Tobias Rausch ist ein mächtiger Mann im Salzlandkreis und bei der AfD, die in Sachsen-Anhalt nach der Mehrheit strebt. Sein Wirken im Fußball zeigt, wie die Partei längst auch in Sportvereinen Fuß gefasst hat.
Stand: 31.08.2026 • 09:13 Uhr
Tobias Rausch ist ein mächtiger Mann im Salzlandkreis und bei der AfD, die in Sachsen-Anhalt nach der Mehrheit strebt. Sein Wirken im Fußball zeigt, wie die Partei längst auch in Sportvereinen Fuß gefasst hat.
"Machen wir uns nichts vor: Wäre ich nicht bei der AfD, würde sich die Sportschau für die beiden Vereine nicht interessieren", sagt Tobias Rausch. Das stimmt, aber Fakt ist auch: Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende und parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt ist Vorsitzender von gleich zwei Fußballvereinen im Salzlandkreis: beim VfB Glöthe, 100 Mitglieder, und SV 09 Staßfurt, 300 Mitglieder.
Rausch ist einflussreich in der Region. Er ist Stadtrat in Staßfurt, Fraktionsvorsitzender im Kreistag - in beiden kommunalen Parlamenten ist die AfD stärkste Kraft. Außerdem ist er noch Vorsitzender des Wasser- und Abwasserzweckverbandes Bode-Wipper. Ein beeindruckendes Portfolio an Macht. Fußball darf da nicht fehlen.
"Da sickert gefährliches Gedankengut in die Sportvereine"In Glöthe und Staßfurt sei er nicht nur Funktionär, sondern auch Sponsor, sagt Rausch. Rund 30.000 Euro habe er in den vergangenen fünf Jahren über seine Immobilienfirma dem Vereinssport zukommen lassen. Beim Landesligisten SV 09 Staßfurt leitet er auch den Förderverein und ist im Vorstand Beauftragter für Marketing. Ob sein Parteibuch bei der Sponsorensuche eher förderlich oder hinderlich sei? Das beantwortet Rausch so: Die AfD habe bei der letzten Bundestagswahl in Staßfurt 48,1 Prozent geholt. Das prognostizierte Ergebnis bei der Landtagswahl am 6. September liege bei 50 Prozent.
Kriktik an oder gar Berührungsängste zu einem führenden AfD-Mann als Vereinschef gibt es daher kaum. Und von jenen, die dessen Engagement kritisch sehen, wollen sich viele nicht äußern. Henriette Krebs, Stadträtin und Landtags-Direktkandidatin für "Die Linke" in Bernburg, ist eine der wenigen, die offen spricht. "Tobias Rausch macht das clever. Er vereinnahmt ganz bewusst den Fußball als deutsches Kulturgut", sagt sie. "Das macht mir Sorgen, wenn ich an die Kinder- und Jugendarbeit denke. Da sickert gefährliches Gedankengut in die Sportvereine ein. Das ist der erste Schritt zu klassischen Neonazi-Strukturen, die wir in einigen Vereinen im Land schon haben."
Dass ein AfD-Mann gleich zwei Vereine kontrolliert, treibt auch den Landessportbund Sachsen-Anhalt um, zumal man darin eine Strategie erkennt. Man beobachte seit längerem "zunehmend Versuche von rechter und rechtsextremer Seite, Einfluss auf Sportvereine zu nehmen", erklärt der LSB auf Anfrage der Sportschau. Inklusive Einschüchterung "oder den Versuch, Vereinsstrukturen für menschenfeindliche und extremistische Zwecke zu nutzen".
Teil der Partei-StrategieGenau das sei das Kalkül, aus der die AfD, deren Landesverband in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingeordnet wird, gar keinen Hehl mache, sagt Robert Claus, Experte für Rechtsextremismus im Sport. In ihrem Papier "Strategie 2019 - 2025. Die AfD auf dem Weg zur Volkspartei" fänden sich dazu klare Hinweise.
"Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine Botschaft an die Parteimitglieder: Geht in die Gewerkschaften, Kirchengemeinden, in die Sportvereine. Rechtes Personal soll dort Dominanz und Netzwerke aufbauen", so Claus. "Das ist richtig gefährlich, vor allem für die Jugend. Da muss sich gar kein Trainer oder Funktionär hinstellen und rechte Parolen von sich geben. Es reicht bei Jugendspielern hier mal ein homophober Spruch, dort mal eine rassistische Bemerkung – das setzt sich fest."
Wie konsequent die AfD ihre Ziele verfolge, die konträr zu den Werten des Sports seien, zeige auch ein Blick in ihr Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt: Remigration statt Integration, die Ablehnung von Inklusionsmaßnahmen an Schulen. "All das sind doch auch zentrale Aufgaben eines Sportvereins, der verbinden möchte", sagt Claus, "aber die Politik der AfD spaltet und wird auch die Gemeinschaft Sportverein zerstören."
"Die Agitation fällt auf fruchtbaren Boden"Beim SV Staßfurt etwa habe eine afghanische Flüchtlingsfamilie den Verein verlassen, erzählt Nicole Gallinat: "Die haben sich gemobbt gefühlt." Gallinat leitete die Netzwerkstelle "Stark für Ehrenamt und interkulturelles Miteinander" im Salzlandkreis. Träger ist der evangelische Kirchenkreis Egeln, bezahlt wird ihre Arbeit aus Landesmitteln. Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist Integration und Flüchtlingsarbeit.
