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Ausgebrannt: In der Welthauptstadt des Feuerwerks herrscht Totenstille

Дата публикации: 31-07-2026 03:30:00

Eine Kleinstadt in Zentralchina ist die Feuerwerkfabrik der Welt. Dort fertigen mehr als vierhundert Firmen Leuchtraketen, Böller und Knallfrösche – auch für die Schweiz. Die Arbeitsbedingungen sind aber alles andere als sicher.

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Ausgebrannt: In der Welthauptstadt des Feuerwerks herrscht Totenstille

Eine Kleinstadt in Zentralchina ist die Feuerwerkfabrik der Welt. Dort fertigen mehr als vierhundert Firmen Leuchtraketen, Böller und Knallfrösche – auch für die Schweiz. Die Arbeitsbedingungen sind aber alles andere als sicher.

Handarbeit unter Hochdruck: In Liuyang fertigen Arbeiterinnen Raketen und Böller für den Weltmarkt. Enormer Exportdruck und ignorierte Sicherheitsvorschriften führten in der chinesischen Feuerwerkshauptstadt zur Katastrophe.

Handarbeit unter Hochdruck: In Liuyang fertigen Arbeiterinnen Raketen und Böller für den Weltmarkt. Enormer Exportdruck und ignorierte Sicherheitsvorschriften führten in der chinesischen Feuerwerkshauptstadt zur Katastrophe.

Yang Huafeng / China News Service via Getty

Dort, wo einst die Fabrikhalle des Unternehmens Far Ocean Fireworks stand, erstreckt sich nur noch eine Trümmerwüste. In der Mitte des Geländes steht ein ausgebranntes Auto. Ein Stück weiter vorn liegen, wild verstreut, Haufen verkohlter Holzlatten. Das Areal ist menschenleer.

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Das Tor zum Verwaltungsgebäude von Far Ocean Fireworks auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht weit offen. Die Fenster des grau verputzten Baus sind zerborsten. An der Mauer vor dem Gebäude flattert ein rotes Transparent. «Jeder hat auf die Sicherheit in der Produktion zu achten», steht dort in weissen Schriftzeichen.

Der Aufruf hat offenbar nichts genutzt. Am 4. Mai erschütterte eine gewaltige Explosion die Fabrik für Feuerwerkskörper. 37 Menschen starben, 51 wurden verletzt. Trotz den Feiertagen waren viele Arbeiter zur Schicht erschienen, denn in der Verwaltung stapelten sich die Aufträge aus den USA. Bis zu den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Gründung der Vereinigten Staaten waren es nur noch zwei Monate. Der Druck bei Far Ocean Fireworks war gross. Amerika brauchte Raketen.

Pyrotechnik für die Schweiz aus Liuyang

Liuyang, eine kleine Stadt in der zentralchinesischen Provinz Hunan, ist die Welthauptstadt des Feuerwerks. Neben Far Ocean Fireworks produzieren dort nach offiziellen Angaben noch 430 weitere Firmen Feuerwerkskörper. Mehr als 300 000 Menschen finden in normalen Zeiten in den Fabriken Arbeit; im Jahr 2024 erwirtschafteten die örtlichen Feuerwerkshersteller einen Umsatz von umgerechnet sechs Milliarden Franken, ein Viertel der örtlichen Wirtschaftsleistung. Wenn in der Schweiz am 1. August der Himmel in zahllosen Farben erstrahlt, dort, wo Grossfeuerwerke noch erlaubt sind, sorgt dafür auch Pyrotechnik aus Liuyang.

Die Explosion bei Far Ocean Fireworks hat sich tief in die Erinnerung der Anwohner eingegraben. Manche bekommen es auch nach zehn Wochen noch mit der Angst zu tun, wenn sie sich an den Unfall erinnern. Von den Überresten der Fabrik bis zu Frau Lius Gemischtwarenladen sind es kaum mehr als dreihundert Meter die Strasse entlang.

Die alte Frau sitzt vor ihrem kleinen Laden. In den Regalen hinter ihr liegen die Dinge, die die Menschen im Dorf für ihren Alltag brauchen: Waschmittel, Schreibhefte für die Kinder, Kartoffelchips und Öl zum Kochen. «Es gab einen gewaltigen Knall», sagt Frau Liu mit brüchiger Stimme, «und auf einmal war überall Polizei.»

