Der DOSB erhebt aufwändig, wie gut die Olympiakonzepte aus Berlin, München und Köln sind. Doch die detaillierten Bewertungen soll zunächst nur ein kleiner Kreis sehen.
Stand: 13.09.2026 • 20:18 Uhr
Der DOSB erhebt aufwändig, wie gut die Olympiakonzepte aus Berlin, München und Köln sind. Doch die detaillierten Bewertungen soll zunächst nur ein kleiner Kreis sehen.
Von Robert Kempe und Volker Schulte
Welches der drei Konzepte für Olympische Sommerspiele in Deutschland ist das beste? Das aus Berlin, das aus München oder das von Köln-Rhein-Ruhr? Um die drei Bewerbungen möglichst objektiv zu bewerten, hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ein Bepunktungssystem entwickelt mit Kategorien wie "Sportliche & operative Eignung" oder "Internationale Wettbewerbsfähigkeit".
Allerdings: Offenbar sollen diejenigen, die bei der außerordentlichen DOSB-Mitgliederversammlung am 26. September in Baden-Baden abstimmen sollen, einen detaillierten Bericht der Kandidatenbewertungen zunächst gar nicht vorgelegt bekommen.
Das hat Jürgen Scholz, der Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg (LSVBW), im Gespräch mit der Sportschau gesagt - und deutlich kritisiert. Scholz ist derzeit auch Sprecher der Landessportbünde.
Veröffentlichung erst nach der Wahl?Nach seinem "aktuellen Kenntnisstand" soll ein solcher Evaluierungsbericht erst nach der Entscheidung veröffentlicht werden, nicht vorher: "Das würde ich bedauern, weil es meines Erachtens zum sportpolitischen Prozess gehört, die Fakten vor der Entscheidung bereitzustellen."
Scholz ist einer von drei Beisitzern in der Evaluierungskommission, die die Bewertungen der Kandidaten überprüfen und bestätigen soll. Zudem kann sie (muss aber nicht) eine Empfehlung aussprechen. Diese ist für die Mitgliederversammlung nicht bindend.
Mitglieder der Evaluierungskommission
Stimmberechtigt:
Beisitzend ohne Stimmrecht:
Zu den sechs stimmberechtigten Mitgliedern der Evaluierungskommission gehörte bis zu ihrer Absetzung auch die ehemalige Sportstaatsministerin Christiane Schenderlein (CDU).
Ihr Nachfolger Ronald Rauhe (parteilos) verzichtet wegen seiner früheren Funktion für die Berliner Olympiabewerbung auf diese Rolle. Für ihn übernimmt Babette Kibele, die Abteilungsleiterin im Sportministerium, die Aufgaben in der Kommission.
"Das ist ein Anachronismus, das geht einfach nicht"Stand jetzt bekommen die stimmberechtigten DOSB-Mitglieder vor der Entscheidung also höchstens die Empfehlung der Kommission vorgelegt. Wie detailliert und deutlich sie wird, ist unklar. Ob es überhaupt eine gibt, auch - und das bei einer "höchst sportpolitischen Entscheidung", wie es Scholz formuliert.
"Um diese Entscheidung wirklich fundiert zu treffen, halte ich es für unabdingbar, dass die Unterlagen und die Fakten einfach bekannt sind", sagt Scholz. Der Bürgermeister der Gemeinde Sersheim bei Stuttgart zieht eine Parallele zur Politik: "Das wäre wie im Gemeinderat, wenn du eine Vorlage hast. Die gibst du aber nicht raus und sagst: 'So, jetzt stimmen wir mal ab.' Und wenn dann abgestimmt wird: 'So, jetzt zeige ich euch die Vorlage.' Das ist ein Anachronismus, das geht einfach nicht."
Jürgen Scholz, Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg (LSVBW)
Fehlender Mut könne ein Motiv dafür sein, die Ergebnisse nicht vorzulegen, glaubt Scholz: "Man hat ein bisschen Angst vor dem Tag, an dem man Verlierer hat und Gewinner und dass eine Bewerbung nicht mehrheitsfähig ist. Aber das gehört zum Sport, das ist einfach so."
