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ZAZ in der Zitadelle Spandau: Vom Pfeifkonzert in die Arme der Fans

Дата публикации: 22-08-2026 06:03:00

Eine halbe Stunde lässt die französische Sängerin ZAZ ihr Publikum in der Zitadelle Spandau warten. Doch auf das Stimmungstief folgt ein Höhenflug.


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ZAZ in der Zitadelle Spandau Vom Pfeifkonzert in die Arme der Fans

Die Sängerin ZAZ. Quelle: dpa/KEYSTONE | SALVATORE DI NOLFI
Die Sängerin ZAZ. Quelle: dpa/KEYSTONE | SALVATORE DI NOLFI

Von Kai Salander

Beinahe hätte sie es sich mit dem Publikum verscherzt, denn ZAZ lässt ihre Fans warten. Mehr als 20 Minuten sind seit dem Opening Act vergangen, doch die Chanteuse zeigt sich nicht. Kurz sind Buhrufe zu hören, erst leise, dann zwischen zwei Pausensongs besonders laut. Die Menge will nicht länger ausharren.

Nach etwa einer halben Stunde erlöschen die Bühnenlichter - Pfeifkonzert der wütenden Fans. Doch nicht ZAZ betritt die Bühne, sondern ihre Band. Die Musiker greifen zu Bass und E-Gitarre, setzen sich an Drums und Synthesizer. ZAZ fehlt noch immer.

Plötzlich erscheint sie schwarz-weiß auf dem Bildschirm - Film-Noir-Optik mit verschnörkelten Unterschriften, sehr französisch. Sie steht hinter der Bühne, spricht direkt in die Kamera, nennt Längen- und Breitengrad und fragt nach den Koordinaten im Herzen ihrer Fans. Dennoch bleibt der erste Applaus verhalten, als sie schließlich mit großen, entschlossenen Schritten über die Bühne geht. Hinter ihr fällt ein riesiger geraffter Vorhang in Bögen bis auf den Boden, fünf gelbe Lichtkegel stechen von oben hinein. Varieté in Spandau! Erst mal das Eis brechen. Die fiktive vierte Wand zum Publikum scheint nach dem langen Warten besonders dick. Die erste Nummer singt sie auf Spanisch.

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Ein Anruf bei der Mutter

Die Fans wollen erst einmal überzeugt werden. Doch mit einem Videocall erobert sie die Herzen schnell zurück. Kurz geht sie zur Bühnenseite, kehrt mit ihrem Smartphone wieder - Videocall mit ihrer Mutter. Eine Kamera filmt das Handydisplay. Auf den großen Bildschirmen der Zitadelle ist eine Seniorin mit kurzen Haaren und Brille zu sehen. Aus dem Off erzählt eine Stimme von einem Schüleraustausch der Mutter. In den Jahren 1964, 65 und 66, von der zehnten Klasse bis zum Abitur, kam sie im Zeichen der jungen Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland über die Grenze. 1965 führte die Reise bis nach Berlin.

Sie verstand kein Deutsch und fühlte sich auch auf Englisch sehr unsicher, sodass sie sich kaum unterhalten konnte. Das war für sie sehr frustrierend. Noch heute, mit 78 Jahren, erinnert sie sich daran, wie wichtig sie sich damals fühlte, wie eine Botschafterin empfangen. Sie saß an einem Tisch mit einer weißen Tischdecke, drei in Weiß gekleideten Schwestern, alle etwas jünger als sie, und ihren sehr gastfreundlichen Eltern. Diese herzliche Aufnahme und so viel Liebe haben sie tief bewegt.

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Wechselbad der Klangfarben

Sie sucht nach Worten auf Französisch, einige Fans antworten direkt. "Mon ami", ruft eine Frau. Doch mit ihrem gebrochenen Deutsch hat ZAZ mehr zu kämpfen. Sie beugt sich über ein Papier. Es klebt auf dem Bühnenboden. Darauf die Nachricht an ihre Fans, die sie abliest. Sie sei schon länger nicht mehr da gewesen. Wir würden in sehr dunklen Zeiten leben, dagegen helfen nur die Freunde. Auf Französisch fährt sie fort und stimmt den nächsten Song an, zu dem sie in kleinen Tanzschritten hüpft, mit Dauergrinsen, im engen schwarzen Fransenkleid.

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Sie groovt sich durch ein Wechselbad verschiedenster Klangfarben. Zum Salsabeat dreht sie sich im Kreis, die Hände über dem Kopf. Dann wieder rasend schneller Speed-Jazz mit Kontrabass und E-Piano.

