So psychologisch präzise wie nie: Frank Castorf erzählt Klaus Manns Roman "Mephisto" als Schmerzensstudie über Macht, unterdrückte Triebe und Verrat - und gleichzeitig als urkomische Satire auf den Theaterbetrieb.
Theater Premiere am Berliner Ensemble "Mephisto" und die Abgründe in uns
Von Barbara Behrendt
Was für ein verwegener, cooler, irrlichternder Klaus Mann: Der Schauspieler Max Gindorff steht etwas fahrig an der Bühnenrampe - weißer Anzug, Sonnenbrille auf den Augen, die Haare zurückgeworfen. Er fasst die kometenhafte Karriere seines früheren Freundes Gustaf Gründgens zusammen: Wie der sich vom jungen, linken Star-Schauspieler, vom "intellektuellen Salonbolschewisten" unter den Nazis zum Protegé der leidlich begabten Schauspielerin Emmy Göring und ihrem Ehemann Hermann, Reichsminister Hitlers, wandelt: "Göring war hingerissen von Gründgens als Mephisto in Goethes 'Faust'. Wie wunderbar dämonisch war er doch! Wie herrlich korrupt! Wie unwiderstehlich böse!"
Frank Castorf im Jahr 2024. (Quelle: picture alliance/dpa/Georg Hochmuth)
Klaus Mann ist, das zeigt Gindorffs Spiel, bitter enttäuscht von seinem Freund und Schwager – kurze Zeit war Gründgens mit Klaus‘ geliebter Schwester Erika verheiratet. Und gleichzeitig ist da ein körperliches Begehren, eine Anziehung zu diesem Schauspieler, diesem Gegenspieler, der seinen Lebensweg als astreiner Opportunist gegangen ist.
Der Regisseur Frank Castorf macht mit dieser Anfangsszene am Berliner Ensemble beinahe didaktisch gleich Mehreres deutlich: Dass sich hinter dem Namen "Hendrik Höfgen" in Klaus Manns Roman "Mephisto" eben dieser Gustaf Gründgens verbirgt. Dass Klaus Manns Blick auf Gründgens der eines verratenen Freundes ist. Und dass er, Frank Castorf, mehr an den historischen Figuren hinter dem Roman interessiert ist als am literarischen Produkt.
Ein Darsteller schaut sich im Kostüm in einem beleuchteten Spiegel an, daneben sitzt ein weiterer mit Saxophon (Quelle: Ostkreuz/Joerg Brueggemann).
Doch vor allem in der ersten Hälfte des Abends lässt er die komische Theatersatire spielen, die eben auch im Roman steckt. "Ich bin nur ein Schauspieler" steht in launiger Schrift über dem plüschigen Halbrund, das Aleksandar Denić als Theater im Theater auf die Bühne gestellt und mit gelben Glühlampen umfasst hat wie im Varieté.
"Ich bin nur ein Schauspieler!": Das ist der letzte Satz im Roman, gesprochen von Hendrik Höfgen, als er sich im Schoß seiner Mama weinend selbst leidtut.
Wie das brillante Ensemble hier nun den eigenen eitlen Betrieb aufs Korn nimmt, allen voran Sascha Nathan als Betriebsnudel und Intendantenklischee, ist ungeheuer komisch. Später wird auf der Videoleinwand sogar Frank Castorf selbst eingespielt - in aller Eitelkeit. Und doch lässt auch er sich ordentlich durch den Kakao ziehen.
Trotzdem können einem in dieser Hälfte bis zur Pause durchaus Zweifel kommen, ob Castorf seine raue Regiehandschrift hier nicht allzu sehr fürs Berliner-Ensemble-Publikum glattschleift. Ob das nicht zu viel Erklärung, Didaktik und An-die-Hand-nehmen ist. Ob hier nicht allzu plüschige Unterhaltung für den Schiffbauerdamm gegeben wird.
Der zweite Teil des sechseinhalbstündigen Abends wischt diese Zweifel beiseite und vergeht, man mag es kaum glauben, wie im Flug. Jetzt werden in allen Varianten die Abgründe der Menschen ausgelotet, aber auch ihre individuellen Beweggründe angeführt. Hier wird für niemanden Stellung bezogen. Man sieht das Für und Wider in jeder Figur, in jeder Situation – und somit auch das Ringen zwischen Gut und Böse in uns selbst, das Ringen mit der Verführung, der Macht, dem opportunistischen Schweigen.
