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Neue Ausstellung in Cottbus nimmt "Asoziale" in der DDR in den Blick

Дата публикации: 22-09-2026 14:43:04

Sie sind ein weitgehend vergessener Teil der DDR-Geschichte: sogenannte "Asoziale", die nicht dem Idealbild des sozialistischen Menschen entsprachen. Eine neue Ausstellung in Cottbus widmet sich dieser Ausgrenzung, Diskriminierung und Kriminalisierung.


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Menschenrechtszentrum Cottbus Neue Ausstellung nimmt "Asoziale" in der DDR in den Blick

Die Ausstellung im Cottbuser Menschenrechtszentrum (Bild: rbb/Schomber)
Die Ausstellung im Cottbuser Menschenrechtszentrum (Bild: rbb/Schomber)
  • Ausstellung in Cottbus zeigt Schicksale von "Asozialen" zu DDR-Zeiten
  • Zehntausende wurden stigmatisiert und verurteilt
  • Auslegung der Gesetze war oft willkürlich
  • Zeitzeugen sind bis heute schwer zu finden - auch aus Scham-Gründen

Am 3. März 1977 änderte sich das Leben von Thomas Pflug schlagartig: Beamte der Staatssicherheit der DDR klopften an seine Tür, Pflug wurde in seiner Leipziger Wohnung umgehend festgenommen. Die Vorwürfe: Staatsverleumdung, staatsfeindliche Hetze und politische Asozialität.

Pflug spricht heute von "dubiosen" Gründen. Er und seine Frau hatten damals einen Ausreiseantrag gestellt, der abgelehnt wurde. Daraufhin legte Pflug seine Arbeit als Ingenieur nieder. Mit seiner Verhaftung und vor allem mit der Begründung hatte er nicht gerechnet. Zwischen März und November saß Pflug in verschiedenen Gefängnissen, bevor er freigekauft und ausgebürgert wurde. Drei Monate davon verbrachte er im Zuchthaus Cottbus.

"Wir wollten keine Verletzung der DDR-Gesetze bei unserem Ausreisebegehren", sagt Pflug. Er und seine Frau hätten sich in ihrer Argumentation sicher gefühlt und seien überrascht worden.

Thomas Pflug in einer Zelle des ehemaligen Zuchthauses Cottbus (Bild: rbb/Schomber) Thomas Pflug in einer Zelle des ehemaligen Zuchthauses Cottbus (Bild: rbb/Schomber)

Als Schöffe gearbeitet und selbst verurteilt

Für "politische Asozialität" gab es damals einen eigenen Paragrafen im Strafgesetzbuch, § 249: "Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch asoziales Verhalten". Pflug, der selbst jahrelang als Schöffe gearbeitet hatte, wurde von einer Richterin und einer Schöffin verurteilt, mit der er zuvor selbst zusammengearbeitet hatte. "Ich war also in einem Gerichtssaal, wo wir eigentlich unter anderen Bedingungen versucht haben, etwas zu bewegen", so Pflug heute.

Dass der Antrag der Staatsanwaltschaft "zu 100 Prozent" abgenickt wurde, sei für ihn schockierend gewesen. Heute empfindet er es als "Kasperletheater", dass ihn Leute, mit denen er vertraut war, verurteilten.

Für Thomas Pflug ist die Eröffnung einer Ausstellung in Cottbus - zu seinem Schicksal und ähnlichen weiteren - ein besonderer Tag: Nach 48 Jahren ist er dafür erstmals wieder nach Cottbus gereist.

Schautafel zur Geschichte des Insassen Thomas Pflug (Bild: rbb/Schomber) Schautafel zur Geschichte des Insassen Thomas Pflug (Bild: rbb/Schomber)

Schwierige Suche nach Zeitzeugen

Pflugs Verurteilung ist in der DDR kein Einzelfall. Die Wanderausstellung, die am Dienstag im Cottbuser Menschenrechtszentrum eröffnet wird, trägt den Titel "Erziehung durch Arbeit - Asoziale als Staatsfeinde der DDR".

"Asoziale", so heißt es in der Ankündigung, seien ein weitgehend in Vergessenheit geratenes Kapitel der DDR-Geschichte, genauer ihre "systematische Ausgrenzung, Disziplinierung und Kriminalisierung". Wer nicht dem Idealbild des sozialistischen Menschen entsprach, beispielsweise durch "arbeitsscheues" Verhalten, abweichende Lebensstile oder politische Haltungen wurde schnell zum Staatsfeind, so das Menschenrechtszentrum. Medien, Behörden und die Justiz hätten starken Einfluss darauf gehabt, dass diese "asozialen Elemente" als Gefahr für Ordnung, Arbeitsproduktivität und Moral angesehen worden seien.

14 verschiedene Schicksale zeigt die Ausstellung. Doch Zeitzeugen überhaupt zu finden sei nicht leicht gewesen, wie eine der Kuratorinnen, Eva Fuchslocher sagt. Die Verurteilung als "Asozialer" sei immer mit Scham verbunden gewesen.

Blick in die Ausstellung im Cottbuser Menschenrechtszentrum (Bild: rbb/Schomber) Blick in die Ausstellung im Cottbuser Menschenrechtszentrum (Bild: rbb/Schomber)

Zehntausende Verurteilungen durch "Gummiparagraphen"

Der Paragraph 249, nach dem diese Menschen verurteilt wurden, sei ein "klassischer Gummiparagraph" gewesen, so Fuchslocher. Er habe "asoziales Verhalten" verurteilt, oft gemessen am Arbeitsverhalten, aber die Auslegung sei meist willkürlich gewesen. Wer der Arbeit zwei bis acht Wochen fernblieb habe bereits verurteilt werden können. Auch häufige Arbeitsplatzwechsel seien verdächtig gewesen. Genauso, erklärt Fuchslocher, wurde der Paragraph aber auch gegen Suchtkranke oder alleinerziehende Mütter verwendet.

Bislang gebe es keine vergleichbare Ausstellung zu dem Thema sagt Fuchslocher. Das sei frappierend, so die Kuratorin, insbesondere, weil zwischen 1968 und 1989 149.000 Menschen aufgrund des Paragraphen verurteilt worden seien. Allein 1988 sei allein ein Viertel aller in der DDR Verurteilten aufgrund dieses Paragraphen bestraft worden. "Wir reden hier nicht über eine Randgruppe unter den Gefangenen, sondern durchaus über eine große Zahl, die unter diesem Vorwurf der Asozialität stigmatisiert worden sind", sagt Fuchslocher.

Die Ausstellung zeigt nicht nur Texte und Fotos, sondern auch Videoaufnahmen. Besucher können sich die jeweiligen Schicksale in Ruhe anhören. Für das Menschenrechtszentrum ist die Wanderausstellung eine echte Bereicherung. Das Thema sei bislang unterbelichtet gewesen, auch, wenn die Problematik bekannt gewesen sei, sagt die Leiterin des Zentrums, Heide Schinowsky.

Noch bis zum 17. Dezember ist die Ausstellung im Cottbuser Menschenrechtszentrum zu sehen, danach wird sie in Frankfurt (Oder), Rostock und Potsdam gezeigt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 22.09.2026, 16:10 Uhr

Audio: Antenne Brandenburg, 22.09.2026, Jasmin Schomber

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