Schon im Kulturkampf der 1990er Jahre war der Antisemitismus der Spaltpilz der Konservativen. Er ist es auch heute noch.
Schon im Kulturkampf der 1990er Jahre war der Antisemitismus der Spaltpilz der Konservativen. Er ist es auch heute noch.

Brooks Kraft / Sygma / Getty
Trump gab es schon vor Trump. Die Ideen, die er verkörpert, haben eine lange Tradition in den USA. Und sie werden ihn überleben. Es waren ausgerechnet die 1990er Jahre, in denen ein Kulturkampf losbrach, der viel mit den gegenwärtigen Debatten gemeinsam hat. Er erschütterte schon damals nicht nur die Republikanische Partei, sondern trieb das ganze Land um.
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Das erstaunt zuerst einmal. Denn soeben hatte der Westen unter der Führung Amerikas den Kalten Krieg gewonnen. Die Sowjetunion zerfiel, und die USA waren, wie es hiess, die übrig gebliebene Supermacht. Der «unipolare Moment» war gekommen, und Francis Fukuyama verkündete den endgültigen Sieg von Liberalismus und Kapitalismus.

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Der scheidende Präsident Ronald Reagan hatte Anfang 1989 sein Land als die «strahlende Stadt auf dem Hügel» beschworen. Doch das abgewandelte Bibelwort, das die USA zum Leuchtturm der Hoffnung stilisiert, passte schlecht zum Lebensgefühl vieler Amerikaner. Das hatte vor allem mit der Wirtschaft zu tun. Die Reformen der Reagan-Jahre hatten die gesellschaftliche Ungleichheit stark vergrössert.
Zu den Gewinnern gehörten tendenziell die Kapitalbesitzer, zu den Verlierern die Mittel- und die Arbeiterklasse, deren Jobs die beschleunigte Deindustrialisierung prekär oder überflüssig gemacht hatte. 1990 und 1991 waren Rezessionsjahre. In weiten Teilen der Gesellschaft breitete sich Zukunftsangst aus.
Auch aussenpolitisch bewegte sich der Hegemon noch unsicher in der neuen Welt. An seiner Spitze stand mit George H. W. Bush ein klassischer Konservativer und Vertreter des Washingtoner Establishments, den der Kalte Krieg geprägt hatte. Doch galten dessen Lehren noch? Die Experten debattierten über die Rolle, die Amerika jetzt übernehmen müsse. Im State Department machte man sich daran, neue Bedrohungsbilder zu entwerfen, und überlegte, wie das nationale Interesse zu definieren sei.

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Das ist der Boden, auf dem um 1990 der «culture war» ausbricht. Den Begriff hat 1991 der Soziologe James Davison Hunter geprägt. Er ist abgeleitet vom deutschen «Kulturkampf», dem Konflikt Bismarcks mit der katholischen Kirche in den 1870er Jahren. Und wie im historischen Original prallen auch in der amerikanischen Version nicht einfach Interessen aufeinander, sondern fundamental verschiedene Vorstellungen von der Gesellschaft. Der Untertitel von Hunters Buch heisst denn auch: «Der Kampf um die Definition Amerikas».
In dieser Auseinandersetzung geht es um das Schulgebet, um Abtreibung, um die gesellschaftliche Rolle der Familie und um das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weissen. Hunter, der Analytiker und Zeitgenosse, betont, dass es in dem Streit nicht nur um verschiedene Vorlieben oder abweichende Werte gehe. Zur Debatte stehen eine moralische Ordnung und die Frage, wer sie festlegt.
Verstärkt werden die Verunsicherungen durch den Wandel der Medienlandschaft. Das Kabelfernsehen mit unzähligen Anbietern dominiert und beschleunigt den News-Zyklus mit Programmen rund um die Uhr. Das Publikum löst sich in fragmentierte Konsumentengruppen auf.
Und noch mehr erinnert an die Gegenwart: Schon Ende der 1980er Jahre begann ein Streit um Political Correctness, die, so klagen Kritiker, wie eine Gedankenpolizei aus ihren Hochburgen an den Universitäten über die Medien in die Gesellschaft ausschwärme. Den Begriff «woke» gab es noch nicht, aber der Vorwurf ist ganz ähnlich: Die Vertreter von PC wollten festlegen, wie und mit welchen Begriffen über Rasse oder Geschlecht gesprochen werden darf.
Was den «culture war» auszeichnet, ist die Unversöhnlichkeit seiner Protagonisten. An Kompromissen sind sie nicht interessiert, denn es sind Glaubenskämpfe, die sich immer neue Themen aneignen. Und nicht nur das, selbst Verhaltensweisen, Sprachregelungen, ja Gegenstände (wie heute Hygienemasken oder Windturbinen) geraten in den Sog des Kulturkampfs. Es sind rechte und linke Intellektuelle und Aktivisten, die die Konflikte anzetteln. Aber über seine mediale Inszenierung werden sie zu mächtigen Treibern der politischen Mobilisierung von Bürgerinnen und Bürgern.

