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So geht Nachhaltigkeit, die sich rechnet: Energie clever nutzen statt sparen

Дата публикации: 23-02-2026 15:55:00

Die Frage nach dem Umgang mit unseren Ressourcen und die Folgen, die dies hat, bestimmt die gesellschaftliche Debatte.

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Die Frage nach dem Umgang mit unseren Ressourcen und die Folgen, die dies hat, bestimmt die gesellschaftliche Debatte.

Die Frage nach dem Umgang mit unseren Ressourcen und die Folgen, die dies hat, bestimmt die gesellschaftliche Debatte. Wir Deutschen sind Weltmeister im schlechten Gewissen – ob beim Duschen, Heizen, Autofahren oder Licht brennen lassen. Immer schwingt eine Stimme mit, die fragt: „Darf ich das überhaupt?“, „Ist das noch nachhaltig?“ oder „Bin ich jetzt ein Klimasünder?“. 

Der Grundgedanke dahinter: Der Mensch ist ein Schädling, es geht um den Willen, weniger schädlich zu sein. Zeit für einen Paradigmenwechsel: Es geht nicht mehr um „weniger schädlich“, sondern um nützlich. 

Anders gesagt: Wir stehen vor einer neuen industriellen Revolution jenseits von KI. Sie gründet auf dem Prinzip, dass alles, was wir verbrauchen, in den Nährstoffkreislauf zurückkehren kann. Dann ist unsere Zukunft nicht länger vom Verzicht bestimmt. Die Zukunft heißt intelligentes Verschwenden.

Timo Leukefeld ist Energieexperte und Innovator, der sich auf energieautarke, CO₂-freie Wohnkonzepte sowie nachhaltige Zukunftslösungen spezialisiert hat. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

Dieser Begriff stammt von Prof. Dr. Michael Braungart (Leuphana Universität Lüneburg), dem Cradle-to-Cradle-Pionier. Als Chemiker und Materialwissenschaftler liegt sein Fokus nicht darauf, wie schädlich ein Rohstoff oder Produkt ist, sondern welche Rohstoffe es gibt, die sich verwenden und dann wieder in den Kreislauf zurückführen lassen. Also Produkte so zu gestalten, dass sie nach ihrer Nutzung wieder vollständig Teil biologischer oder technischer Kreisläufe sind. 

Das bedeutet nicht Recycling als schlechtes Trostpflaster oder etwa Downcycling zur Parkbank. Sondern echte Kreislaufintelligenz. Die Automobilindustrie ebenso wie die Textil- und Lederbranche setzen das bereits um. Fakt ist: Um in zehn oder 20 Jahren noch wettbewerbsfähig zu sein, wird es ökonomisch zwingend, dass keine neuen Rohstoffe oder fossile Energie mehr zum Einsatz kommen.

Braungart nennt das eine neue Kultur des Verbrauchens: Weg vom moralischen Zeigefinger, hin zum Genießen guten Gewissens. Nicht das schlechte Gewissen ist länger Dreh- und Angelpunkt, sondern ein kluger Einsatz der Mittel. Dieser Paradigmenwechsel ist vergleichbar mit der Neuausrichtung der Kirche: Sie baut nicht mehr auf das schlechte Gewissen des Sünders, sondern verkündet die frohe Botschaft der Erlösung.

Cradle to Cradle Prinzip

von Prof. Michael Braungart Quelle: Michael Braungart IPEA
Energieautarkie ist das Cradle to Cradle des Wohnens

Die neue industrielle Revolution gründet auf der intelligenten Verbindung von Kultur – nämlich dem, was der Mensch aus den vorhandenen Ressourcen macht – und dem Schutz der Natur, gepaart mit dem heutigen Stand von Technik und Wissen.

Was Braungart für Rohstoffe gedacht hat, lässt sich eins zu eins auf Energie übertragen. Denn die Logik ist dieselbe: Wenn Energie aus der Sonne kommt, und diese Energie im Haus gespeichert wird, und nicht mehr aus fossilen Quellen gekauft werden muss, dann endet die Ära der Knappheit. Und damit auch die Ära des schlechten Gewissens. Dann beginnt eine völlig neue Lebensqualität.

Wie es sich anfühlt, in einem hochgradig energieautarken Wohnhaus zu leben? Ganz ehrlich: wie ein kleiner Regelbruch. Im Winter drehe ich die Heizung auf 22 oder 23 Grad. Nicht aus Protest. Sondern weil ich es kann und mich uneingeschränkt wohlfühlen möchte. Bei mir brennt überall Licht in diesen dunklen Monaten, in denen halb Deutschland in den Winterblues rutscht. Und nein, das belastet weder Umwelt noch Portemonnaie. Weil die Sonne Strom und Wärme liefert. Weil Batterien und Langzeitwärmespeicher die Energie speichern und Überschüsse vorhanden sind. Das ist intelligentes Verschwenden in Reinform.

