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Einmal abhängig von China, immer abhängig von China? Das Beispiel Wolfram zeigt, wie gefährdet Europas Rohstoffversorgung ist

Дата публикации: 04-08-2026 03:30:00

Die EU hat ein Gesetz geschaffen, um sich bei Rohstoffen unabhängiger zu machen. Aber Brüssel schafft es nicht, mit der Industrie zu kooperieren. Diese warnt: Ohne Wolfram geht in Europa nichts mehr.

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Einmal abhängig von China, immer abhängig von China? Das Beispiel Wolfram zeigt, wie gefährdet Europas Rohstoffversorgung ist

Die EU hat ein Gesetz geschaffen, um sich bei Rohstoffen unabhängiger zu machen. Aber Brüssel schafft es nicht, mit der Industrie zu kooperieren. Diese warnt: Ohne Wolfram geht in Europa nichts mehr.

Arbeiterinnen in einer chinesischen Wolframfabrik: Das Land definiert die Spielregeln der Rohstoffmärkte.

Arbeiterinnen in einer chinesischen Wolframfabrik: Das Land definiert die Spielregeln der Rohstoffmärkte.

China Stringer Network via Reuters

Wenig ängstigt Europas Politiker so sehr wie die Abhängigkeit des Kontinents von in China geförderten und weiterverarbeiteten Rohstoffen. Mit ihnen kann die autoritär regierte Grossmacht die europäischen Staaten jederzeit unter Druck setzen. Umgekehrt besitzen diese kein so starkes Machtmittel. Wolfram beispielsweise bezieht der Kontinent zu über achtzig Prozent aus China – und das Metall zeigt eindrücklich, wie schwer sich Europa tut, die gefährliche Abhängigkeit vom dominanten Lieferanten zu reduzieren.

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Wolfram hat den höchsten Schmelzpunkt aller chemischen Elemente und ist sehr hart. Das macht es in vielen Industrien zu einem stark nachgefragten Werkstoff. Mit verarbeitetem Wolfram lassen sich etwa Werkzeuge härten. Das Metall findet aber auch Verwendung in Batterien für die E-Mobilität und wird für panzerbrechende Munition benötigt. Ohne Wolfram steht Europas Industrie rasch still.

China verknappt das Angebot

Der Nachschub aus China ist allerdings ins Stocken geraten, im vergangenen Jahr war das Land gar plötzlich ein Nettoimporteur. Gleichzeitig ist der Preis stark gestiegen, seit Anfang 2025 ungefähr um das Neunfache.

Der Rohstoff-Analytiker Michael Dornhofer führt das unter anderem auf ein einschneidendes Ereignis Anfang Februar 2025 zurück. Damals hat China die Wolfram-Ausfuhren einem Kontrollregime unterworfen. Es gilt für Güter, die militärisch und zivil genutzt werden können. Wahrscheinlich war das die Antwort auf Handelsbeschränkungen des Westens, etwa bei Halbleitern.

Spätestens seither weiss Europa, was es bei der Rohstoffversorgung geschlagen hat. Und die EU versucht fast verzweifelt, den Rohstoffsektor auf dem Kontinent wiederzubeleben. Grundlage dafür ist die im Mai 2024 geschaffene Critical Raw Materials Act (CRMA), in deren Rahmen mittlerweile über sechzig Rohstoffvorhaben als strategisch wichtig klassifiziert worden sind. Die Projekte sollen Unterstützung erhalten – von der EU, den Mitgliedsländern sowie privaten und öffentlichen Finanzinstitutionen.

Aber das Projekt scheint nicht Fahrt aufzunehmen. Das ist zumindest der Eindruck, den Unternehmer und Investoren in den vergangenen Monaten gewonnen haben. «Mit der CRMA hat die EU zwar Ziele definiert, ich sehe aber kaum Massnahmen», sagt Karlheinz Wex, der Chef der Plansee-Gruppe. Das österreichische Unternehmen ist ausserhalb Chinas der grösste Verarbeiter von Wolfram – es wird etwa zu Wolframcarbid umgewandelt, das dann für Werkzeuge verwendet wird.

Auch Stefan Müller, der Chef des Finanzunternehmens DGWA, findet, dass es «faktisch» keine Unterstützung der EU gebe. Diese müsse verstärkt auf Experten zugehen. «Sonst besteht das Risiko, dass die CRMA ein zahnloser Tiger bleibt», so Müller.

Chinesische Produktion von Wolframfäden: Diese haben einen extrem hohen Schmelzpunkt, so dass sie bei grosser Hitze nicht reissen.

Chinesische Produktion von Wolframfäden: Diese haben einen extrem hohen Schmelzpunkt, so dass sie bei grosser Hitze nicht reissen.

Imago

Selbst aus der Kommission ist Kritik am Vorhaben zu hören. Man hat im Gremium zwar eine eigene Einheit geschaffen, die sich um die Umsetzung der CRMA kümmern soll. Es fehlten dort aber das Fachwissen und das Geld, um die komplexen Projekte zu begleiten, heisst es.

Europa kann nicht so systematisch vorgehen wie China

Das ist einer der grossen Unterschiede zwischen der EU und einem autoritär geführten Staat wie China. Die Regierung des asiatischen Landes hat nicht nur die Gewinnung von Rohstoffen über Jahre systematisch gefördert, sondern auch deren Weiterverarbeitung teilweise monopolisiert. Zudem liess sie Reserven anlegen, die sie in Krisenzeiten anzapfen kann, wie derzeit das Erdöl.

