Headhunter Kaan Bludau sieht ein Reputationsproblem für Automotive-Manager: Sind sie fit für KI und neue Technologien? Das Interview.
Stand: 21.09.2026, 14:49 Uhr
Headhunter Kaan Bludau sieht ein Reputationsproblem für Automotive-Manager: Sind sie fit für KI und neue Technologien? Das Interview.
Deutschlands Defence-Industrie sucht Führungskräfte. Headhunter Kaan Bludau erlebt, dass ausgerechnet die einst hoch angesehenen Automotive-Manager mit einem Reputationsproblem kämpfen. Sind sie innovativ genug? Verstehen sie KI und neue Technologien? Ein Gespräch über gefallene Managerstars, steigende Gehälter und einen Kampf um Talente, der gerade erst beginnt.
Der Experte Kaan BludauKaan Bludau ,CEO bei Bludau Partners. Der studierte Betriebswirt (Schwerpunkten Finance, Marketing und International Management) betreut Großunternehmen und Konzerne bei der Besetzung von gehobenen und strategisch bedeutenden Top-Managementpositionen. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Markt und Mittelstand)
Herr Bludau, Defence sucht händeringend Führungskräfte, während die Autoindustrie Personal freisetzt. Müssten Automotive-Manager derzeit nicht mit offenen Armen empfangen werden?
Kaan Bludau: So einfach ist es nicht. Wir beobachten zwar eine hohe Flucht aus der Automotive-Industrie. Viele haben ihre Chance erkannt, jetzt in Defence einzusteigen, und vieles lässt sich von der einen auf die andere Industrie übertragen. Aber das Image von Managern aus der Automotive-Branche ist nicht mehr so gut.

Das muss für eine Branche, deren Manager sich jahrzehntelang als deutsche Industrie-Elite verstanden haben, ziemlich bitter sein.
Kaan Bludau: Wir Deutschen sind ja Könige im Kritisieren anderer. Aber deutsche Automobil-Topmanager müssen sich heute mit dem Vorwurf auseinandersetzen, für ihre Branche nicht die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Sie stehen für die falschen Autos, zum Beispiel für Luxuskarossen im E-Bereich. Viele Luxus-Modelle namhafter deutscher Hersteller sind aufgrund dessen gefloppt. Asiatischer Automarken waren hier schlauer und haben E-Autos eher für die Masse im Kleinwagensegment angeboten. Das merken wir auch in der Vermittlung.
Wie konkret? Lehnen Unternehmen Automotive-Manager ab, weil sie ihnen nicht mehr zutrauen, Innovation zu können?
Kaan Bludau: Ich biete viele Kandidaten an, von denen ich weiß, dass sie gut sind. Aber bei den Unternehmen gibt es Vorbehalte. Da kommen Fragen wie: Wie innovativ sind die? Wie technologieaffin sind sie? Wie flexibel sind sie im Kopf? Dieses latente Vorurteil ist da.
Also reicht es nicht mehr, zehn oder zwanzig Jahre einen großen Autokonzern im Lebenslauf zu haben?
Kaan Bludau: Der Track Record ist natürlich wichtig. Aber bei den Bedürfnissen der Unternehmen geht es weniger um reine Fachkompetenz. Die lässt sich lernen. Es geht sehr stark darum, das Mindset zu analysieren.
Mindset klingt angenehm weich. Defence hat aber ein ziemlich hartes Problem: Es muss jetzt schnell gehen.
Kaan Bludau: Genau. Es muss jetzt schnell gehen, weil so viele Jahre verschlafen wurden. Gerade bei Drohnen, neuen Technologien und KI braucht man ein hohes Technologie-Bewusstsein. Deshalb schauen wir sehr genau darauf, wie flexibel ein Manager im Kopf ist.
Was prüfen Sie?