Dirck Halstead / Getty
1992 ist ein Wahljahr. Die Umfragewerte des amtierenden George H. W. Bush sind miserabel. Die Stimmung in der Partei ist schlecht. Das ist der Moment, in dem sich der ultrakonservative Politikberater und Medienmann Pat Buchanan entscheidet, mit einem radikalen Programm die Parteielite herauszufordern. Er bewirbt sich mit einer Rede um die Kandidatur, die – bis heute – ein Klassiker des kulturkämpferischen weissen amerikanischen Nationalismus ist.
Der Ort ist wenig glamourös, die Vorhalle eines Verwaltungsgebäudes in Concord, New Hampshire. Buchanan ist kein faszinierender Charismatiker, aber doch ein brillanter Redner. Im dunklen Anzug betritt der 53-Jährige den Raum in Begleitung seiner Frau und seiner Schwester. Etwa hundert seiner Anhänger und fast so viele Journalisten warten dort. Dann legt er los. Es ist keine Hetzrede, eher eine Predigt: Seine Aussagen unterstreicht er mit Handbewegungen, die die Zeitschrift «Vanity Fair» an Karateschläge erinnern.
Aber vor allem ist es eine Kriegserklärung an das Establishment der Partei, die gleichzeitig das Weltbild des konservativen Revolutionärs auf den Punkt bringt: Das Ende des Kalten Kriegs sei nicht das Ende der Geschichte, sagt Buchanan. Im Gegenteil: Die Kraft, die die neue Welt forme, sei der Nationalismus: «Wenn wir unser westliches Erbe an die nächsten Generationen weitergeben und es nicht in der Abfallgrube des Multikulturalismus landen soll, dann muss unser Nationalismus heissen: America first!»
Gefahr für den Westen lauere im Fernen Osten, so Buchanan, wo Japan den USA den wirtschaftlichen Rang ablaufe. Und auf dem alten Kontinent raube die Europäische Gemeinschaft den Nationen ihre Identität. Bush sei zwar ein ehrenwerter Mann, aber völlig ahnungslos. Deshalb müsse Washington zurückerobert und von den Lobbyisten befreit werden. «Bush ist ein Globalist, wir sind Nationalisten! Er ist die Vergangenheit, wir sind die Zukunft!» Das Establishment verschleudere den Reichtum der Nation für eine vage neue Weltordnung. «Aber wir holen uns unsere Partei zurück, wir holen uns unser Land zurück!»
Buchanan war chancenlos innerhalb der damaligen Republikanischen Partei. Der amtierende Präsident wurde nominiert und verlor prompt die Wahl gegen den jungen Demokraten Bill Clinton. In einem war sich Buchanan sicher: Bush hatte verloren, weil sein Establishment-Konservatismus und sein Globalismus die «America-firsters» nicht mobilisieren konnte. 1996 nahm Buchanan nochmals einen Anlauf. Aber seine Botschaft war unter Republikanern nicht mehrheitsfähig. Noch nicht.

