Im Streit mit dem Verband fordern neun Erfurter Eisschnellläufer vor laufender ARD-Kamera Konsequenzen - für DESG-Präsident Matthias Große, aber auch für den deutschen Sport. Ein frustrierter Jungstar überlegt, ins Ausland zu gehen.
Stand: 06.07.2026 • 23:22 Uhr
Im Streit mit dem Verband fordern neun Erfurter Eisschnellläufer vor laufender ARD-Kamera Konsequenzen - für DESG-Präsident Matthias Große, aber auch für den deutschen Sport. Ein frustrierter Jungstar überlegt, ins Ausland zu gehen.
Von Hajo Seppelt und Jörg Mebus
Es ist ein beispielloser Hilferuf deutscher Athleten und ein Aufstand gegen Eisschnelllauf-Boss Matthias Große: Top-Talent Finn Sonnekalb denkt über eine Flucht ins Ausland nach, Hendrik Dombek fordert den Rücktritt des kompletten DESG-Präsidiums, und Felix Maly sieht in der aktuellen Eisschnelllauf-Krise gar ein System für Probleme des gesamten deutschen Sports.
Das Trio geht mit sechs weiteren Erfurter Eisschnellläufern an die Öffentlichkeit - neun Athleten, getrieben von wachsender Verzweiflung im Dauerstreit mit der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) und deren Präsident Große, aber auch von Sorge um Athletenrechte im deutschen Sport.
"Die Athletinnen und Athleten sollen im Mittelpunkt stehen", sagt Felix Maly in einem der neun Sportler-Interviews mit der ARD, "und solange das in Deutschland oder im Eissport nicht in der Praxis passiert, kann ich mich als olympischer Athlet auch nicht für eine Olympiabewerbung in Deutschland aussprechen."
Große droht mit Entzug des KaderstatusAthletinnen und Athleten als Spielbälle von Funktionären im eigenen Verband – so nehmen es die Erfurter Eisschnellläufer seit Jahren wahr. Obwohl sie dem derzeit erfolgreichsten Bundesstützpunkt angehören und den mit Abstand größten Teil der deutschen Olympiateilnehmer in ihrer Sportart stellten, wurden sie per Ultimatum aufgefordert, eine Athletenvereinbarung des Verbandes zu unterschreiben – mit weitreichenden negativen Folgen für sie und der Androhung, ansonsten nicht mehr Bundeskader-Sportler zu sein.
Außerdem forderte der Verband, dass sie binnen kurzer Zeit ihren Trainingsschwerpunkt von ihrem Heimatort zu verlagern hätten – ins bayerische Inzell oder nach Berlin –, um dort unter völlig neuen Bedingungen zu trainieren. Die Verbandsführung sieht die Strukturveränderungen als notwendig und unumgänglich an. Inzell habe gegenüber Erfurt Standortvorteile, vor allem das schnelle Eis in Bayern wird immer wieder als Argument genannt. Berlin böte mit seinem gut ausgestatteten Olympiastützpunkt auch passende Rahmenbedingungen.
Sonnekalb: "Ich habe überlegt, Deutschland zu verlassen"Die Thüringer Athleten sehen hingegen keine überzeugenden Argumente für die Verlagerung von Sportlern vom erfolgreichsten Bundesstützpunkt in Erfurt an die alternativen Standorte. Ebenso vermissen sie nachhaltige leistungssportliche Konzepte der DESG. Und sie bemängeln, immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Präsident Große etwa betonte im MDR-Interview: "Erfurt hat keine Kaderathleten mehr, wenn die Athleten nicht die Athletenvereinbarung unterschreiben. Klarer Weg."
Nun wehren sich die Athleten - auch Finn Sonnekalb, der mehrfache Junioren-Weltmeister und größte Hoffnungsträger des Verbandes. "Ich habe auf jeden Fall überlegt, Deutschland zu verlassen", sagt der 19-Jährige. Er wolle weiter für die DESG starten, ziehe aber "einen Trainingsweg im Ausland in Betracht".