Beim nächsten Stück unterstreicht sie die Cumbia mit großen Hüftschwüngen. Das Publikum tanzt mit, viele für sich, manche eingehakt. Vor allem Paare und Freundesgruppen im mittleren Alter sind in die Zitadelle gekommen, einige tragen Karohemden, andere Funktions- oder Jeansjacken, nichts Auffälliges.

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Vier Auftritte an einem Abend

Sie wechselt die Garderobe so oft wie die Genres, und das Bühnenbild wechselt mit. Mal steht sie im bodenlangen dunkelblauen Kleid vor der Band, der Gitarrist greift im Sitzen zur Akustischen, über ihnen leuchten die Stoffbahnen goldgelb. Mal im schwarzen Glitzertop mit weiter Hose, das Haar hochgesteckt, große Ohrringe, dazu kippen die Bögen ins Türkis. Später kommt sie im langen schwarzen Mantel zurück, doppelreihig geknöpft, eine funkelnde Sternapplikation auf der Brust.

Und in kunterbunten Hosen mit Farbflecks singt sie "Si jamais j’oublie", schlägt sich dabei inbrünstig mit der Hand aufs Herz. Das ist die Nummer mit dem Videoclip, in dem Pierre Rabhi auftritt, Bauer, Vordenker und Mitgründer des Ökonetzwerks Colibris, das ZAZ jahrelang unterstützt hat. In Frankreich wird der umstrittene Rabhi misstrauischer beäugt als hierzulande, die staatliche Sektenaufsicht rügte 2018, Colibris werbe für Waldorfpädagogik und biodynamischen Landbau, beides geht auf Rudolf Steiner zurück. Der Verein bestreitet das.

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Dezenter Wahnsinn in den Augen

Sie erreicht den Schwebezustand bei ihren Jazz-Nummern. Ein Soundtrack wie gemacht für verrauchte Pariser Cafés um Mitternacht. In diesem Moment wirkt alles ganz leicht, das herabfließende orangeblaue Bühnenlicht, die Brise in ihren Haaren und auch die Mikroregentropfen, die sich wie ein Sprühnebel auf die Haut der Fans legen. Wie so oft bricht ZAZ die Atmosphäre schnell auf, sanft folgt Power.

Sie dreht sich mit dem Rücken zum Publikum, geht in die Hocke und blickt in die Kamera auf der Bühne. Ihr Gesicht erscheint ganz groß auf dem Bildschirm, dezenter Wahnsinn in den Augen, so animiert sie die Fans zum Mitklatschen. Mal schreit sie die Lyrics nur so aus sich heraus, und selbst in den höchsten Registern liegt besonders viel Kraft.

Musik als Universalsprache

Bei einem E-Gitarren-Solo kommt alles zusammen. Die Drums preschen nach vorne, die 46-Jährige kniet auf der Bühne, beugt sich weit zurück, bis sie fast auf den Sohlen ihrer Stiefel liegt, und just in diesem Moment reißt der Himmel auf. Rocken im Regen. Als ob das Wetter die Dramatik des Augenblicks untermalt. Danach läuft sie beim Singen durch die Menge, komplett gerührt fallen ihr Fans in die Arme, singen ins Mikrofon. Als sie zurück auf die Bühne läuft, jubelt die Menge besonders laut. In diesem Moment hat sie sich mit den Fans im Sound der Rockballade vereint, die vierte Wand komplett eingerissen.

Es ist ein tiefer Einblick in die Künstlerseele. Sie bringt ungeschönt eine große Bandbreite an Emotionen auf die Bühne, die Fans sehen sie leiden, träumen, flirten und fallen. Sie singt vom Vergeben, nach fünfzehn Jahren Spott in ihrer Heimat. Vom Rausch der Nacht, von Freunden als einzigem Mittel gegen dunkle Zeiten und der Angst, all das zu vergessen.

Von den Buhrufen zu Beginn spricht jetzt niemand mehr. Die halbe Stunde hat ZAZ nie erklärt, aber offenbar wettgemacht. Auch wenn nicht alle ihre Verse verstehen, die Emotionen, die große Leidenschaft dahinter spürt jeder. Musik als Universalsprache, ja vielleicht auch der Herzen.

Sendung: rbb|24, 22.08.26, 7:50 Uhr
Audio: rbb|24, 22.08.26, Kai Salander

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