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Patrick Joseph Buchanan war 1938 in Washington in eine katholische Familie geboren worden. Sein Vater besass eine Buchhaltungsfirma, die Mutter war Krankenschwester. Pat war eines von neun Kindern. Er besuchte in der Heimatstadt eine Jesuitenschule und schloss 1962 nach mehreren Anläufen an der Columbia-Universität ein Journalismusstudium ab.
Seine Kolumnen und pointiert konservativen Debattenbeiträge hatten Erfolg. Mitte der sechziger Jahre wurde er Assistent in der Anwaltskanzlei des späteren Präsidenten Nixon. Dieser nahm ihn als Redenschreiber und Strategieberater mit ins Weisse Haus. Dort forderte er 1972 seinen Chef vergeblich auf, sich in die Tradition der ultrakonservativen «Anti-Establishment-Bewegung» zu stellen.
Buchanans Konservatismus wollte nicht einfach das Bestehende bewahren, sondern durch eine Revolte eine idealisierte Vergangenheit wiederherstellen. Nixon bezeichnete ihn einmal als einen «ewigen Segregationisten», der der Rassentrennung noch immer nachtrauere. Immerhin nahm er Buchanans Kampfbegriff der «schweigenden Mehrheit» auf: die Parteinahme für jene Amerikanerinnen und Amerikaner, denen der linke Protest und die Vorherrschaft der liberalen Medien die Stimme genommen hätten.
Von 1985 bis 1987 diente Buchanan unter Präsident Reagan nochmals im Weissen Haus. Doch er rieb sich an der Disziplin und Zurückhaltung, die ihm als Kommunikationsdirektor auferlegt waren. Und wie Reagan, der kalte Krieger, das weltpolitische Engagement der USA definierte, damit konnte er sich ohnehin nicht anfreunden. Buchanan kehrte zurück zu den Medien – als Kommentator und Talkmaster. Bald war er einer der prominentesten Konservativen im Land und der Sprecher der «Old Right». Sein Kampf galt jetzt auch der Vormacht der Neokonservativen («Neocons») in der Republikanischen Partei.

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Das Ende der Sowjetunion hatte das Band gelöst, das die unterschiedlichen Strömungen in der konservativen Bewegung zusammenhielt: ein militanter Antikommunismus. Jetzt musste sich die Rechte in der Welt neu orientieren. Während die Old Right (oder «Paleocons») für aussenpolitische Zurückhaltung plädierte, sahen die Neocons den Moment gekommen, eine neue Weltordnung durchzusetzen. Im Golfkrieg 1991 und in den Jugoslawienkriegen 1992–1999 engagierten sie sich für militärische Interventionen, während die Paleocons vergeblich vor dem «Abenteurertum in Übersee» warnten.
Das war nur eine von vielen Differenzen. Für die Neocons gehörte die Einwanderung zum Kern des amerikanischen Gesellschaftsmodells. Viele ihrer führenden Vertreter waren die Söhne und Enkel jüdischer Immigranten. Die Paleocons dagegen lehnten den Zustrom ab, genauso wie die Errungenschaften der schwarzen Bürgerrechtsbewegung oder den Wohlfahrtsstaat. Wie Buchanan waren etliche ihrer Vordenker traditionalistische Katholiken.
Sie verabscheuten die neue technokratische «Managerklasse», zu der sie im Grunde auch die Neocons zählten. Deren Intellektuelle argumentierten gerne mit Statistiken und den modernen Sozialwissenschaften, die Paleocons bezogen sich lieber auf Philosophie und Geistesgeschichte.
Die heftigste Auseinandersetzung führten die beiden Lager mit Blick auf Israel. Für die Neocons war die Unterstützung des Landes nicht nur strategisch geboten, sondern das bedingungslose Bekenntnis zum jüdischen Staat auch ein moralischer Imperativ.
Nicht so für die Paleocons. Manche griffen jüdische Neocons an und unterstellten ihnen eine «duale Loyalität», nicht nur zu Amerika, sondern auch zu Israel. Und während die Vorbereitungen zum Golfkrieg im Gang waren, polterte Buchanan im August 1990 in einer Fernsehdebatte: «Es gibt zwei Antreiber für den Krieg im Nahen Osten. Das israelische Verteidigungsministerium und seine Ja-und-amen-Ecke in den USA.» Der Krieg werde dann aber ausgefochten von Jungs, die McAllister oder Gonzales hiessen (also christliche Namen hätten). Den Kongress nannte er ein «von Israel besetztes Territorium». Die Reaktionen waren heftig, und die «New York Times», aber auch prominente konservative Intellektuelle bezichtigten Buchanan des Antisemitismus.
Der Historiker John Ganz verortet Buchanan in einer langen Traditionslinie der Old Right, deren Rassismus, Antisemitismus und Gesellschaftsbild tief in die Vergangenheit reicht – vom südstaatlichen Populismus über den Ku-Klux-Klan bis zum Bürgerkrieg in den 1860er Jahren, und weit nach vorn in die Gegenwart der Maga-Bewegung.
Aus dieser Konstante leitet sich das «zivilisatorische Konzept» ab, das dem Abwehrkampf eines weissen, «europäisch geprägten» Amerika zugrunde liegt. Was Buchanan vergeblich versuchte, gelang drei Jahrzehnte später Trump mit ganz ähnlichen Argumenten. Heute ist Maga unter seiner Führung das ideologische Gravitationszentrum der Republikanischen Partei.

