Barbara Kent erlebte den ersten Atombombentest vor 80 Jahren in einem Ferienlager in New Mexico. Über das Schicksal der ersten Strahlenopfer wird bis heute geschwiegen. Besuch bei einer widerständigen Frau.
Barbara Kent erlebte den ersten Atombombentest vor 80 Jahren in einem Ferienlager in New Mexico. Über das Schicksal der ersten Strahlenopfer wird bis heute geschwiegen. Besuch bei einer widerständigen Frau.
Marie-Astrid Langer, Laguna Woods (Text), Alex Welsh (Bilder)26.12.2025, 05.30 Uhr
Wie Schnee hätten die Flocken ausgesehen, erinnert sich Barbara Kent. Weiss und fein rieselten sie vom Himmel. Schneefall war die einzige Erklärung, die die damals 13-Jährige und ihre Freundinnen für das hatten, was sich am Morgen des 16. Juli 1945 in ihrem Ferienlager in New Mexico in der Kleinstadt Ruidoso zutrug. Die Mädchen versuchten die Flocken zu fangen, rieben sie sich ins Gesicht und über die Arme. Schön warm fühlte sich das an.
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«Wir dachten, im Sommer sind Schneeflocken wohl warm», sagt Kent, und ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht, als sie sich an die kindliche Unschuld erinnert. «Wir wussten es einfach nicht besser.» Die 94-Jährige sitzt auf dem Sofa ihrer Wohnung in einem Altersheim in Laguna Woods, Südkalifornien. Die grauen Haare trägt sie sorgfältig frisiert, das blaue Shirt betont ihre strahlenden Augen. Mit leiser Stimme erzählt sie von jenem Morgen in New Mexico im Juli 1945:
Zum Ferienlager ist Kent tags zuvor mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Bobbie angereist. Zweieinhalb Stunden brauchten sie mit dem Auto von ihrer Heimatstadt El Paso in Texas. Die nächsten fünf Tage wird Barbara Ballett und Stepptanz lernen, mit gleichaltrigen Mädchen spielen, in einer Holzhütte am Fluss schlafen.
Doch gleich die erste Nacht endet mit einem Schreck. Gegen halb sechs Uhr schleudert eine Druckwelle die Mädchen aus den Hochbetten ihres Schlafsaals. Die Tanzlehrerin scheucht alle nach draussen: «Sie dachte, dass ein Heizkörper explodiert sein könnte», sagt Kent. Im Freien angekommen, sehen sie eine riesige Wolke am Horizont und ein Licht, «so, als wäre schlagartig die Sonne aufgegangen». Wenige Stunden später rieseln dann die weissen Flocken vom Himmel.
Die Mädchen können sich die Ereignisse nicht erklären, aber sie sorgen sich auch nicht darum: Sie ziehen ihre Badeanzüge an, springen in den Fluss und spielen im vermeintlichen Schneefall. Ein Foto zeigt Barbara Kent an jenem Tag, lachend und unbeschwert.

Barbara Kent
Tags darauf beruft das amerikanische Militär alle Anwohner ins Ortszentrum, die Tanzlehrerin und die Mädchen kommen auch. Ein Sprecher präsentiert ihnen eine Erklärung für die merkwürdigen Ereignisse des Vortags: Ein Munitionslager in der Nähe sei explodiert, deswegen die Explosion und das grelle Licht. Die Flocken seien nichts als Asche. Niemand sei verletzt worden oder ums Leben gekommen. «Wir wunderten uns, warum das Militär jemanden schickte, wenn doch alles in Ordnung war», sagt Kent. Auch die Nachrichtenagentur Associated Press verbreitet die Geschichte vom explodierten Munitionslager.
Das US-Militär verbreitete gezielt Falschmeldungen zur BombeIn Wahrheit ist es eine Falschmeldung, gezielt platziert von der amerikanischen Regierung. Die Beamten wollen vor den Anwohnern verheimlichen, was sich in den frühen Morgenstunden des 16. Juli tatsächlich zugetragen hatte: der erste Atombombentest der Menschheit. Es war der Höhepunkt des jahrelangen, streng geheimen Forschungsvorhabens Manhattan-Projekt.
In der Nähe von Alamogordo, mitten in der Wüste von New Mexico, hatte das amerikanische Militär in dreissig Metern Höhe eine gewaltige Bombe aus dem radioaktiven Material Plutonium explodieren lassen. Drei Pfund davon waren explodiert, die übrigen zehn verteilten sich hingegen in der Atmosphäre. Die Sprengkraft übertraf alles Vorstellbare. Sie war so gewaltig, dass sich ein Atompilz bildete, 12 000 Meter hoch. Das grelle Licht der Explosion war noch Hunderte Kilometer entfernt zu sehen.