Rettungseinsatz im Trümmerfeld: Nach einer verheerenden Explosion in einer Feuerwerksfabrik im chinesischen Liuyang suchen Einsatzkräfte nach Opfern. Die Region gilt als Welthauptstadt der Pyrotechnik und beliefert auch die Schweiz.

Rettungseinsatz im Trümmerfeld: Nach einer verheerenden Explosion in einer Feuerwerksfabrik im chinesischen Liuyang suchen Einsatzkräfte nach Opfern. Die Region gilt als Welthauptstadt der Pyrotechnik und beliefert auch die Schweiz.

Yang Huafeng / China News Service via Getty

Ob das Management es mit den Sicherheitsvorschriften nicht so genau nahm, wie überall erzählt wird, davon will Frau Liu nichts wissen. Sie trauert der Fabrik von Far Ocean Fireworks nach: «Die waren doch mehr als zwanzig Jahre hier, und zum chinesischen Neujahrsfest haben sie immer ein so schönes Feuerwerk für uns gemacht.»

Wiederholte Verstösse gegen die Vorschriften

Nach Angaben der lokalen Behörden hat das Unternehmen tatsächlich gegen die Sicherheitsvorschriften verstossen – und das nicht nur einmal. Im Februar brummte das Büro für Notfallmanagement in Liuyang Far Ocean Fireworks eine Geldstrafe in Höhe von umgerechnet 1800 Franken auf. Der Grund: Arbeiter hatten verschiedene Grundstoffe für Feuerwerkskörper, die miteinander reagieren können, im selben Raum gelagert.

Der staatliche Fernsehsender CCTV meldete, die Behörden hätten die Firma während der vergangenen viereinhalb Jahre insgesamt vierundzwanzig Mal geprüft. In achtzehn Fällen hätten die Prüfer Verstösse gegen die Sicherheitsvorschriften festgestellt. Mehrfach hätten die städtischen Kontrolleure dieselben Missstände moniert, so CCTV. Warum Far Ocean Fireworks dennoch weitermachen durfte, bleibt wohl das Geheimnis der Stadtverwaltung in Liuyang.

Nach der verheerenden Explosion bei Far Ocean Fireworks haben die örtlichen Behörden aber nun die Reissleine gezogen– zumindest ein bisschen: Sie haben sämtliche Fabriken in Liuyang und den umliegenden Dörfern vorübergehend stillgelegt – mit der Auflage, die Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen. Da die Betriebe ihre Produktion in der heissen Jahreszeit ohnehin für einige Wochen unterbrechen müssen, fügte sich das gut.

Auch viele Zwischenhändler mussten ihre Büros schliessen. Der Eingang zum Markt für Feuerwerk in Liuyang führt durch einen mächtigen Torbogen aus Sandstein. Dahinter beginnt eine breite Strasse. Links und rechts reiht sich ein Geschäft an das andere. In den kleinen Läden stellen die Hersteller ihre neusten Entwicklungen aus: Pyrotechnik, die Comicfiguren an den Himmel zeichnet, aufgerollte Bänder mit bis zu zehntausend kleinen roten Knallern, aber auch Koffer aus Plastik mit viel Elektronik zur Steuerung komplizierter Feuerwerke.

In normalen Zeiten schieben sich Massen von Händlern aus aller Welt über den Markt in Liuyang. Dann prüfen sie die Angebote der Hersteller und geben ihre Bestellungen auf, auch für Supermarktketten in Deutschland und der Schweiz.

Praxistest vor der Stilllegung: Ein Angestellter prüft die Effekte neuer Feuerwerkskörper. Nach einem tödlichen Unglück durch missachtete Vorkehrungen herrscht in den Fabriken der Region derzeit jedoch vorübergehend Totenstille.

Praxistest vor der Stilllegung: Ein Angestellter prüft die Effekte neuer Feuerwerkskörper. Nach einem tödlichen Unglück durch missachtete Vorkehrungen herrscht in den Fabriken der Region derzeit jedoch vorübergehend Totenstille.

