Weil das IOC politische Äußerungen bei den Olympischen Spielen verbietet, wurde eine afghanische Breakdancerin 2024 disqualifiziert. Sie wehrt sich nun juristisch gegen die Disqualifikation - und die Auslegung der Regel.
Der Beat pulsiert durch die Arena in Paris. Manizha Talash bewegt sich im Rhythmus, ihre Bewegungen sind präzise. Breakdance feiert bei den Olympischen Spielen 2024 seine Premiere als olympische Disziplin. Es ist Talashs erster Auftritt in diesem Turnier, später wird sie sagen, dass sie ihn so nie geprobt hatte. Während ihrer Performance zieht die junge Afghanin einen blauen Umhang hervor. Als sie ihn entfaltet, wird eine Botschaft sichtbar, die ihr Leben verändern wird: "Befreit die afghanischen Frauen". Sekunden, die zur Zäsur werden - nicht nur für ihre olympische Karriere, sondern für eine Debatte, die weit über den Sport hinausreicht.
Denn ihr Aufruf wird als politische Botschaft gewertet, sie wird vom Internationalen Olympischen Komitee verwarnt und kurz darauf von ihrem Weltverband wegen "der Darstellung eines politischen Slogans" disqualifiziert.
Mehr als ein Jahr später sitzt Talash wieder im Trainingsraum. Die Disqualifikation von Paris lastet noch immer schwer auf ihr. "Nach dem Ende der Olympischen Spiele hatte ich viele Probleme", erzählt sie: "Jedes Mal, wenn ich wieder mit dem Training beginnen wollte, bekam ich starke Angstzustände - ich denke, das lag an all dem Drama rund um die Olympischen Spiele."
Flucht vor den TalibanIn ihrer Heimat begann sie mit Breakdance und war das einzige Mädchen in ihrer Tanzgruppe. Sie erhielt Morddrohungen. Auf ihr Tanzstudio, so erzählt sie, wurden mehrmals Bombenanschläge verübt. Der Preis der Unfreiheit ist ihr bekannt. Als die Taliban 2021 in Afghanistan die Macht übernahmen, wurde das Leben für Frauen zum Martyrium. Sport? Verboten. Bildung? Untersagt. Grundlegende Rechte sind ihnen seitdem genommen.
Aus Sorge um ihr Leben verließ Talash das Land der radikal-islamistischen Taliban und fand Zuflucht im Exil. Bei den Olympischen Spielen startete sie für das Flüchtlingsteam - eine Chance, der Welt ihre Kunst zu zeigen und gleichzeitig auf das Schicksal ihrer Landsfrauen aufmerksam zu machen. "Meine Disqualifikation war unfair", erklärt die 22-Jährige heute, "ich habe über Frieden gesprochen, über das Recht, das alle Mädchen auf der Welt haben: das Recht zu lernen, zu arbeiten und sich frei zu bewegen."
Der rechtliche GegenschlagNun will sie sich wehren, nicht mit Tanzmoves, sondern mit juristischen Mitteln. Gemeinsam mit der Menschenrechtsanwältin Andra Matei fechtet sie die Disqualifikation durch die World Dance Sport Federation an. Für Matei ist dabei vor allem die Art fragwürdig, wie der Weltverband mit dem Ausschluss der jungen Breakdancerin umgegangen ist. "Es gab kein ordnungsgemäßes Verfahren, dafür Diskriminierung und die Einschränkung der Meinungsfreiheit", erklärt Matei die Komplexität des Falls: "Ihre Botschaft war eine friedliche: Es ging um Freiheit."
Im Zentrum der Kontroverse steht Regel 50 der Olympischen Charta. In der ist festgelegt, dass jegliche "politische, religiöse oder rassistische Demonstration oder Propaganda" nicht gestattet ist. In sogenannten Leitlinien, die vor jeden Olympischen Spielen veröffentlicht werden, begründet das IOC die Regel damit, dass es ein grundlegendes Prinzip sei, dass der Sport bei Olympischen Spielen neutral sei.
Doch was genau als "politisch" gilt, bleibt unklar. Antoine Duval, Experte für Sportrecht, sieht hier ein fundamentales Problem: "Die Definition dessen, was politische Äußerungen sind und was nicht, ist äußerst schwierig und kontrovers“, so Duval, der am Asser Institut in Den Haag forscht. Im Rahmen der Regel 50, stelle "das IOC keine Definition bereit, anhand derer ein Athlet tatsächlich vorhersagen kann, wann er sich politisch äußert und wann nicht."