United Archives / Imago
Aus militärischer Sicht ist der Probelauf ein Erfolg. Nun kommt die Bombe aus dem Labor auf das Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs: Am 6. August werfen die Amerikaner erst eine Uranbombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab, am 9. August dann eine Plutoniumbombe über Nagasaki – ähnlich der, die sie zuvor in der Wüste New Mexicos getestet hatten. Bis zu 200 000 Menschen sterben dabei. Die Japaner kapitulieren kurz darauf, der Zweite Weltkrieg endet.
In einer Radioansprache informiert Präsident Harry Truman die Amerikaner am 6. August über das geheime Atomprogramm, das in New Mexico entwickelt worden war. Es habe im Vorfeld auch eine «Testexplosion in einer amerikanischen Wüste» gegeben, sagt er. Die Botschaft ist offensichtlich: Die Amerikaner sollen stolz darauf sein, dass sie es sind, die das nukleare Zeitalter eingeläutet haben.
Es wäre ein guter Zeitpunkt, die Anwohner in New Mexico zu evakuieren. Oder sie anzuhalten, kein Obst und Gemüse mehr zu essen. Oder ihnen zu raten, das Regenwasser, das vielen als Trinkwasser dient, lieber wegzuschütten. Und ebenso die Milch von verstrahlten Kühen zu meiden. Doch nichts davon geschieht.
Wie weit radioaktive Strahlen reichen, wie lange sie anhalten und welchen Langzeitschaden sie im menschlichen Körper anrichten – zu alldem gibt es damals noch keine Studien. «Niemand hatte mit so etwas irgendeine Erfahrung, wir hofften einfach, dass die Situation nicht allzu heikel werden würde», gibt einer der medizinischen Leiter des Manhattan-Projekts, Louis Hempelmann, Jahre später in einem Interview zu. Die Verantwortlichen hätten aber durchaus geahnt, dass Zivilisten bei dem Atombombentest «vermutlich einem Übermass» an radioaktiver Ausstrahlung ausgesetzt worden waren. «Aber sie konnten es nicht beweisen, und wir konnten es nicht beweisen. Also nahmen wir einfach an, dass wir damit davonkommen würden.»
Keine ihrer Freundinnen wurde älter als 40 JahreTatsächlich war der Fallout von «Trinity», wie die Wissenschafter den ersten Atombombentest tauften, verheerender als erwartet. Die pilzförmige Wolke voller Plutonium spaltete sich in der Luft: Ein Teil schwebte gen Norden nach Kanada, einer gen Osten bis ins 3200 Kilometer entfernte New York. Ein dritter Teil wehte gen Südosten, ins 45 Kilometer entfernte Ruidoso, wo Barbara Kent und ihre Freundinnen zu dieser Zeit täglich draussen spielten.
Die Folgen zeigten sich erst Jahre später, als sie Frauen wurden, Kinder bekommen wollten, mitten im Leben standen. «Keine von ihnen wurde älter als vierzig Jahre», sagt Barbara Kent, «alle bekamen eine Form von Krebs.» Auch die Tanzlehrerin erlag einem Krebsleiden. Kents Mutter erkrankte an Brustkrebs und starb an einem Gehirntumor, ebenso wie ihr Bruder Bobbie.
Auch Kents Leben war von Strahlenschäden gezeichnet. Sie erkrankte an Hautkrebs und Leukämie, musste ihre Schilddrüse und ihre Gebärmutter wegen Tumoren entfernen lassen. Sie brachte drei gesunde Mädchen zur Welt, hatte aber auch zwei Fehlgeburten und eine Totgeburt.