Dass er künftig am Bundesstützpunkt Berlin statt in seinem gewohnten Erfurter Umfeld trainieren soll, ohne auch nur ansatzweise schlüssige Gründe dafür zu erkennen – für Sonnekalb unbegreiflich. "Die wollen doch, dass ich schnell im Kreis laufe. Mehr verlangen sie wahrscheinlich gar nicht. Aber um das zu schaffen, legen sie mir Steine in den Weg. Das macht doch keinen Sinn, oder?" Große betonte im Interview, dass von den Strukturänderungen alle DESG-Athleten betroffen seien, nicht nur Erfurter.
"Eingeschüchtert und bedrängt"Auch erfahrene Thüringer Teamkollegen teilen Sonnenkalbs Frust. "Schockiert und wütend" sei Stefan Emele über die Ansage der DESG-Spitze gewesen. Hendrik Dombek, der langjährige DESG-Athletensprecher, fühle sich "eingeschüchtert und bedrängt". Er habe das Gefühl "dass ich über mein eigenes Leben nicht mehr entscheiden kann".
"Von einem Tag auf anderen" den Lebensmittelpunkt zu wechseln, "sozusagen Haus und Hof zu verlassen, die Ehefrau zu verlassen" sei "einfach inakzeptabel", ergänzte Patrick Beckert. Große verweist im mdr-Interview darauf, dass es sich lediglich um mehrere zeitlich begrenzte Lehrgangsmaßnahmen außerhalb von Erfurt handele. Seine klaren Ansagen: "Das, was der Verband sagt und die Trainer, das müssen die Sportler machen. Wo kommen wir denn da hin?” Die Athleten könnten "zu Hause bei Kind und Frau" bleiben, aber dann könnten sie "nicht Leistungssportler sein".
Der fünfmalige Olympiateilnehmer Beckert wirft wie die anderen Erfurter Sportler dem DESG-Präsidium um Große mangelnde Wertschätzung vor. Fast alle Athleten berichteten von einem "Klima der Angst" innerhalb der DESG und mangelnder Kommunikation durch Große. Der DESG-Präsident hatte mehrfach in den letzten Monaten öffentlich behauptet, dass dies nicht der Realität entsprechen würde.
Unterschriften unter VorbehaltDie Thüringer Athleten hatten bis zum Ablauf eines DESG-Ultimatums wie gefordert die neue Athletenvereinbarung unterschrieben, die die neuen Strukturen im deutschen Eisschnelllauf fixiert. Allerdings knüpften die Erfurter Sportler die Vereinbarung der DESG an eine von ihnen verfasste Zusatzvereinbarung - einen sogenannten Side Letter. Dieser enthält Formulierungen, die den Athleten eine Zukunft am Standort Erfurt garantieren würde.
Die Sportschau hat die DESG-Spitze gebeten, ihre Sicht zu den Wahrnehmungen und Empfindungen der Erfurter Athleten darzulegen. Die Antworten der DESG finden Sie hier.
Situation spitzt sich weiter zuJetzt droht die Lage weiter zu eskalieren: Das DESG-Präsidium ließ am 6. Juli mitteilen, dass es diese Zusatzvereinbarung nicht akzeptieren könne und die Athletenvereinbarung somit "gegenstandslos" sei. Den Sportlern wurde nun vom Verband eine Nachfrist bis zum 20. Juli eingeräumt, die von ihm vorgegebene Athletenvereinbarung zu unterschreiben. Für den Fall einer Nichtunterzeichnung wurde erneut mit Konsequenzen gedroht. Das Präsidium betonte, für Rückfragen zur Verfügung zu stehen. Klar scheint aber zu sein: Die DESG-Spitze pocht auf die Unterzeichnung der Athletenvereinbarung ohne Wenn und Aber.
Reaktionen der Athleten: "Fühlen uns wie Leibeigene"Die Reaktionen der Erfurter Sportler auf die neueste Entwicklung ließen nicht lange auf sich warten. Felix Maly erklärte: "Ich hatte auf eine Einigung gehofft, aber wir sind mittlerweile nur noch fassungslos, warum der Verband unter seinem Präsidenten die Situation weiter so eskalieren lässt und an Athleten, die zu den erfolgreichsten in Deutschland zählen, offenbar ein Exempel statuieren will." Maly ergänzte: "Für uns Sportler ist das ein unerträglicher Zustand. Wir vertreten den Verband bei Olympia, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften erfolgreich - aber fühlen uns wie Leibeigene."