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Und eine weitere Parallele wird sichtbar: Israel und der Antisemitismus sind wie schon in den 1990er Jahren die Bruchstellen der konservativen Bewegung. Damals wie heute ist die konservative Heritage Foundation ein Schauplatz und Gegenstand von Kontroversen. Das jüngste Zerwürfnis begann im Oktober 2025, als der ultrarechte Fox-News-Star Tucker Carlson ein Interview mit dem 27-jährigen Influencer Nick Fuentes machte. Fuentes ist ein Holocaust-Leugner und weisser Suprematist, der unter jungen Maga-Anhängern populär ist.
2023 bezeichnete Fuentes Hitler als «verdammt cool». Man müsse nur die Videos anschauen, in denen er durch die Strassen fahre. Dass Tucker Fuentes reden liess, ohne ihm ernsthaft zu widersprechen, erregte Kritik, auch unter Republikanern.
Dagegen nahm der Präsident der Heritage Foundation, Kevin Roberts, Carlson in Schutz. Auf die Unterstützung Israels anspielend, sagte er, man sollte sich nicht verpflichtet fühlen, ausländische Regierungen zu unterstützen, auch wenn der Druck der «globalistischen Elite» gross sei. Darauf traten fünf Mitglieder der Heritage-Task-Force zur Bekämpfung des Antisemitismus unter Protest zurück. Roberts räumte später intern ein, einen Fehler gemacht zu haben, den Rücktritt lehnte er ab.
In eine breitere Öffentlichkeit trug den Konflikt der jüdische politische Kommentator Ben Shapiro, der am konservativen «America Fest» eine Breitseite gegen die «Betrüger und Schwindler» wie Carlson und Steve Bannon abfeuerte. Bannon schlug noch vor Ort zurück und sagte, Amerika müsse wieder christianisiert werden. Shapiro sei wie eine Krebserkrankung für den Konservatismus.
Die Antisemitismus-Kontroverse in der Maga-Bewegung bleibt in der Schwebe. Präsident Trump ist der Einzige, der den Streit entscheiden könnte. Doch er schweigt, weil er die Bewegung nicht spalten will. Sein Stellvertreter J. D. Vance geht einen Schritt weiter und warnt vor ideologischen «Reinheitstests». Sie seien selbstzerstörerisch. Auch das ist kühl kalkuliert: Es geht um die Bewegung, die ihn in drei Jahren ins höchste Amt tragen könnte.
John Ganz: When the Clock Broke. Con Men, Conspiracists and the Origin of Trumpism, Penguin Books 2025, 425 Seiten; James Davison Hunter: Culture Wars. The Struggle to Define America. Making Sense of the Battles over the Family, Art, Education, Law, Politics, Basic Books 1991, 432 Seiten.
Soeben habe ich „Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr“, 1961, zu Ende gelesen. Es ist für mich möglich, was zwischen 1890 bis 1933 in Deutschland passiert ist, neben diesen Bericht zu stellen: die gleichen Argumente, die gleichen Ziele mit dem gleichen Kulturpessimismus. Stichworte: Nationalismus, Technikfeindlichkeit, gegen Demokratie, starke Führerpersönlichkeit, Christianisierung des weissen Mannes, Antisemitismus.
"Die Ideen, die er verkörpert...." - das ist schon mal begrifflicher Unsinn.
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