Ungleiche Maßstäbe?Duval verweist darauf, dass es für Sanktionierungen im Rahmen der Regel keinen Standard gibt. Während Talash disqualifiziert wurde, blieben andere Athleten zuletzt unbestraft: Bei den Winterspielen 2022 in Peking hielt der ukrainische Skeletonfahrer Wladislaw Heraskewitsch ein Blatt mit der Aufschrift "Kein Krieg in der Ukraine" in die Kamera - ohne Konsequenzen. Die chinesischen Radfahrerinnen, die bei ihrer Siegerehrung in Tokio Anstecker des Kommunistenführers Mao Zedong trugen? Keine Disqualifikation. Selbst Talashs Landsfrau Kimia Yousufi durfte in Paris nach ihrem Sprint ungestraft "Bildung, Sport - unser Recht" auf ihrer Startnummer präsentieren.
Das IOC überlässt die Regelauslegung den Internationalen Fachverbänden. "Als Sportler kann man Glück haben und der internationale Verband wendet Regel 50 nicht an. Oder man hat Pech und der Verband legt die Regel sehr streng aus," erklärt Duval.
Manizha Talashs Disqualifikation offenbart dabei eine bittere Realität: Geflohen vor der vollständigen Entrechtung aus ihrem Heimatland, wird sie für eine Botschaft auf einer Sportveranstaltung in Europa bestraft. Eine Parallele, die Sportrechtsexperte Duval als "tragische Ironie" empfindet: "Die Menschenrechte afghanischer Frauen zu verteidigen, sollte nicht kontrovers sein".
Verpasste Chance für den SportAuch aus Deutschland kommt Kritik an der unscharfen Anwendung der Regel 50. Johannes Herber, Geschäftsführer der Athletenvereinigung Athleten Deutschland hat eine klare Forderung: "Das IOC sollte auf jeden Fall immer wieder diese Regel überprüfen, sollte sie evaluieren und sollte sie konkreter werden lassen."
Der Athletenvertreter zeigt Verständnis für die Komplexität des Falls: "Diese Disqualifizierung des Weltverbands ist auf Basis der Regel 50 nachvollziehbar, aber sie ist es eigentlich nicht, wenn man sich überlegt, welche Aussage die Athletin damit treffen wollte. Das sind alles Werte, die auch ein essenzieller Teil der olympischen Bewegung sind."
Ein Präzedenzfall für die ZukunftDas IOC verteidigt seine Regelung. Auf Anfrage teilt es mit, dass die Leitlinien der Regel 50 Ergebnis eines umfangreichen Konsultationsprozesses mit über 3.500 Athleten seien und Ratschläge von Menschenrechtsexperten berücksichtigt wurden. Man werde nicht darüber spekulieren, wann es eine weitere Überprüfung der Regeln oder Richtlinien geben wird.
Währenddessen drängt Anwältin Andra Matei auf Bewegung im IOC. Die Anwendung der Regel benötige im Sinne der Athleten mehr Klarheit. "Unser Ziel ist es, einen Präzedenzfall zu schaffen", erklärt sie weiter: "Wir wollen sicherstellen, dass zukünftige Sportler, insbesondere aus benachteiligten Gruppen wie Minderheiten oder Flüchtlingen, nicht die gleichen Erfahrungen machen müssen wie Manizha."
Der Tanz geht weiterManizha Talash trainiert inzwischen wieder. Die Angstzustände werden weniger, die Lebensfreude kehrt langsam zurück. Sie will nicht nur für sich kämpfen, sondern für alle, die zum Schweigen gebracht werden sollen.
"Dieser Kampf gehört uns allen", sagt sie mit fester Stimme: "Wir müssen den Sport zu einem Ort machen, an dem man frei sprechen und für Frieden eintreten kann - nicht zu einem Ort, an dem man Angst hat und seine Meinung nicht frei äußern darf."
Ein blauer Umhang, eine mutige Geste, ein Moment der Wahrheit - Manizha Talash tanzte in Paris nicht nur Breakdance. Sie tanzte für die Freiheit. Ihr Tanz ist noch nicht zu Ende.
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