während sie auf eine «Normalität» warten, die niemals einzutreffen scheint. Man kann sich ja an alles gewöhnen; selbst das Leben in einer Dystopie wird zur Routine.
Andrei Kolesnikow ist Journalist und Buchautor. Er lebt in Moskau, ist Kolumnist von «The New Times» und schreibt für die Online-Zeitung «Nowaja Gaseta». – Aus dem Englischen von A. Bn.
Werner Haidenthaler
01.08.2026
1 Empfehlung
Man könnte diesen Beitrag aus Moskau auch anders lesen, die Bevölkerung erwartet eine konsequentere Kriegsführung mit den verfügbaren Waffen, das hieße aber auch mehr Eskalation.
Robert M Münch
01.08.2026
4 Empfehlungen
Reagan hat die Udssr totgerüstet, was sehr schlau war. Dann war mal Ruhe. Zynisch betrachtet, verlängert jeder Kriegstag die Zeitspanne, bis wir uns nach dem Ende wieder mit RUS befassen müssen. Wir können der UKR nicht dankbar genug dafür sein, RUS so geschickt abzuwirtschaften, dass wir alle davon profitieren. Ich drücke der UKR die Daumen, dass sie ihren Einsatz immer weiter runterfahren kann und die Wirkung rauf.