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Kanada will „einzigartige Allianz“ mit der EU: Carneys Vorstoß ist eine große Chance für Europa

Дата публикации: 17-09-2026 07:32:11

In einer Welt der Autokraten entwickeln Demokratien Charme. Die EU und Kanada sollten deshalb enger zusammenarbeiten – auch wenn Ungemach aus den USA droht.

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Das Angebot Kanadas ist Balsam für die geschundene europäische Seele. Noch vor wenigen Tagen haben die Einwohner Islands der EU eine schallende Ohrfeige erteilt und die Wiederaufnahme von Beitrittsgesprächen rundweg abgelehnt.

Brüssel war geschockt und fragte sich, welche Anziehungskraft die Union überhaupt noch hat, wenn eine kleine Insel am Polarkreis dem großen Europa auf diese rüde Weise die kalte Schulter zeigt.

Nun taucht plötzlich als eine Art weißer Ritter der kanadische Premierminister Mark Carney am Horizont auf und bietet der EU an, gemeinsam eine „einzigartige Allianz“ aufzubauen.

Natürlich hegt Carney ziemlich eigennützige Hintergedanken, wenn er Brüssel den roten Teppich quer über den Atlantik ausrollt. Sein Problem sitzt in Washington im Weißen Haus. Weil sich Kanada nicht dem irrwitzigen Zoll-Diktat von US-Präsident Donald Trump beugen will, nimmt dieser jetzt Rache und hat Ottawa in diesen Tagen mit zusätzlichen Zöllen und Boykotten einen Handelskrieg aufgezwungen. In dieser Situation hat Kanada wirtschaftlich zuverlässige Verbündete im Moment fast noch nötiger als Europa.

Carney warnt schon lange vor der Unberechenbarkeit Trumps. Bereits beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres hat der Premier seine Idee eines Bündnisses demokratischer Mittelmächte skizziert, die eine Bastion in der neuen Weltordnung der Autokraten bilden sollen – Europa hat diesen Wink mit dem Zaunpfahl allerdings nicht verstanden.

Nun wird Carney also noch einmal vorstellig und dieses Mal wesentlich deutlicher. Dabei kennt der Regierungschef die Feinheiten der europäischen Politik gut genug und betont deshalb, dass sein Land keine EU-Mitgliedschaft anstrebe. Das ist ein geschickter Schachzug, denn die folgende ausufernde Diskussion wäre fruchtlos und würde das ehrgeizige Projekt auch in Kanada selbst im Keim ersticken.

Die Verantwortlichen in Brüssel sollten nicht zögern, das Angebot einer Allianz anzunehmen – und das nicht nur, weil Kanada im kommenden Jahr beim Popkultur-Spektakel Eurovision Song Contest (ESC) an den Start gehen wird.

Neben diesem symbolischen Schritt hat Carney die Annäherung seines Landes an die EU seit seinem Amtsantritt stetig vorangetrieben. Kanada war das erste Land außerhalb der Union, das sich dem Beschaffungsprogramm Brüssels für Rüstungsgüter angeschlossen hat. Auch in anderen zukunftsträchtigen Bereichen sind Ottawa und Brüssel auf einer Wellenlänge. Etwa beim Klima, bei Künstlicher Intelligenz oder beim digitalen Handel.

ARCHIV - 28.09.2025, Frankreich, Evian: US-Präsident Donald Trump (l) unterhält sich mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney (r) bei einem Arbeitsessen mit den Staats- und Regierungschefs der G7 und des Nahen Ostens. (zu dpa: «US-Handelsstreit mit Kanada - Bourbon und Wein könnten Knoten lösen») Foto: Evelyn Hockstein/Pool Reuters/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

US-Präsident Donald Trump ist auf Kanadas Premier Mark Carney nicht gut zu sprechen.

© dpa/Reuters/Pool/Evelyn Hockstein

Im kommenden Monat findet in Montreal ein EU-Kanada-Gipfel statt. Das ist für die Europäische Union die Gelegenheit, zu beweisen, ob sie den Mut hat, den Weg Carneys einzuschlagen. Denn eines ist gewiss: Es dürfte deswegen großen Ärger mit Donald Trump geben.

Der US-Präsident wird sich nach seiner Erklärung des Wirtschaftskrieges gegen Kanada an allen Staaten rächen wollen, die sich in seinen Augen mit dem „Feind“ verbünden. Einen Vorgeschmack gibt es schon: Trump droht der EU mit neuen Handelsblockaden und nennt die Pläne für eine „assoziierte Mitgliedschaft“ Kanadas „lächerlich“.

Wie weitgehend soll die Einbindung sein?

Brüssel muss in dieser Situation gegenhalten. EU-Kommissionschef Ursula von der Leyen hat sich mit ihrem vielkritisierten Zoll-Deal – anders als Kanada – schon einmal von Trump demütigen lassen. Das war vielen Regierungen Europas offensichtlich lieber, als die Konfrontation mit den USA zu wagen.

Wenn Brüssel mutig und kreativ vorangeht, könnte am Ende ein enges, transkontinentales Netzwerk demokratischer Staaten stehen, das ein Alternativmodell zum aktuell sehr populären puren Recht des Stärkeren darstellt.

Knut Krohn

Einen entscheidenden Schritt hat die Kommissionspräsidentin jetzt in ihrer Rede zur Lage der Union in Straßburg gemacht. Kanada solle das erste assoziierte Mitglied der EU werden.

Ihr Geheimnis bleibt vorerst allerdings, was das bedeuten soll. Ein Stimmrecht steht außer Frage, ausgehandelt werden muss aber, wie eng die Einbindung in die Institutionen und Entscheidungsprozesse der EU sein wird. Denkbar wäre ein Schweizer Modell – aber mit dem Recht zur politischen Mitgestaltung.

Eine enge Allianz mit Kanada könnte auch auf eine andere Art zukunftsweisend sein. Europa hat die Chance, eine strategische Partnerschaft aufzubauen. Wenn Brüssel mutig und kreativ vorangeht, könnte am Ende ein enges, transkontinentales Netzwerk demokratischer Staaten stehen, das ein Alternativmodell zum aktuell sehr populären puren Recht des Stärkeren darstellt.

Ursula von der Leyen hat den ersten Schritt gewagt und in ihrer Rede zur Lage am Mittwoch eine deutliche Botschaft an Trump gesendet: Das demokratische Europa werde sich nicht vorschreiben lassen, mit wem es zusammenarbeite, betonte sie.

Ob dieser Mut in allen 27 Mitgliedsländern geteilt wird, ist allerdings fraglich.

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