Kaan Bludau: Zum Beispiel: Wie steht jemand zum Thema Skalierung? Wie geht er mit trägen Mitarbeitern um? Wie stark ist er im Stakeholder-Management – gegenüber Bund, Bundeswehr, Belegschaft und Investoren? Wie empathisch ist er? Kann er Menschen abholen und sich gleichzeitig durchsetzen?
Sie suchen also weniger den perfekten Defence-Lebenslauf als einen bestimmten Führungstyp?
Kaan Bludau: Wir schauen sehr stark auf den Menschen. Der Mensch ist eine Kombination aus Erziehung und Erfahrung. Was sind seine Antriebsfedern? Wie führt er? Bei uns sind deshalb auch Professoren und Psychologen im Team.
Für wechselwillige Automotive-Manager dürfte Defence trotzdem ziemlich verlockend sein: Dort ist Geld vorhanden, während ihre eigene Industrie spart.
Kaan Bludau: Definitiv. In der Automobilindustrie sind Entfaltung und Entwicklung derzeit schwer. Deshalb sehen wir eine Flucht in andere Branchen, die mehr investieren. Die Nachfrage nach Managern in Defence ist enorm hoch. Und es ist auch vom Gehalt her sehr lukrativ. Die Gehälter steigen gerade enorm. Die Unternehmen haben ganz andere Ressourcen.
Mehr Geld, mehr Wachstum, mehr Gestaltungsspielraum – wird Defence damit zum neuen Sehnsuchtsort für deutsche Industriemanager?
Kaan Bludau: Es gibt immer Branchen, die gerade gut laufen. Auch Energy oder Versicherungen laufen gut. Das sind Wellen, die man mitnehmen kann. Aber Defence wird nach meiner Einschätzung noch die nächsten zehn Jahre eine lukrative Branche bleiben. Und immer mehr kleinere Unternehmen werden dabei sein.
Noch vor wenigen Jahren wollten viele Manager mit Rüstung möglichst wenig zu tun haben. Ist diese moralische Distanz verschwunden?
Kaan Bludau: Die Abneigung gegen Defence hat ganz stark abgenommen. Es geht in der Wahrnehmung weniger um Krieg und mehr um Verteidigung. Das verändert die Bereitschaft, in dieser Industrie zu arbeiten.
Wo wird der Personalmangel besonders sichtbar?
Kaan Bludau: Bei Cybersecurity. Die Nachfrage wird dort signifikant steigen. Unternehmen stellen sich auf Ernstfälle ein. Ich habe unheimlich viele Stellen, bei denen Cybersecurity-Verantwortliche gesucht werden.
Kann die Autoindustrie diese Lücke überhaupt schließen?
Kaan Bludau: Nicht allein. Gesucht wird auch in der IT und in der klassischen Industrie. Aber Automotive-Talente sind natürlich ein wichtiges Reservoir. Unternehmen werden sie gezielt umschulen müssen. Technologie- und Digitalbezug müssen allerdings vorhanden sein.
Und die Bundeswehr selbst? Sitzt dort möglicherweise ein Talentpool, den die Industrie bisher unterschätzt?
Kaan Bludau: Zeitsoldaten sind ein interessantes Reservoir. Sie sind menschlich und in puncto Disziplin gut ausgebildet. Da können Führung und Unternehmertum zusammenkommen.
Wenn Defence weiterwächst: Was passiert dann mit dem Arbeitsmarkt?
Kaan Bludau: Der Wettbewerb um Talente wird sich verschärfen, weil die Nachfrage in der Verteidigungsindustrie weiter steigt. Es werden mehr Quereinsteiger eingestellt, die Gehälter steigen, das Recruiting wird aggressiver und internationaler. Die Unternehmen selbst werden internationaler werden und stärker mit Hochschulen kooperieren müssen.
Dann ist die Krise der Autoindustrie für Defence eine Chance, aber Automotive auf der Visitenkarte längst keine Eintrittskarte mehr.
Kaan Bludau: Entscheidend werden Technologie- und Digitalbezug sein. Die Unternehmen werden sehr genau hinschauen, wer diese Voraussetzungen mitbringt.
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