Yang Huafeng / China News Service via Getty

Die Händler aus dem Ausland kommen nicht mehr

Doch jetzt herrscht Totenstille. Menschen sind keine zu sehen, die meisten Geschäfte sind mit schweren Bügelschlössern verriegelt. Viele Inhaber haben sogar die Schriftzeichen mit dem Firmennamen über den Türen entfernt. Bei manchen Läden sind noch Farbreste zu erkennen. «Liuyang Export Feuerwerk», stand einmal über einem, «Schönes Feuerwerk-Land» über einem anderen.

Eines der wenigen Geschäfte, die in diesen Tagen öffnen dürfen, trägt den schönen Namen Happiness Firing Systems. In den Regalen stehen Schaltkästen in Schuhkartongrösse voller Regler und Kippschalter.

Damit könne man aus bis zu dreihundert Metern Entfernung ein Feuerwerk auslösen, erzählt die Inhaberin stolz, und die Schaltkästen kosteten nur ein paar hundert Yuan. Mehr als drei Viertel ihrer Anlagen verkauft die junge Frau ins Ausland. Ihren Namen will sie nicht sagen.

Warum viele Geschäfte die Namen an ihren Fassaden entfernt haben? Nach der Explosion in der Fabrik im Mai seien Kontrolleure von Geschäft zu Geschäft gegangen und hätten die Lizenzen überprüft, erzählt die Inhaberin von Happiness Firing Systems. Viele der Händler konnten keine gültige Zulassung vorlegen. Sie hat eine.

Die Behörden schauen weg

In China gibt es Vorschriften, und es gibt Wege, diese zu umgehen. Kontrolleure mit schmalen Einkommen schauen auch einmal weg, vor allem, wenn sich der Fabrikant oder Händler erkenntlich zeigt. Manchmal reicht schon eine Stange Zigaretten.

Einer, der einfach weitermacht, ist der Fabrikbesitzer Herr Chen, auch er will anonym bleiben. An einem schwülheissen Nachmittag im Juli steht der Mann in Shorts und T-Shirt zwischen Kartons voller Hülsen aus Pappe. Die Fabrik von Herrn Chen ist kaum grösser als eine Garage, bis zu Happiness Firing Systems sind es nur ein paar Minuten.

Die Feuerwerkshersteller benötigen Chens Hülsen für ihre Raketen. Sie befüllen sie mit einem Gemisch aus Schwarzpulver und anderen Chemikalien und pflanzen sie auf dünne Holzstöcke. Das Pulver sorgt für die bunten und lärmenden Effekte der Raketen.

«Nach dem Unglück im Mai mussten alle Fabriken den Betrieb anhalten», erzählt Herr Chen. Aber einer seiner Freunde, der Feuerwerksraketen produziert, sitze noch auf grösseren Mengen pyrotechnischer Grundstoffe. Wenn das Pulver nicht bald verarbeitet werde, müsse sein Freund es entsorgen, sagt der Unternehmer. Also hilft Herr Chen – und hofft, dass die Sicherheitsbehörden nichts merken.

Einige Firmen fahren die Produktion wieder an

Herr Chen glaubt, dass sich die Fabriken in Liuyang schon bald wieder mit Leben füllen werden. «Die Firmen müssen jetzt ein paar Verbesserungen vornehmen und ein bisschen renovieren, dann geht es wieder los», sagt er. Fünf Fabriken, weiss Herr Chen, hätten die Produktion bereits wieder angefahren.

Unfälle, Fabrikbrände und Explosionen hat es in der Pyrotechnik-Region Liuyang immer gegeben: Anfang des Jahres kam es in einer Stadt nicht weit von Liuyang zu einer Explosion. Im vergangenen Jahr starben neun Arbeiter bei einem Unfall in einer Fabrik für Pyrotechnik in einer anderen Stadt der Provinz Hunan. Je nach Ausmass der Verwüstung und der Zahl der Todesopfer werden die zuständigen Behörden dann mal weniger und mal mehr aktiv.

Hat sich der Schrecken gelegt, geht der Betrieb meist weiter, als sei nichts gewesen, und die Behörden schalten von Hyperaktivität in den Normalmodus um. Bis die nächste Fabrik explodiert.

«Denen waren die Arbeiter egal»

Auch wenn die genauen Umstände der Katastrophe in Liuyang noch nicht geklärt sind – ein Mann glaubt zu wissen, was zu der Explosion geführt hat. «Die haben sich nicht an die Regeln gehalten, denen waren die Arbeiter egal», sagt Zeng Jiang. Wie alle hier lebt auch er von der Pyrotechnik. Sein Unternehmen, Jiang Feng, hat 700 Mitarbeiter.

