Oleksandra Olijnikowa spielt Tennis, seit sie fünf ist. Doch die Ukrainerin hadert vor ihrem Auftritt in Wimbledon mit ihrem Traum von der großen Tenniskarriere. Auch wegen des Umgangs des Sports mit dem Krieg in ihrer Heimat, wie sie der Sportschau erklärt.
Stand: 28.06.2026 • 09:25 Uhr
Oleksandra Olijnikowa spielt Tennis, seit sie fünf ist. Doch die Ukrainerin, aktuell die Nummer 49 der Weltrangliste, hadert vor ihrem Auftritt in Wimbledon mit ihrem Traum von der großen Tenniskarriere. Auch wegen des Umgangs des Sports mit dem Krieg in ihrer Heimat, wie sie der Sportschau erklärt.
Dass junge Tennistalente vom großen Grand-Slam-Sieg träumen, ist nicht ungewöhnlich. Aber nur wenige landen wirklich im Profisport. Für die in Kiew geborene Oleksandra Olijnikowa war es ein Weg mit großen Hindernissen.
2011 muss sie als Zehnjährige mit ihren Eltern über Nacht die Ukraine verlassen. Ihr Vater wird unter der Regierung von Wiktor Janukowitsch politisch verfolgt. Aber er verspricht seiner Tochter, alles dafür zu tun, damit sie weiter Tennis spielen kann. Auch deshalb flieht die Familie nach Kroatien, in ein Land mit großer Tennistradition.
Die Flucht stellt die Familie vor große finanzielle Herausforderungen. Trotzdem gelingt es ihr, Oleksandra Olijnikowas Talent weiter zu fördern. Stück für Stück kämpft sie sich nach oben - zunächst in den Weltranglisten der Junioren, dann bei den Frauen. Mit 16 wird sie Profispielerin. Eine ganz normale Tenniskarriere unter herausfordernden Umständen: "Ich hatte große finanzielle Schwierigkeiten, weil ich keine Sponsoren hatte oder Manager oder jemanden, der meine Karriere finanzieren kann", erzählt die Spielerin im Exklusivinterview mit der Sportschau. Trotzdem gibt sie nicht auf.
Tennistraining unter KriegsbedingungenDer 24. Februar 2022, der Tag, an dem Russland die Ukraine überfällt, verändert alles. Oleksandra Olijnikowa zieht mit ihrer Familie zurück nach Kiew. Ihr Vater schließt sich dem ukrainischen Militär an.
Sie selbst trainiert weiter - unter erschwerten Bedingungen: "In unserem Tennisklub in Kiew haben wir Generatoren. Wenn es keinen Strom gibt, haben wir so trotzdem Licht. Wir haben einen sehr schönen Tennisklub, aber es kostet das Team, das dort arbeitet, große Mühe, alles am Laufen zu halten." Dass während ihres Trainings häufig auch Luftalarm ausgelöst wird, registriert sie kaum noch: "Wir unterbrechen unser Training gar nicht mehr, obwohl wir sollten. Wir spielen einfach weiter. Wir haben uns irgendwie an diese beängstigenden Umstände gewöhnt."
Zwei Mal gegen russische Gegnerinnen in ParisUmstände, die ihren Blick auf die Tenniswelt sehr verändert haben. Das war nicht zuletzt bei den French Open in Paris im Mai deutlich zu vernehmen. Gleich zwei Mal musste sie dort gegen russische Gegnerinnen antreten - während Russland massive Luftangriffe auf Kiew flog. Die Pressekonferenzen nutzte Olijnikowa, um auf die Situation in der Ukraine aufmerksam zu machen. Aber auch, um den Tennisverband WTA mit unbequemen Tatsachen zu konfrontieren.
So zum Beispiel zu ihrer Gegnerin, der Russin Diana Shnaider, die 2025 in Russland an einem von Gazprom ausgerichteten Turnier teilnahm: "Gazprom ist ein Unternehmen, das Kriegsverbrechen finanziert", erklärte Olijnikowa in der Pressekonferenz vor dem Spiel und zeigte Fotos, die die Teilnahme Shnaiders belegen. "Daran teilzunehmen ist, denke ich, dasselbe wie in Nazi-Deutschland vor Gestapo-Offizieren zu spielen bei einem Turnier, das von dem Unternehmen ausgerichtet wurde, das Auschwitz gebaut hat."
