3100 Euro statt 7000 Euro brutto: Marius tauschte seinen Job als Bankkaufmann gegen die Sauna – und ist heute glücklicher denn je.
Marius (30) war Bankkaufmann und arbeitet heute als Saunameister. In seinem alten Beruf hätte er heute monatlich locker Tausend Euro netto mehr. Warum der Wechsel?
FOCUS online: Sie waren Bankkaufmann, haben eine Zeit lang Wirtschaft studiert und arbeiten heute als Saunameister. Würden Sie in Ihrem früheren Beruf als Bankkaufmann nicht deutlich besser verdienen?
Marius: Doch, definitiv.
Verraten Sie uns, was Sie als Saunameister verdienen?
Mit meiner derzeit 90 Prozent-Stelle 3100 Euro brutto pro Monat. Da ich in einem kommunalen Bad arbeite, den Sauna- und Wasserwelten Bahia in Bocholt, gibt es einen Tarifvertrag. Mir ist bewusst, dass ich für einen Saunameister gut verdiene. Aber Sie haben Recht. Es ist natürlich weniger als bei der Bank.
Haben Sie einen Vergleichswert parat?
Rund 1000 Euro netto mehr im Monat wären das bei der Bank sicher. Neulich habe ich jemanden getroffen, ein Jahr jünger als ich, Bankkaufmann und bei einer Bank beschäftigt. Er bekommt 4000 Euro netto. Etwa 7000 Euro brutto sind das. Also schon eine ganz andere Nummer.
Da liegt die Frage natürlich auf der Hand: Warum der Wechsel? Noch dazu in einen Beruf, der vermutlich ganz schön fordernd ist, oder?
Ich mache täglich maximal sechs Aufgüsse – mehr wäre für den Körper, und hier ganz konkret für den Kreislauf, zu anstrengend. Ich kühle mich nach jedem Durchgang ordentlich unter der Dusche ab. Was soll ich sagen? Es ist schon Arbeit, es ist zwischendurch auch mal anstrengend, aber es macht mir wahnsinnig viel Spaß. Ich bin genau richtig an diesem Platz.
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Waren Sie in der Bank verkehrt?
Ja und nein. Schauen Sie, ich habe direkt nach dem Realschulabschluss mit der Lehre begonnen. An meinem ersten Ausbildungstag war ich gerade 16 geworden. Wer weiß denn in diesem Alter schon, was er sein ganzes Leben machen will?
Wie kam es überhaupt zu dieser Lehre und zur Entscheidung für genau diesen Beruf?
Ich hatte mit 14 bereits ein Schülerpraktikum bei der Volksbank gemacht. Die Leute waren nett, die drei Wochen waren recht kurzweilig und finanziell stimmte die Richtung ja auch. Dass ich nach der Realschule nicht studieren würde, zumindest erst mal nicht, war klar.
Warum denn?
Das ist beziehungsweise war eine Art ungeschriebenes Gesetz bei uns in der Familie. Erst mal eine Ausbildung machen. „Danach könnt ihr weitersehen“, haben meine Eltern zu meinen beiden älteren Schwestern und zu mir gesagt. Ich habe mich dann tatsächlich schon mit 14, nach dem Praktikum, um den Ausbildungsplatz bei der Volksbank beworben. Bereits im zehnten Schuljahr hatte ich den Ausbildungsplatz sicher – sprich: den Vertrag in der Tasche. Noch vor meinem 15. Geburtstag war die Weiche also gestellt. Ich fühlte mich auch ein bisschen geschmeichelt, glaube ich.
Weil Sie genommen wurden?
Genau. Im Assessment Center waren wir zu dritt. Zwei 18-jährige, einer davon mit Abi, einer mit höherer Handelsschule – und eben ich. Die anderen beiden kamen im Anzug, ich in Jeans und Kurzarmhemd. Woher sollte ich mit 14 denn einen Anzug haben? Jedenfalls war ich am Ende einer von insgesamt 100 Bewerbern, der genommen wurde. Das war schon ein cooles Gefühl.
Haben Sie eine Idee, was ausschlaggebend für den Erfolg war?
Ich denke, ich kann mich ganz gut ausdrücken. Und ich kann mich auch ganz gut – wenn man so will – verkaufen. Ich sage es mal so, ich konnte schon immer gut mit Menschen.
Waren Zahlen am Ende nicht noch ausschlaggebender?
In Mathe war ich immer gut. Aber, nein, Zahlen waren nicht das Wichtigste. Ich glaube, in der Verkaufs- oder Kaufmann Branche zählt vor allem das Menschliche.
Für Ihre komplexen Fähigkeiten sind Sie direkt entlohnt worden – bereits das Ausbildungsgehalt dürfte ordentlich gewesen sein?
801 Euro im ersten Jahr. Ja, das war gutes Geld. Meine beiden Schwestern, die bereits in der Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten beziehungsweise als Azubi im Einzelhandel waren, hatten weniger. Wenn man noch zu Hause wohnt, sind rund 800 Euro wirklich ordentlich.
