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Die Demokratie braucht gute Verlierer: Beide Lager in Sachsen-Anhalt müssen das Wahlergebnis respektieren

Дата публикации: 04-09-2026 12:55:17

In Sachsen-Anhalt wird sich zeigen, ob nach der Landtagswahl eine hochemotionalisierte Stimmung wieder gedimmt werden kann. Eine Entpolarisierung tut Not.

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Es wird Wut und Jubel geben an diesem Sonntagabend, Enttäuschung und Erleichterung, Schuldzuweisungen und Prahlerei. So ist das, wenn gewählt wird. Starke Gefühle gehören dazu.

Wichtig ist nur, dass zwei urdemokratische Prinzipien intakt bleiben. Erstens: Am Ende gewinnt nicht die stärkste Partei, sondern die, der es gelingt, eine Mehrheit zu organisieren.

Zweitens: Wer verliert, muss seine Niederlage akzeptieren. Demokratie ermöglicht den friedlichen Wechsel von Macht. Dazu gehört, dass es Verlierer gibt, die verlieren können.

In den USA spricht man von „losing gracefully“. Mit Würde und Respekt, Ruhe und Anstand gratuliert der Unterlegene dem Gewinner zu seinem Sieg. Ein historisches Beispiel dafür ist die bewegende Rede des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore am 13. Dezember 2000.

Vorausgegangen war ein wochenlanges, mit viel Furor und Erbitterung ausgetragenes Tauziehen um das Wahlergebnis im Bundesstaat Florida. Entschieden wurde es durch ein Urteil des mehrheitlich konservativen Obersten Gerichts. Das ebnete den Weg ins Weiße Haus für Gores republikanischen Rivalen, George W. Bush.

In seiner Rede sagte Gore, die Entscheidung des Supreme Courts zwar falsch zu finden, sie aber im Namen der Rechtsstaatlichkeit zu akzeptieren. Seine Anhänger rief er auf, dasselbe zu tun und Bush als legitimen Präsidenten zu unterstützen. Der demokratische Prozess müsse an ein Ende gelangen.

Den spektakulärsten Gegensatz dazu markiert das Verhalten von Donald Trump nach seiner verlorenen Wahl im Jahr 2020 gegen Joe Biden. Bis heute spricht Trump gegen jede Evidenz von einer „gestohlenen Wahl“, deren Ergebnis nur durch Betrug zustande gekommen sei. Seine Demagogie führte zur Erstürmung des Kapitols durch seine Anhänger am 6. Januar 2021. Die Zertifizierung des Ergebnisses sollte verhindert werden.

Populisten fällt es besonders schwer, eine Wahlniederlage einzugestehen. Ihrem Selbstverständnis nach repräsentieren sie die „Stimme des Volkes“ und die „schweigende Mehrheit“. In dieser Wahrnehmung hat eine Niederlage existenziellen Charakter: Sie kann es ohne Wahlmanipulation ja eigentlich nicht geben.

Die Demokratie braucht Politiker, die verlieren können. Sie müssen bereit sein, eines Tages selbst zur Minderheit zu gehören.

Malte Lehming

In Deutschland verlief der Machtwechsel von Helmut Kohl zu Gerhard Schröder im Jahr 1998 vollkommen geräuschlos. Sieben Jahre später hingegen, als Angela Merkel auf Schröder folgte, erlebte das Land am Wahlabend in der „Elefantenrunde“ einen skurrilen Moment.

Schröder lehnte es ab, Merkel als künftige Kanzlerin vorbehaltlos anzuerkennen. Obwohl er als Kanzler abgewählt worden war, gab Schröder sich siegessicher und kampfeslustig. Sein Verhalten war das Gegenteil von „losing gracefully“.

Die Demokratie braucht Politiker, die verlieren können. Sie müssen bereit sein, eines Tages selbst zur Minderheit zu gehören. Sie müssen akzeptieren, dass politische Macht auf Zeit verliehen wird.

In Sachsen-Anhalt gilt das für beide Lager. Sollte es der AfD gelingen, eine Stimmenmehrheit im Landtag zu organisieren, muss die Opposition das akzeptieren. Ihr stehen viele Verfahren offen, ihre Gegnerschaft zum Ausdruck zu bringen. Aber antidemokratisch darf eine „wehrhafte Demokratie“ nicht sein.

02.09.2026, Sachsen-Anhalt, Halle (Saale): Sven Schulze (CDU, l.), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und Ulrich Siegmund (AfD, r.), Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, reichen sich nach dem TV-Duell von „Volksstimme“ und „Mitteldeutscher Zeitung“ im Studio in Halle (Saale) die Hände. Foto: Hendrik Schmidt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Fair auch nach der Wahl? Sven Schulze (CDU, l.), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund reichen sich nach ihrem TV-Duell die Hand.

© dpa/Hendrik Schmidt

Im umgekehrten Fall gilt dasselbe: Wenn es der AfD nicht gelingt, eine Stimmenmehrheit im Landtag zu organisieren, mag sie stärkste Partei geworden sein, hätte aber die Wahl nicht gewonnen. Eine Brandmauer anderer Parteien würde sie von der Macht fernhalten.

Ist eine solche Brandmauer undemokratisch? Nein. Es steht jeder Partei frei, zu entscheiden, mit welcher politischen Kraft sie zusammenarbeitet. Aber schließt eine Brandmauer nicht große Teile der Wähler von der Macht aus? Ja, das tut sie. Doch auch das ist nicht undemokratisch.

In den USA mit ihrem Zweiparteiensystem werden große Teile der Wähler alle vier Jahre von der Regierungsmacht ausgeschlossen. Keiner käme auf die Idee, das als undemokratisch zu bezeichnen.

Demokratische Wahlen führen zu legitimer Herrschaft. Demokratie bedeutet aber auch, Machtverlust als legitimes Ergebnis anzuerkennen. Demokratie braucht Gewinner, die eine Mehrheit formieren, und Verlierer, die mit Anstand verlieren können.

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