Gallinat gilt als furchtlos und laut "gegen die Nazi-Denke, die bei uns weit verbreitet ist", wie sie sagt. Manchmal versuche die AfD, ihre Kritik abzuwerten - sie sei ja bei den Linken. Nein, parteilos, betont sie, derzeit sitze sie auf einem SPD-Ticket im Gemeinderat Wolmirsleben. "Wir haben hier Dammbrüche, die können sich viele Menschen im Westen gar nicht vorstellen", sagt sie. Die Doppel-Vorstandschaft von Tobias Rausch passe da ins Bild: "Ich weiß, dass die Agitation von Herrn Rausch und seiner AfD in den Sportvereinen auf fruchtbaren Boden fällt."
Der Fall der afghanischen Flüchtlingsfamilie sei ihm nicht bekannt, schreibt Rausch auf Nachfrage. "Bei uns im Verein sind alle willkommen, die Fußball spielen wollen." Er sei auch schon mit Türken, Kurden, Syrern, Polen, Tschechen und Albanern in einem Team gewesen – und der SV Staßfurt pflege eine Partnerschaft zum Redstar FC in Kenia.
Diese demonstrative Weltoffenheit passt zwar nicht zu den Parolen der AfD Sachsen-Anhalt und ihren Parolen von Remigration - aber es passe zu Rausch, sagen viele. Er sei smart, redegewandt in eigener Sache. "Und mit den Ausländern ist das ja so eine Sache bei der AfD", sagt Marco Schmoldt, "wenn sie gut kicken können, dürfen sie bleiben – aber sonst sollen sie alle weg."
Schmoldt ist Bürgermeister in der Gemeinde Bördeland, ein SPD-Mann und ebenfalls Fußball-Funktionär. Rausch und er hatten schon Kontakt, als dieser noch Abteilungsleiter beim SV Förderstedt war. Der Umgang sei sportlich-fair gewesen. Tobias Rausch selbst betont ebenfalls, er sei lange vor seinem Eintritt bei der AfD schon ehrenamtlich im Sport tätig gewesen - allein das zeige, dass man Sport und Parteibuch trennen müsse.
"Meinen Verein sollte Herr Rausch nicht leiten", sagt Schmoldt, "wenn sie das anderswo zulassen, ist das ihre Sache." Auch das sind mutige Aussagen. Erst recht vor dem Hintergrund, dass sein Sohn Trainer der ersten Mannschaft beim SV Staßfurt ist. Der hatte dieses Amt schon inne, bevor Rausch 2024 zum Vorstandsvorsitzenden gewählt wurde. "Ich weiß, dass mein Sohn politisch nicht so denkt", sagt Schmoldt, der aus familiären Gründen oft beim SV Staßfurt zu Gast ist. Offene AfD-Propaganda gäbe es dort nicht. Rausch sei auch selten vor Ort. Dessen Wahl sei für ihn dennoch "eine Katastrophe", sagt Schmoldt. "Aber sie zeigt, wie es um so einen Verein steht."
Vereine in ExistenznotBevor Rausch kam, waren sowohl der SV Staßfurt als auch der VfB Glöthe, wo er 2023 zum Vorsitzenden gewählt wurde, in Not. Todesfälle, Rücktritte. Rausch sagt über den SV Staßfurt: "Der Verein drohte in die Abwicklung zu geraten." Die Lage sei tatsächlich so schlimm gewesen, der Verein schon von der Anzahl der Führungskräfte her handlungsunfähig gewesen, bestätigt Stephan Trautzsch, ein ehemaliges Vorstandsmitglied. Er selbst habe sich wählen lassen, ohne jemals Vorstandsarbeit geleistet zu haben. Man habe Rausch "machen lassen".
Ein ähnliches Bild beim Nachbarverein in Glöthe. Da sei das Ziel gewesen, überhaupt den 100. Geburtstag noch feiern zu können. Das sei nun gelungen, sagt Rausch stolz. In Glöthe spielt er selbst noch mit, 2002 begann er dort in der Jugend. Er ist einer von ihnen - wählbar, ohne Einschränkungen. Man wisse ja, "wie das läuft", sagt Marco Schmoldt: "Die Vereine sind in Not, weil keiner mehr ein Ehrenamt übernehmen will. Und dann kommt einer, der macht's - und der hat sogar noch das Geld, das andere nicht haben."
Und so konnten Rausch nicht einmal die Vorwürfe der Vetternwirtschaft in der AfD etwas anhaben, durch die er bundesweit in den Fokus geriet. Drei seiner Geschwister sind bei einer AfD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen-Anhalt angestellt, sein Schwager arbeitet ebenfalls bei einem AfD-Bundestagsabgeordneten und seine Frau hat einen Job bei der Landtagsfraktion. Laut Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" soll Rausch zudem vier Fußballer des SV Staßfurt in seinem Abgeordnetenbüro angestellt haben. Kritik gab es damals sogar von der eigenen Parteispitze. Heute, so Rausch zur Sportschau, arbeite nur noch ein Spieler für die AfD. Was der genau tut, bleibe intern.
In Staßfurt hat das seinem Ansehen keinen Abbruch getan. "Die meisten in der Stadt sagen: Cool, dass Tobias Rausch etwas für den Verein macht, er unterstützt damit die Region", sagt ein Vereinsmitglied des SV Staßfurt, das nicht genannt werden möchte: "Und den Spielern ist es sowieso egal, wo das Geld herkommt."
Diese Gleichgültigkeit sei erschreckend, findet Nicole Gallinat: "Man schaut weg, toleriert die braune Hetze. Herr Rausch ist für viele der nette Nachbar, der Kumpel, der was tut für Verein und Region - viele sehen nicht die Gefahr, die von ihm und seiner Partei ausgeht."
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