Wann haben Sie gemerkt, dass Sie in diesem Beruf nicht richtig sind und dass auch ein vergleichsweise gutes Einkommen Sie nicht halten kann?
Das kam schleichend. Am Anfang habe ich mich wohlgefühlt. Ich war in einer ländlichen Filiale, da gab es viel Kontakt zu den Kunden, viel Mensch zu Mensch. Ich mochte es, die hereinkommenden Kunden zu begrüßen. Ihnen das Gefühl zu geben, dass sie gesehen werden, sie zu betreuen. Diese angenehme Grundatmosphäre änderte sich, als der Kassenautomat aufgegeben wurde.
Die Maschine, an der man Geld abhebt, meinen Sie?
Nein, das Gerät hinter dem Schalter. Hier hatte ich jeweils den Betrag XY eingegeben, den Person Z abheben wollte. Der Automat hat dann diesen Betrag ausgespuckt, ich habe ihn dem Kunden oder der Kundin gegeben. Seit der Kassenautomat fehlte, musste ich die Kunden mit der Geldkarte in den Vorraum schicken: Sie sollten das Ganze am Geldautomaten abwickeln. Oder noch besser online – das war das Ziel. Weniger Gespräch, weniger Kontakt. Alles möglichst automatisch. Darüber waren die Kunden nicht begeistert und ich war es auch nicht. Ich bekam den Missmut der Menschen über diese Umstellung ab. Dabei konnte ich persönlich natürlich nichts dafür.
War das der Grund für den Berufswechsel?
Nach der Ausbildung bin ich erstmal noch ein halbes Jahr geblieben. Schon damals war aber recht klar: Ich bin nicht der Typ für diesen Beruf. Er entspricht einfach nicht meinem Wesen, meiner Persönlichkeit. Das finde ich unbedingt wichtig für eine Tätigkeit, die man so viele Stunden pro Tag macht.
Überlegen Sie auch, Ihre Karriere zu verändern und Schritte zu gehen, mit denen niemand rechnet? Oder kennen Sie jemanden, der dies tun möchte? Dann schreiben Sie uns gerne an Mein-Bericht@focus.de.
Und wie kam es nun zum Wechsel?
Hier muss ich etwas ausholen, denn es war kein direkter Wechsel von A nach B. Ich bin mit 20 bei der Bank raus und mit 28 in der Saunawelt rein. Dazwischen liegt eine Zeit, die ich jetzt einfach mal „Orientierungsphase“ nenne.
Wie kann man sich diese Phase konkret vorstellen?
Erst habe ich Wirtschaft studiert, aber nur kurz. Es war eher ein Rumstudieren in gewisser Planlosigkeit. Trotz guter Noten bei wenig Aufwand wusste ich schon bald: Perspektivisch würde mir auch hier der Mensch fehlen. Ich habe dann als selbstständiger Finanzdienstleister bei einem großen Konzern angeheuert, arbeitete stundenweise in einer Bürogemeinschaft. Im Rückblick muss ich sagen: Das Beste an dieser Tätigkeit war die freie Zeit.
Das müssen Sie bitte erklären.
Naja, ich war ja selbstständig tätig, verdiente auch hier wieder ordentlich und ging jeden Monat gleich vor: Wenn ein bestimmter Betrag X bei den Einnahmen erreicht war, pausierte ich und genoss das Leben. Als Finanzdienstleister habe ich tatsächlich immer nur genauso viel gearbeitet, wie ich musste. Wenn ich mein monatliches Soll erfüllt hatte, fühlte ich mich frei. Aber schon im nächsten Monat war da wieder dieser Druck, dieses Soll zu schaffen. Ich war im Hamsterrad. Das konnte so nicht weitergehen.
Und dann?
Schon seit einiger Zeit war ich nebenher in der Gastro tätig. Das baute ich aus. Das mochte ich.
Da hat man tatsächlich viel mit Menschen zu tun. Aber ist Gastro als Beruf nicht auch irgendwie „planlos“?
Mir hat diese Arbeit wirklich Spaß gemacht. Viel mehr Spaß als alles, was ich davor gemacht habe. Die Tätigkeit als Finanzdienstleister reduzierte ich immer weiter. Und den Gastro-Anteil baute ich mehr und mehr aus. Bis zur Vollzeit quasi. Die Fixkosten waren gedeckt und das Hamsterrad gestoppt – immerhin.
Aber? Es klingt, als seien Sie ein wenig planlos gewesen, in dieser Zeit?
Und das stimmt auch. Ein paar Jahre lang wusste ich wirklich überhaupt gar nicht, wohin die Reise letztendlich gehen soll. Die Idee vom Traumjob schien ganz weit weg.
Hat Sie das nicht sehr belastet?
Sehr wäre übertrieben. Zum einen war ich ja noch jung, in den Zwanzigern. Und zum anderen hatte ich eine solide Basis, zu der ich jederzeit zurück konnte.
Die Ausbildung als Bankkaufmann, meinen Sie?