Heute wissen Ärzte, dass selbst kleinste Mengen Plutonium hochgiftig sind, insbesondere wenn sie eingeatmet werden. Sie können sich in Knochen und Organen festsetzen und Jahre später noch Krebs verursachen.
Plutonium kann auch das Erbgut verändern. Ist das bei Eizellen oder Spermien der Fall, kann die genetische Mutation an die nächste Generation weitergegeben werden. Ob das ebenfalls zu Krebserkrankungen führt, erforschen Mediziner noch. Tatsache ist, dass auch zwei von Kents Töchtern an Brustkrebs erkrankten, die älteste Tochter starb 2023 an den Folgen. Dieser Tod traf die Familie besonders hart. Auch die zwei Enkeltöchter, beide Anfang dreissig, gehen bereits regelmässig zur Krebsvorsorge.
Oft sieht man die Zusammenhänge der Ereignisse im Leben erst im Rückblick deutlich. Wann genau sie realisierte, dass ihre Krebsleiden im Zusammenhang mit jenem Tag im Juli 1945 standen, daran erinnert sich die 94-Jährige nicht mehr. Erst im Laufe der Jahre habe sie gemerkt, dass alle Erkrankungen durch Strahlenbelastung ausgelöst wurden.
Das Schicksal der «Downwinders» ist kaum bekanntAndere Familien erlitten ein ähnliches Schicksal. In den drei Monaten nach dem Atombombenversuch stieg die Säuglingssterblichkeit in New Mexico um 56 Prozent. Viele Kinder aus der Region entwickelten später Leukämie. Auch unter Erwachsenen stiegen die Krebserkrankungen signifikant.
Wie bei einem Puzzle, dessen Einzelteile lange nicht auf das Gesamtbild schliessen lassen, ahnte die Öffentlichkeit jahrzehntelang nichts von alldem. Erst im Jahr 2010 gab die Gesundheitsbehörde CDC in einem sechshundert Seiten langen Bericht über «Trinity» zu, dass die Bevölkerung in Teilen New Mexicos damals einer Strahlenbelastung ausgesetzt war, die die heute zulässigen Werte um das 10 000-Fache überstieg.
Auch achtzig Jahre nach «Trinity» wird in den USA kaum darüber gesprochen, welch hohen Preis die Bevölkerung für die Entwicklung der Atombombe zahlte. In Los Alamos, dem einstigen Geheimlabor der Wissenschafter des Manhattan-Projekts, feiert man lieber die wissenschaftliche Errungenschaft der «A-Bomb». Gleich drei Museen hat die Stadt ihrer Vergangenheit gewidmet, doch in keinem werden die «Downwinders» erwähnt – also jene Menschen, die windabwärts vom Atomtest wohnten und unwissentlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren. Ebenso wenig wird an die gesundheitlichen Folgen für die Minenarbeiter erinnert, die das Uran und das Plutonium für die Bomben ausgruben.

AP
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging das Atomprogramm der USA erst richtig los. Neue Bomben wurden in der Atmosphäre, unter der Erde und unter Wasser getestet. Mit einem Unterschied: Auf Empfehlung der medizinischen Leiter des Manhattan-Projekts wurden bald alle Menschen im Umkreis von 240 Kilometern eines Nukleartests evakuiert. Zum Vergleich: In diesem Radius lebten während «Trinity» fast eine halbe Million Menschen.
Doch selbst das war nicht Schutz genug. In Nevada, New Mexico, auf Pazifikatollen und in anderen Testregionen erkrankten mehr und mehr Anwohner an Krebs. Erst nach dem Ende des Kalten Kriegs verhängte der Kongress ein Moratorium für Nukleartests. Um die Opfer zu entschädigen, verabschiedete er 1990 ein Gesetz namens Radiation Exposure Compensation Act, kurz Reca. Es sprach den «Downwinders» sowie den Minenarbeitern Tausende Dollar als Kompensation für die erlittenen Strahlenschäden zu.
Doch Reca deckte nur Nukleartests ab dem Jahr 1946 ab. Die Opfer von «Trinity», der Mutter aller Atomtests, waren explizit ausgenommen. Der Grund: Das Atomprogramm war 1945 streng geheim, deswegen hatte man weder die Strahlenbelastung noch die gesundheitlichen Schäden dokumentiert. Es fehlten die formellen Nachweise, mit denen Anwohner ihre Ansprüche hätten geltend machen können.
Über Jahrzehnte kämpften Opferverbände in New Mexico gegen diesen Missstand an. Erst im Juli dieses Jahres, kurz vor dem achtzigsten Jahrestag von «Trinity», hatten sie Erfolg: Im Zuge des Reformpakets «One Big Beautiful Bill» schaltete der Kongress Sondermittel frei. Sie sehen eine einmalige, steuerbefreite Entschädigung von 100 000 Dollar für jedes Opfer von «Trinity» beziehungsweise deren Nachfahren vor.
Doch Barbara Kent bleibt weiter ausgenommen. «Downwinders» mit damaligem Wohnsitz in Texas werden auch in der erweiterten Version von Reca nicht entschädigt. Der Gliedstaat war zu weit von der Explosionsstelle entfernt, heisst es. Und Barbara Kent, ihre Mutter und ihr Bruder waren an jenem Datum nur zu Besuch. Die Familie Kent versucht nun, trotzdem eine Entschädigung zu erhalten – auch, weil es ein Foto von ihr an jenem Morgen des 16. Juli 1945 in New Mexico gibt.
Ihr gehe es nicht um das Geld, betont Barbara Kent im Gespräch. Es gehe ihr um die Anerkennung dessen, was der Atomtest mit ihrem Leben gemacht habe. Für einmal ist ihre Stimme energisch. «Ich habe meine Freundinnen verloren, meine Mutter, meinen Bruder und vor allem mein Kind», sagt Kent. «Ich wünschte einfach, ‹Trinity› wäre nie passiert.»

Erik Von Weber / Getty
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