Ex-Athletensprecher Hendrik Dombek sagte: "Wir sind maßlos enttäuscht und können das Verhalten der DESG nicht nachvollziehen. Unser Entgegenkommen haben wir mehrfach klar zum Ausdruck gebracht. Umso unverständlicher ist die kompromisslose Haltung der DESG."
Von Sponsoren-Interessen geleitetDie Frage stellt sich indes, ob bei den Strukturänderungsplänen des Verbandes auch finanzielle Erwägungen Dritter eine Rolle spielen. Das Präsidium mit Immobilienunternehmer Große an der Spitze hatte in einem Brief an die Arbeitgeber der Erfurter Eisschnellläufer – Bundeswehr sowie Bundes- und Landespolizei – eingeräumt, dass den Verband bei seiner Neuausrichtung auch die Interessen eines Sponsors geleitet hätten: Die "zentrale Nutzung des Bundesstützpunktes Inzell" sei auch "aus förderpolitischer Sicht von Bedeutung", heißt es in dem Schreiben.
Einer der DESG-Hauptsponsoren "mit Sitz in Bayern" habe, so schrieb die DESG, ein "berechtigtes Interesse an der Stärkung des Standorts Inzell" und begrüße "dessen konsequente Einbindung in den Trainingsbetrieb". Weil dies offenbar vor allem zulasten des erfolgreichen Standorts Erfurt und dessen Athleten vollzogen werden soll, schrillen in Thüringen nach wie vor die Alarmglocken.
Landesverband bereitet Wahl-Versammlung vorDer Thüringer Eis- und Rollsportverband (TERV) will nun aktiv an der Ablösung des amtierenden DESG-Präsidiums um Große arbeiten. "Wir werden mit den anderen Landesverbänden in Kommunikation treten. Wir werden dort den Antrag einbringen, zu einem außerordentlichen Verbandstag einzuladen und die anderen Landesverbände bitten, uns dort zu unterstützen, damit die notwendige Delegiertenzahl dafür zustande kommt", sagt TERV-Präsident Michael Schneider der ARD: "Ziel dieses Verbandstages ist die Abwahl des Präsidiums und die Wahl eines neuen Präsidiums."
Die jüngste Gegenwehr der Thüringer Funktionäre hat die DESG-Spitze nun zu weiteren Maßnahmen veranlasst: Seit dem Wochenende prüft das Präsidium, so teilte es mit, rechtliche Schritte gegen Mitglieder des thüringischen Landesverbandes: wegen "verbandsschädigenden Verhaltens". Das DESG-Präsidium lud für den 17. Oktober zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung nach Dresden ein. Ob die Thüringer Seite eine Wahl-Versammlung zu einem früheren Zeitpunkt einberuft, ist offen.
Viele der Erfurter Athleten unterstützen das Vorhaben einer Abwahl des Präsidiums. "Das Vertrauensverhältnis zum Verband, zum Präsidium ist eigentlich nicht mehr da", sagt Olympiateilnehmer Moritz Klein. Hendrik Dombek betonte, er habe jegliches Vertrauen verloren und sei "dafür, dass das Präsidium zurücktritt".
"Enttäuscht von Bundeskanzleramt und DOSB"Seit Jahren werden Große immer wieder ein kompromissloser harter Führungsstil, ein harsches Vorgehen gegenüber Kritikern und ein rüder Umgangston vorgeworfen. Bisher haben der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Bund als Fördergeber zu den immer wieder offen zu Tage tretenden Konflikten rund um die DESG-Führung stets darauf verwiesen, dass die Verbandsautonomie des deutschen Sports zu beachten sei.
Geht es nach Olympiastarter Felix Maly, wäre die Zeit längst reif, dass sich das für den Sport politisch zuständige Bundeskanzleramt und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) im Sinne der Athleten in den Streit einbringen. Er sei "enttäuscht" von der Politik, sagt Maly: "Für uns ist das harte Realität, die gerade passiert, dass uns nicht wirklich geholfen wird."
Maly und seine Erfurter Teamkollegen hoffen nun, dass ihr im deutschen Sport beispielloser Hilferuf nicht ungehört verhallt.
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