Berliner Ensemble: Mephisto © Jörg Brüggemann
Jens Harzer spielt den Opportunisten Gustaf Gründgens beziehungsweise Hendrik Höfgen - und daher auch dessen Paraderolle des Mephisto in Goethes "Faust". Er spricht aber auch Texte der Faust-Figur, ist also Faustscher Wahrheitssucher und Teufel gleichermaßen.
Das gilt an diesem Abend für beinahe jede Figur: Castorf sucht stets nach den sich bedingenden gegensätzlichen Seiten im Menschen. Und nach den Gegensatzpaaren darüber hinaus: Klaus Mann und Gustaf Gründgens gehören in dieser Lesart zusammen. Der eine wählt den Weg der Politisierung im Exil, der andere bleibt in Deutschland und duckt sich politisch weg.
Deshalb werden auch der glühende junge Nazi und der stramme Kommunist von Sebastian Zimmler gespielt. Denn beide gehen letztlich an der brutalen Nazi-Diktatur zugrunde. Ungeheuerlich anzuschauen, wie Zimmler als junger Nazi fiebernd die Katastrophe sucht, das große Gefühl, die Erlösung. Seine Leidenschaft hat viel mehr mit Liebe, mit Begierde, mit unterdrückten Trieben zu tun als mit politischer Überzeugung.
Ohnehin ist Triebunterdrückung ein wichtiges Thema des Abends. Castorf bedient sich (auch damit hat sich Klaus Mann beschäftigt) mit Wilhelm Reichs Faschismustheorie, wonach etwa die glühende Verehrung des Führers eine verdrängte sexuelle Komponente habe. Bedrückend und eindringlich, als Max Gindorff Klaus Mann zitiert: Er schäme sich für die sexuelle Erregung, die er beim Betrachten der Nazi-Aufmärsche empfinde.
Und dann ist da natürlich der berühmteste Neuzugang im Castorf-Ensemble, Jens Harzer. Und das Erstaunliche geschieht: Welten prallen aufeinander und Welten tun sich auf. Der präzise, virtuose Perfektionist, immer an der Genauigkeit der Sprache interessiert, trifft auf den schnoddrigen Regieberserker Castorf und erweckt den über die Jahrzehnte erstarrt geglaubten Castorf-Kosmos zu neuem Leben.
Harzer spielt grandiose, trockene Ironie und Satire, wenn er den eitlen Schauspieler Höfgen, den arroganten Fiesling gibt. Doch vor allem ringt er mit sich, seiner Angst, seinem Machthunger, seinen Fetischen und Trieben. Wie er seine schwarze Geliebte Juliette vergöttert, gleichzeitig schrecklich exotisiert und wiederum an die Nazis ausliefert. Das ist feinstes psychologisches Spiel, das gleichzeitig seinen Körper zeichnet. Höfgen beziehungsweise Gründgens zerfällt und zerbröselt durch seine opportunistischen Taten, seine Lügen, seinen Verrat an den Freunden. Zuletzt ist er ein gebrochener Mann.
In einer bedrückenden Szene giftet Höfgen gegen seine Frau, die den jungen Nazi im Ensemble zu analysieren versucht: "Alle Nazis sind Lumpen und man beschmutzt sich, wenn man sich mit einem von ihnen abgibt. Deine großbürgerliche Herkunft hat dich vermiest, du hast keine politische Gesinnung."
Ein Darsteller und eine Darstellerin aus Frank Castorfs "Mephisto"-Inszenierung am BE sitzen in schwarzer Kleidung auf der Bühne (Quelle: Ostkreuz/Joerg Brueggemann)
Der hier so großspurig redet, wird am Ende der größte Opportunist von allen sein. Ob sich das auch im realen Leben so verhält? Und spricht die Szene nicht auch Bände über den Versuch unserer politischen Gegenwart, Menschen mit antidemokratischem Denken auf simple Weise auszugrenzen?
Schön auch, mit wie viel Biografie, Psychologie und Mehrschichtigkeit alle weiteren Charaktere ausgearbeitet sind, vom jungen Nazi bis zur schwarzen Geliebten Juliette, äußerst lässig, souverän und zugleich verletzlich gespielt von Annabelle Lengronne.
Eine derart vielgesichtige Studie über Macht hat man selten auf der Bühne gesehen. Ein grandios unterhaltsamer, psychologisch kluger, historisch verankerter und kaum ausufernder Abend, bei dem man einiges über sich selbst und über die politische Gegenwart lernt. Ohne vordergründige Aktualisierungen, ohne Moralkeule und Besserwisserei. Wer hätte gedacht, dass Frank Castorf so ein gutes Händchen für psychologisches Theater haben würde.
Sendung: rbb24 Inforadio, 18.09.2026, 08:54 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 18.09.2026, Barbara Behrendt
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