Überschuss statt Einschränkung

Ich zeige bei meinen Vorträgen oft das reale Bild eines Affen in Japans Bergen, der genüsslich in einer natürlichen heißen Quelle liegt, draußen minus fünf Grad. Erklären Sie mal diesem Affen, er solle Energie sparen. Der würde nur den Kopf schütteln. Die Energie ist doch da! Ob er sie nutzt oder nicht, ist völlig egal. Genau das ist der Punkt: Wenn Energie im Überfluss vorhanden ist, wird Sparen zur absurden Moralübung.

Ein hochgradig energieautarkes Haus produziert oft neun bis zehn Monate im Jahr Solarstromüberschüsse. Und was mache ich damit? Ich lade mein Elektroauto – und fahre zig Kilometer, ohne schlechtes Gewissen und teure Tankrechnungen. Mit anderen Worten: Ich verwende vorhandene Energie intelligent. Und hier liegt die eigentliche Umkehr üblicher Dogmen: Die grüne Ideologie hat sich zu oft in Verzicht verliebt. Doch Menschen investieren nicht gerne in Einschränkung. Sie investieren lieber in Lebensqualität.

Die neue Ökonomie ist Überfluss

Wir erleben gerade einen epochalen Wandel, beispiellos in der Menschheitsgeschichte. Eine Ökonomie des Überflusses löst die auf Knappheit gegründete ab. Der US-amerikanische Zukunftsforscher Jeremy Rifkin spricht von einer Grenzkosten-nahe-null-Gesellschaft, von einem „Internet der Energie“. Damit meint er: Wir werden für die Energie an sich kaum noch etwas bezahlen müssen, lediglich eine Grundgebühr, damit der Energietransport und die Netze finanziert werden können.

Sonnenstrom wird perspektivisch so billig, dass nicht die Energie bezahlt wird, sondern nur noch die Infrastruktur. Die Zukunftsforschung geht davon aus, dass der Solarstrom spätestens in zehn Jahren in Deutschland nur noch 1 bis 2 Cent pro Kilowattstunde kosten wird. Das verändert alles.

Hochgradig energieautarke Gebäude lösen mehr als ein Technikproblem. Sie sind keine Spielerei für Öko-Eliten. Sie sind die Antwort auf eines der größten Probleme Deutschlands: bezahlbarer Wohnraum.

Denn wenn Mieter keine Gasrechnung mehr zahlen müssen, wenn Strom pauschal wird, wenn Mobilität mitgedacht ist, dann entsteht ein neues Modell echter und günstiger Lebensqualität: Warm wohnen. Gut leben. Ohne CO₂-Ausstoß. Ohne Angst vor steigenden Energiekosten. Das ist nicht nur ökologisch. Das ist ökonomisch zwingend. Ganz im Sinne einer tragfähigen Nachhaltigkeit, deren wichtigste Säule die Ökonomie ist: Alles, was sich nicht rechnet, setzt sich langfristig nicht durch.

Das Konzept der hochgradigen Energieautarkie ist durch und durch nachhaltig: ökologisch, ökonomisch und sozial. Hochgradig energieautarke Gebäude versorgen sich größtenteils mit Sonnenenergie, mit der die Heizung betrieben, der Strom erzeugt und das Warmwasser aufbereitet wird. Und deren Überschüsse auch noch eine E-Tankstelle speisen. Ökonomisch ist auch der Low-High-Tech-Ansatz, der auf wartungsintensive Gebäudeausstattung wie Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, kilometerlange Rohre in Fußbodenheizungen, komplexe störanfällige Wärmepumpensysteme, und Smart-Home-Systeme verzichtet. 

Heißt: So viel Hightech wie nötig, so wenig Technik wie möglich. Intelligente Einfachheit in der Gebäudeausstattung. Wartung und Reparatur werden inzwischen nämlich in vielen neuen Gebäuden zur „dritten Miete“ und übersteigen eingesparte Energiekosten.

Durch ein vereinfachtes Techniksystem mit wartungsfreien Infrarotheizungen mit hohem Energieautarkiegrad, großen Speicherbatterien und dem Geschäftsmodell einer Pauschalmiete, die eine Energieflatrate enthält, entsteht wirtschaftlicher Nutzen für Mieter und Vermieter gleichermaßen. 

Die Mieter zahlen insgesamt weniger, weil sie Energie- und Nebenkosten sparen und der Vermieter hat mehr Einnahmen, weil ihm zugutekommt, was sonst bei den Energieversorgern und der Tankstelle landet. Der Blick über den Tellerrand bisheriger Konzepte lohnt sich. Er bietet völlig neue Perspektiven.

Fazit: Verschwenden ist die Zukunft. Wenn es intelligent ist.

Wir müssen raus aus der Kultur der Schuldgefühle. Um es überspitzt auszudrücken: raus aus dem Frieren für die Moral, raus aus dem Energiesparen als Lebenszweck. Die Zukunft heißt nicht weniger. Die Zukunft heißt besser. Und manchmal bedeutet das: Intelligentes Verschwenden. Denn wenn saubere Energie im Überfluss da ist, dürfen wir endlich wieder eines tun: Guten Gewissens genießen.

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