Scholz hofft, dass der DOSB bis zum Wahltag noch umdenkt: "Was spricht denn dagegen, ehrlich und offen zu kommunizieren und zu sagen: So und so ist es geworden und das ist unsere Bewertung, das ist die Empfehlung."
Der DOSB äußert sich derzeit auch auf Sportschau-Anfrage nicht zu den Details des Entscheidungsprozesses. So bleiben weniger als zwei Wochen vor der Wahl wichtige Details unklar.
Nur ein Teil darf abstimmenLange war auch nicht geklärt, wer denn in Baden-Baden überhaupt abstimmen darf. Es gibt in der DOSB-Satzung einen Paragrafen 16, der besagt, dass nur ein reduzierter Kreis Stimmrechte hat, wenn es um "Angelegenheiten in Verbindung mit Olympischen Spielen" geht: die Mitglieder des Präsidiums (inklusive IOC-Mitglieder), die Persönlichen DOSB-Mitglieder und die olympischen Spitzenverbände.
Die Olympischen Spitzenverbände haben dabei mit 126 von 144 Stimmen den größten Einfluss. Sie waren neben DOSB-Vertretern auch an der Bepunktung der Konzepte beteiligt.
| Wer | Anzahl | Stimmenzahl |
|---|---|---|
| Olympische Spitzenverbände | 42 | 126 |
| DOSB-Präsidiumsmitglieder | 10 | 10 |
| Persönliche DOSB-Mitglieder | 8 | 8 |
Bei Anwendung von Paragraf 16 sind also nur 42 der 103 Mitgliedsorganisationen des DOSB stimmberechtigt. Außen vor bleiben die Landessportbünde, die nichtolympischen Spitzenverbände und die Verbände mit besonderen Aufgaben.
Paragraf kommt erstmals zur AnwendungDer Paragraf ist angelehnt an eine Vorgabe aus der Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Allerdings hat der DOSB diesen Paragrafen bisher noch nie angewendet. Weder, als eine außerordentliche Mitgliederversammlung 2015 beschloss, sich mit Hamburg um Olympia 2024 oder 2028 zu bewerben, noch bei der jüngsten Mitgliederversammlung 2025, als es um den Entscheidungsweg zur aktuellen Olympiabewerbung ging.
Kontroversen darüber sind nicht bekannt, wohl auch, weil es sich jeweils um eindeutige, unumstrittene Entscheidungen handelte.
Scholz kritisiert AbstimmungspläneJetzt aber sieht es nach einer Kampfabstimmung aus - und erstmals wendet der DOSB den Paragrafen 16 an. Einige Landessportbünde sehen dies unkritisch, andere nicht, sagt Scholz. Er selbst gehört zu den Kritikern: "Damit schließen sie einen wesentlichen Teil des deutschen Sports von der Entscheidungsfindung aus. Das halte ich bei so einer wichtigen Entscheidung, die ja gesellschaftlich weitreichende Folgen hat, für falsch."
Das sei seine Meinung als Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg, sagt Scholz. Er habe Vorschläge gemacht, wie man alle integrieren könnte, etwa mit unterschiedlichen Stimmkarten. Aber "jetzt sitzen da dann die Delegierten und ein Teil hebt den Arm und die anderen gucken betreten in die Runde, weil sie nicht mitstimmen dürfen".
Einige DOSB-Mitglieder wollen wohl zu Hause bleibenDer DOSB hat all seine Mitglieder zur Versammlung eingeladen, aber nach Sportschau-Informationen wollen einige mangels Stimmrecht nicht nach Baden-Baden reisen.
Deutschlands Pläne, sich um die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 zu bewerben, gibt es schon lange. Der Weg dahin war bisher ein Zick-Zack-Kurs mit gravierenden Änderungen. Anfangs wollte man sich auf einen Kandidaten einigen, dann gab es doch ein teures Ausscheidungsrennen mit mehreren Referenden, einer Kampfabstimmung - und unausweichlich auch mehreren Verlierern.
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