Rettungskräfte arbeiten in den Trümmern der abgebrannten Fabrik in der Provinz Hunan. Lokale Unternehmer sagen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis es zur nächsten Katastrophe kommt.

Rettungskräfte arbeiten in den Trümmern der abgebrannten Fabrik in der Provinz Hunan. Lokale Unternehmer sagen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis es zur nächsten Katastrophe kommt.

Reuters

Die vielen kleinen Häuser, in denen Jiang Feng Feuerwerk fertigt, hängen in den Bergen ausserhalb der Stadt Shangli. Bis Liuyang sind es mit dem Auto nur fünfzig Minuten. Doch Shangli befindet sich nicht in der Provinz Hunan, sondern in der Nachbarprovinz Jiangxi.

«Darum kontrolliert mich hier jetzt auch niemand», sagt Zeng. Auch wenn theoretisch jeder Unternehmer gegen Vorschriften verstossen kann, ganz gleich, wo sich die Fabrik befindet, rühren die Behörden in Shangli keinen Finger. Das Unglück von Liuyang lässt sie offenbar kalt.

Zeng, der nur einen Mittelschulabschluss hat, hat in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten ein kleines Imperium geschaffen. Sein Handwerk lernte er bei Zhao Jiayu, einer Legende der chinesischen Feuerwerkskunst und dem kreativen Kopf hinter dem spektakulären Feuerwerk zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking.

Über den Regalen in der Ausstellungshalle von Zengs Firma hängen die Flaggen zahlreicher Länder, auch die der Schweiz. Es sind die Länder, die Jiang Feng beliefert. Das Büro des Chefs befindet sich in der dritten Etage, sein Schreibtisch ist geschätzte vier Meter breit, an der Wand dahinter hängen Kalligrafien und chinesische Landschaftsmalereien.

Zum Gespräch serviert Zeng Tee, Trockenfrüchte und Nüsse. Der Unternehmer zeigt eine Reihe von Fotos auf seinem Handy. «Ich veranstalte hier hin und wieder Feuerwerke für die Menschen in der Region», erzählt er.

Eines zeigt drei bunte, überdimensionale Schmetterlinge, vom Feuerwerk an den Himmel gezaubert, ein anderes eine Figur des Gründers der Volksrepublik, Mao Zedong, in Orange, wie er milde lächelnd vom Himmel auf die Erde blickt.

Kleine Werkstätten statt grosse Hallen

Dann bittet Zeng zu einer Fahrt über das Areal mit den Produktionsstätten. Links und rechts der Serpentinen, die sich den Hang hochschlängeln, stehen kleine Häuser mit blauen Dächern. Drinnen fertigen die Arbeiter von Jiang Feng Feuerwerk. Zeng sagt: «Je kleinteiliger die Produktion ist, desto sicherer ist sie.» Wenn es in einer garagengrossen Halle zu einer Explosion kommt, ist der Schaden kleiner, als wenn sich das Unglück in einer grossen Halle ereignet.

Doch derzeit ruhe der Betrieb, sagt Zeng, wegen der Sommerpause mit der grossen Hitze. Der Unternehmer hält sich an die Vorschriften, auch wenn sie ihm gegen den Strich gehen – «denn ich verliere viel Geld».

Dann hält der Chef vor einer kleinen Halle. Das Haus ist auf einer Seite offen. Darin stehen zwei schwitzende Frauen und verpacken Boxen mit je achtundvierzig aneinandergereihten Hülsen aus Pappe. Aus diesen werden, entzündet man die Lunte, schnell nacheinander Raketen abgeschossen.

So richtig genau nimmt Zeng Jiang es mit den Vorschriften offenbar doch nicht. «Die Lieferung muss raus», sagt Zeng.

Eine Feuerwerksschau taucht die chinesische Stadt Liuyang in gleissendes Licht. Regelmässig veranstalten Firmen Feuerwerk-Shows für die Anwohner.

Eine Feuerwerksschau taucht die chinesische Stadt Liuyang in gleissendes Licht. Regelmässig veranstalten Firmen Feuerwerk-Shows für die Anwohner.

Yang Huafeng / China News Service via Getty

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