Genau. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich in der Branche tatsächlich jederzeit wieder eine Festanstellung bekommen können. Das hat sich bis heute nicht geändert, die Möglichkeiten sind enorm. Ich muss sagen, meine Eltern hatten Recht mit ihrem Rat, erst mal eine Ausbildung zu machen. Generell sind Ausbildungs- und auch Handwerksberufe meiner Meinung nach völlig unterschätzt. Und es ist doch so: Wenn du einen Plan B hast für den Fall der Fälle, kannst du dich viel freier und besser deinem Wesen entsprechend entwickeln. Du agierst nicht aus der Angst heraus. Ich denke in der aktuellen Situation am Jobmarkt ist genau das oft ein Problem.
Wie haben Sie nun schließlich Ihren Traumberuf als Saunameister gefunden?
Ich bin angesprochen worden. In der Gastro. Von einer Kundin. Sie kam öfter und hat mitbekommen, dass ich ein lebensfroher Mensch bin und dass ich mochte, was ich tat. Ich erinnere mich noch genau an ihre Worte: „Du würdest gut zu uns in die Sauna passen.“ Erst mal habe ich gar nicht richtig verstanden, was sie da meinte. Saunameister wäre jetzt nicht ein Beruf gewesen, auf den ich von mir aus gekommen wäre. Niemals.
Weil Sie nie gern in die Sauna gegangen sind?
Nur ganz selten. Manchmal nach dem Training im Fitnessstudio. Und dann war ich vielleicht zwei oder dreimal mit Freunden irgendwo in einer Sauna. Aber es hat mich jetzt nicht wirklich begeistert. Gut, dass ich der Sache eine Chance gegeben und im Bahia Probe gearbeitet habe. Genau das hat Sigrid, meine heutige Chefin, mir vorgeschlagen.
Sie sind also direkt zum Arbeiten dorthin? Nicht erst mal, um sich die Anlage einfach nur anzuschauen?
Nein, ich habe direkt gearbeitet. Und ich fand es direkt klasse. Wirklich, es war Liebe auf den ersten Blick. Nicht nur wegen der Tätigkeit an sich, auch wegen der Dankbarkeit.
Dankbarkeit? Was meinen Sie?
Schauen Sie, die Leute, die in die Sauna gehen, wollen es sich gut gehen lassen. Wenn du dann entsprechend zu ihrem Wohlbefinden beiträgst, freuen sie sich und zeigen dir das. Bankkaufmann – nur mal zum Vergleich, ist tendenziell ein undankbarer Beruf. Wer freut sich schon, wenn sein Bankberater anruft? Wenn du dagegen deinen Lieblingssaunameister siehst, freust du dich schon.
Sie sind jetzt seit über zwei Jahren als Saunameister tätig, richtig?
Ja, und ich freue mich jeden neuen Tag wieder auf meinen Job. Im Moment habe ich zum Beispiel Urlaub, und gestern war ich mit ein paar Freunden privat im Bahia. Es ist einfach die beste Sauna, die ich kenne. Tolle Anlage, gute Atmosphäre. Warum sollte ich in meiner Freizeit woanders hingehen?
Wir führen dieses Gespräch für eine Reihe, die das Thema „Karrierebrüche“ beleuchtet. Lassen wir den Bruch vielleicht mal noch eben weg und schauen uns den Aspekt „Karriere“ an. Bei aller Liebe zu Ihrem jetzigen Beruf: Karriere werden Sie da vermutlich nicht mehr machen?
Warum denn nicht? Ich kann mir sehr gut vorstellen, eines Tages mal eine Führungsrolle in unserer Saunawelt zu übernehmen. Da hätte ich richtig Bock drauf.
Sie haben einiges riskiert – und wie es scheint, ganz viel gewonnen. Haben Sie einen Rat für Menschen, die sich in ihrer beruflichen Situation nicht wohl fühlen?
Mehr Mut, zum Verlassen gewohnter Pfade! Mal ehrlich, was kann denn schon passieren? Im schlimmsten Fall hast du es eben ausprobiert und gehst wieder zurück.
Wenn das denn dann noch möglich ist…
Ich denke schon, dass das in vielen Fällen geht, wenn man es gut begründet. Generell macht mich wirklich nachdenklich, wie viele Menschen unzufrieden in ihren Berufen sind. Gerade jetzt, in Zeiten von Umstrukturierungsmaßnahmen und dem damit häufig verbundenen unangenehmen Druck. Wissen Sie, was mir auffällt?
Nein.
Die wenigsten sprechen darüber. Wenn du dich mit Freunden oder Bekannten triffst, wird um dieses Thema entweder elegant drumherum geredet oder es herrscht von vornherein das große Schweigen. Meine beste Freundin ist Pilotin. Sie liebt ihren Job, so wie ich. Neulich haben wir festgestellt, dass wir die einzigen Menschen sind, die uns einfallen, wenn es darum geht, wer seinen Beruf so richtig gern mag. Ich finde das echt traurig und ein Argument mehr, die Leute zu ermutigen, im Zweifel noch mal in eine ganz andere Richtung zu denken. Jeder hat schließlich nur ein Leben, und Zeit bekommt man bekanntlich nicht zurück.