Die EU dagegen hatte nie Rohstoffvorräte, und selbst die USA, die solche einst besassen, haben sie nach dem Ende des Kalten Krieges aufgelöst. «Europa braucht verbindliche strategische Reserven an kritischen Metallen», fordert Wex. Nur so sichere der Kontinent die industrielle Resilienz und die sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit.

Letztlich rächt es sich nun, dass der Rohstoffsektor im Westen in den vergangenen Jahrzehnten in Agonie verfallen ist. In Europa fehlt es mittlerweile an fast allem für eine Wiederbelebung: an Kapital, an Fachkräften und am unbedingten politischen Willen.

Der Abbau von Rohstoffen gilt – zu Recht oder zu Unrecht – als schmutzig. Politiker können bei den Wählern nicht punkten, wenn sie neue Minenprojekte in ihrer Region vorantreiben. Denn die Bevölkerung hält das Sankt-Florian-Prinzip hoch: Der Abbau soll anderswo stattfinden, bloss nicht vor der eigenen Haustür.

Die EU ist gegenüber den Mitgliedsländern machtlos

Auch aus diesem Grund kann die EU noch so viele Strategien und Gesetze wie die CRMA ausarbeiten – die Mitgliedländer spielen nicht mit, zumal die EU im Rohstoffgeschäft keine direkte Zuständigkeit hat.

Für all das ist Wolfram ein typisches Beispiel. In den 1990er Jahren war der Preis des Metalls so niedrig, dass sich der Abbau im Westen nicht mehr lohnte. Die Durststrecke überstanden haben nur ganz wenige Minen, unter ihnen jene beim portugiesischen Dorf Panasqueira. Die Regierung half, die Abbaustätte am Leben zu erhalten, auch, um Arbeitsplätze zu sichern.

Kritik am Bergbausektor gibt es dort kaum. Immerhin wird Wolfram bei Panasqueira seit 1898 abgebaut. Die Tradition des vielerorts verpönten Bergbaus blieb erhalten, und nun kommt der Region die Rohstoff-Renaissance zugute. Vor zehn Jahren kaufte die kanadische Almonty-Gruppe des Unternehmers Lewis Black die Mine – gerade rechtzeitig, um ebenfalls vom Aufschwung zu profitieren.

Ähnliches spielt sich gerade bei der Sangdong-Mine in Südkorea ab. Sie wurde 1994 stillgelegt, später hat ebenfalls Almonty sie gekauft, dann wurde sie wiedereröffnet, und in diesen Wochen wird gerade die Produktion hochgefahren. So viele Freunde wie derzeit habe er noch nie gehabt, sagt Black von Almonty ironisch. Regierungen und Unternehmen wollen mit ihm ins Geschäft kommen, um an Wolfram zu gelangen.

Black hat allerdings bereits einen Abnehmer gefunden: die Plansee-Gruppe aus Österreich. Sie hat sich das Kaufsrecht für den grössten Teil des geförderten Materials für die kommenden 21 Jahre gesichert.

Neue Minenprojekte dauern viel zu lang

Sangdong gilt in Südkorea und allgemein im Westen als Hebel, um das chinesische Beinahe-Monopol bei Wolfram entscheidend zu schwächen. Allerdings werden in der ersten Phase bloss 2500 Tonnen Wolfram pro Jahr abgebaut, weltweit liegt der Bedarf dagegen bei 120 000 Tonnen, jener des Westens beträgt 50 000 Tonnen. Sangdong sichert dem Westen somit vorerst bloss 5 Prozent jenes Wolframs, das er jährlich benötigt.

Wex von Plansee plädiert deshalb dafür, dass Europa vor allem auch die Recyclingquote bei Wolfram erhöhe. «Wir müssen jetzt jedes Gramm Wolfram sammeln und wiederverwerten.» Europa solle daher auch aufhören, Wolframschrott zu exportieren, etwa nach China, findet Wex. «Wir dürfen unsere Rohstoffsicherheit nicht exportieren.»

Bei dieser Frage ist die Plansee-Gruppe als Recycler wirtschaftlich Partei. Gleichwohl ist es kurzfristig wohl vernünftiger, die Wiederverwendung zu forcieren, als auf neue Minen zu hoffen. Immerhin dauert es mindestens fünf Jahre, bis eine einst geschlossene Abbaustätte wieder in Betrieb geht. Gar mindestens fünfzehn Jahre verstreichen, bis eine neue Mine eröffnet werden kann.

Zumal das der Idealfall ist, der keinesfalls eintreten muss. Kapitalgeber beispielsweise sind weiterhin sehr zurückhaltend mit Mineninvestitionen. Verunsichert sind sie etwa, weil China jederzeit Wolfram auf den Markt werfen kann, um den Preis zu drücken und westliche Minenprojekte unrentabel zu machen. Und in solch einem Fall würden sich westliche Firmen, die Wolfram brauchen, wohl rasch wieder China zuwenden. Nach dem Motto: Resilienz ist zwar wünschenswert, aber am Schluss zählt für sie der Preis.

Vincent Kraeutler

vor 2 Stunden

"Wex von Plansee plädiert deshalb dafür, dass Europa vor allem auch die Recyclingquote bei Wolfram erhöhe."

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