Eine Aussage, die für Schlagzeilen sorgte. Olijnikowa stellte dabei klare Forderungen an die WTA: Spielerinnen, die das russische Regime unterstützen, sollten von der Teilnahme an Turnieren ausgeschlossen werden. Aktuell dürfen sowohl russische als auch belarusische Spielerinnen unter neutraler Flagge starten.
Bewusste Entscheidung für das Leben in KiewFür Olijnikowa ist das auch sportlich unfair: "Die Person, die den Angreifer unterstützt, spielt gegen ein Opfer dieses Krieges - wir haben komplett verschiedene Voraussetzungen", erklärt Olijnikowa die Situation. "Wenn du in der Ukraine lebst, sind deine Möglichkeiten nicht dieselben. Das ist eine zusätzliche Herausforderung."
Natürlich könnte auch Olijnikowa die Ukraine verlassen, um dort zu trainieren, wo ihr Leben nicht täglich in Gefahr ist. Aber sie ist bewusst in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Weil ihre Familie dort lebt, aber auch, weil sie sich dort weniger allein fühlt: "Mir ist bewusst, dass ich getötet werden kann, wenn ich in der Ukraine bleibe", sagt sie im Interview. "Aber die Verbindung mit den Menschen dort, das gegenseitige Verständnis, gibt dir auf einer emotionalen Ebene Sicherheit. Ich muss mich dort nicht erklären, sie verstehen mich, weil sie in derselben Situation sind."
Während der French Open hatte Russland erneut heftige Angriffe auf Kiew lanciert. Die ukrainische Spielerin Marta Kostyuk hielt ein Foto in die Kameras, auf dem brennende Häuser zu sehen waren - nur 100 Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Ihre Mutter und Schwester waren zum Zeitpunkt der Angriffe im Haus.
Im Konflikt mit der WTAAuch deshalb kommt Olijnikowa falsch vor, dass der Sport diese Realitäten am liebsten ausblenden würde. Und genau hier hadert sie mit dem Tenniszirkus. In einem Instagram-Post eine Woche vor dem Start des Turniers in Wimbledon schrieb sie: "Unter den Top 50 der Welt zu sein und eine von drei Topspielerinnen der Ukraine ist ein unglaublicher Erfolg. Aber für mich fördert er nur mehr Fragen und Herausforderungen zutage."
Sie kritisiert den Fokus auf Luxus und Vermarktung in der Tenniswelt. "Ich habe geglaubt, Sport verbindet die Menschen, dass man hier Solidarität für die richtigen Dinge findet", sagt sie. "Aber heute ist es vor allem kommerziell. Als ich das erkannt habe, war ich tatsächlich enttäuscht."
Über diese Enttäuschung lässt sie auch die Women's Tennis Association (WTA) nicht im Unklaren. Sie steht weiterhin in Gesprächen mit den Verantwortlichen, sagt sie, auch wenn es schwierige Gespräche seien. Auch die WTA hadert offenbar mit dieser Spielerin, die nicht aufhört, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auch auf die politische Situation jenseits des Platzes zu richten, wie aus einem Interview von Oleksandra Olijnikowa mit dem Tennis-Blogger Ben Rothenberg hervorgeht. Auf Anfrage der Sportschau äußerte sich die WTA bis Redaktionsschluss allerdings nicht dazu.
Spenden sammeln für DrohnenWie offen sie das tut, zeigt auch das Handle ihres Instagram-Accounts: @_drones4ua.org_. Unter der dazugehörigen Website sammelt sie Spenden für die Nemesis-Einheit, der auch ihr Vater angehört. Mit dem Geld werden Drohnen finanziert, unter anderem für Abwehraktivitäten. Und natürlich hilft ihr der Aufstieg in der Weltrangliste dabei, mehr Bekanntheit zu erlangen - und damit mehr Spenden zu sammeln.
Doch bei allem Hadern: Es gibt etwas, das ihr sofort ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn sie danach gefragt wird: die temporären und auffälligen Sticker, die sie sich während ihrer Turnierauftritte ins Gesicht klebt: "Trotz allem, was ich am Tennis nicht mag, ich liebe es zu spielen und bin dankbar für jeden Moment. Denn in der Ukraine weißt du nie, was der nächste Tag bringt", sagt sie.
Die Sticker sollen ihre Kreativität und Lebensfreude zum Ausdruck bringen: "Es kann jederzeit etwas sehr Tragisches und Beängstigendes passieren. Deshalb ist es sehr wichtig für mich, in jedem Moment einen Lichtblick zu finden." Bei ihrem Auftritt in Wimbledon, so verrät sie, wird sie sich - thematisch passend - Erdbeersticker ins Gesicht kleben.
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