In New York treffen sich Staats- und Regierungschefs zu Krisengesprächen über Iran, Ukraine und Europas Sicherheit. Friedrich Merz fehlt zum zweiten Mal – und verpasst die Chance, sich auf Augenhöhe auszutauschen.
Meinung · In New York treffen sich Staats- und Regierungschefs zu Krisengesprächen über Iran, Ukraine und Europas Sicherheit. Friedrich Merz fehlt zum zweiten Mal – und verpasst die Chance, sich auf Augenhöhe auszutauschen.
23.09.2026 , 16:08 Uhr
US-Präsident Donald Trump hält eine Rede während der 81. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen.
Foto: Seth WenigAuch wenn die Vereinten Nationen an Einfluss verlieren, bieten sie doch eine Weltbühne, der selbst Donald Trump nicht widerstehen kann. Während der US-Präsident am Rednerpult dem Iran mit „Vernichtung“ drohte, gab es hinter den Kulissen erstmals seit Monaten wieder diplomatische Kontakte zwischen den USA und Vertretern Teherans. Die USA unterzeichneten ferner mit Dänemark und Grönland ein Abkommen, das die Ausweitung der amerikanischen Militärpräsenz auf Grönland ermöglicht – und entschärften damit einen Streit unter Nato-Ländern. Während Russland die Ukraine mit Angriffen überzieht, dauern in New York die Krisendiplomatie und die Suche nach Wegen aus dem Krieg auf europäischem Boden an. Dass Kanzler Friedrich Merz (CDU) am UN-Hauptsitz am East River fehlt, und das schon zum zweiten Mal bedeutet, dass Deutschland in dieser politisch wichtigsten Woche nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Zwar ist die Bundesregierung mit Außenminister Johann Wadephul (CDU), Umweltminister Carsten Schneider (SPD) und Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) vertreten. Da aber die Reden in der Generaldebatte in der Reihenfolge des protokollarischen Rangs der Redner erfolgen, ist der Auftritt Wadephuls voraussichtlich erst am Wochenende, wenn sich die öffentliche Aufmerksamkeit längst wieder anderen Dingen zugewandt hat. Merz hätte an diesem Mittwoch gesprochen – Deutschland hätte Gehör gefunden.
Für viele wichtige Gespräche im Hintergrund ist zudem Augenhöhe nötig: Die können nicht einfach auf die Ministerebene verlagert werden. Der Kanzler verpasst damit die Möglichkeit des diplomatischen Speed-Datings, sich also innerhalb weniger Tage mit zahlreichen Staats- und Regierungschefs auszutauschen – etwa zur Ukraine, zur europäischen Sicherheit, zu den transatlantischen Beziehungen und Wirtschaftsinteressen der Bundesrepublik als Exportland. Das lässt sich durch spätere Besuche und Gegenbesuche kaum nachholen.
Die Bundesregierung setzt sich zudem für eine Reform der Vereinten Nationen ein. Deutschland würde sich dabei auch einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat wünschen. Doch wer in New York mehr Einfluss will, sollte dort auch sichtbar sein. Mit einem Kanzler, der der UN-Generalversammlung wiederholt fernbleibt, wird das deutsche Anliegen nicht überzeugender. Natürlich gilt: Außenpolitische Stärke setzt auch innenpolitische Stärke voraus. Und vor Beginn der Woche war unklar, ob Merz sich überhaupt im Amt wird halten können.
Trotzdem: Wer das Hauptforum der internationalen Gemeinschaft vernachlässigt, schmälert den eigenen Einfluss – und darf sich über abnehmende weltweite Bedeutung nicht wundern.
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