Wie Technologieglaube, Klimadebatten und politische Lagerbildung eine Gesellschaft prägen, die nach Orientierung und Identität sucht.
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„Identität, das ist der Schnittpunkt zwischen dem, was eine Person sein will, und dem, was die Welt ihr zu sein gestattet.“ Das wusste schon der Psychoanalytiker Erik H. Erikson. Bewusst oder unbewusst sind wir permanent auf der Suche nach uns selbst, unserer Identität und unserem Platz in der Gesellschaft. In Zeiten kollektiver Selbstfindung treten je nach Zeitgeist verschiedene Messiasse an die Oberfläche der mentalen Popkultur.
Ein momentan sehr gefragter Akteur ist der Investor Peter Thiel. Er lässt sich geschäftlich, ideell und politisch leicht mit Elon Musk und Donald Trump in Verbindung bringen. Ihre gemeinsame Religion lässt sich als konservativer Libertarismus betiteln. Während Trump und Musk eher auf der banalen Ebene der Wirtschaftsphilosophie verharren, wagt sich der PayPal-Gründer und Facebook-Investor einige spirituelle Ebenen höher: Er reist durch die Welt und verkündet die Erscheinung des Antichristen. Ein drohendes Armageddon sieht er in einem zwanghaften Kollektivismus bei Themen wie Klimawandel oder staatlicher Regulierung. Für ihn gleicht dies einer neuen, inneren „McCarthy-Ära“ des Kommunismus.
Der apokalyptische GeistDoch der Palantir-Mitbegründer geht ganz an die Spitze der Maslowschen Bedürfnispyramide. Er begibt sich in religiöse Sphären und definiert den Antichristen. Den Blick in den Spiegel der Selbsterkenntnis oder auf das psychologische Phänomen der Projektion spart er dabei aus. Thiel vermag im Antichristen einen Verführer zu erkennen, der Frieden und Sicherheit verspricht, um eine totalitäre, globale Ordnung zu errichten. Institutionen wie die UN, Umweltschutzbewegungen oder technologische Regulierungen sieht er als Manifestationen dieser bösen Kraft. Die Selbstkritik, dass seine eigenen Unternehmungen wie Palantir oder Facebook selbst Facetten des Totalitären beinhalten, verdrängt er anscheinend.
Es ist jedoch von minderer Wichtigkeit, wer in wem das Böse und den Weltuntergang sieht. Von nahezu psychoanalytischer Relevanz ist eher, was derartige Prozesse als Zeitgeistphänomen bedeuten. Thiel wie auch seine Gegenspieler aus dem politisch links-liberalen Lager inkarnieren komplementäre Gesellschaftstrends: Sie reichen von staatlicher Überregulierung bis hin zu einem gepflegten transhumanistischen Technofetischismus. Hier liegt des Pudels Kern: Beide Seiten der ideologischen Medaille ähneln sich unbewusst in ihren fundamentalen Schwachstellen.
Der amerikanische Regisseur Fritz Lang zeichnete in seinem dystopischen Meisterwerk „Metropolis“ ein Gesellschaftsbild, welches beide Lager in Abwandlungen an das mentale Firmament projizieren. Psychodynamisch interessant ist die Tatsache, dass auf beiden Seiten das Böse immer im anderen und selten in den eigenen Reihen zu finden ist. Ein infantiler Wissenschafts- und Technologieglaube hat beide ideologischen Gruppen befallen. Das Spektrum reicht von einer undifferenzierten Klimareligion bis hin zu seelenlos-naiven transhumanistischen Wunschvorstellungen. Dadurch verliert man oft die Perspektive auf das große Ganze – auf eine Metadiagnose.
Der Theologe Wolfgang Palaver ist Präsident von Pax Christi Österreich. Mit ihm spricht Thiel regelmäßig.
© Horst Galuschka/Imago
Der Theologe Wolfgang Palaver, mit dem Thiel regelmäßig diskutiert, hielt treffend die Grenzen des medizinisch-technischen Fortschritts fest. Er verwies in diesem Zusammenhang auf das bleibende Dilemma der christlichen Soziallehre in Zeiten von KI, wie sie Papst Leo XIV. in seiner ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“ adressiert. Die zentrale Frage dahinter lautet: „Bestimmt der Mensch die Rahmenbedingungen oder bestimmen die Rahmenbedingungen den Menschen?“
Dies gilt für die Staats- und Überregulierungstreuen gleichermaßen wie für Thiels Metropolis-Ausleger. Plattformen wie Facebook, Palantir oder PayPal pressen Menschen gewollt oder ungewollt in eine Abhängigkeitsstruktur. Beides ist nicht erstrebenswert. Hier zeigt sich auch, warum die Humane Intelligenz (HI) die Künstliche Intelligenz (KI) letztlich schlägt. Algorithmen können den Menschen zwar parametrisieren und verwalten, aber sie können ihm keine Identität stiften. Die KI bleibt in der metaphysischen Leere gefangen, während die menschliche Intelligenz die existenzielle Sinnsuche bewältigen muss. Die HI besitzt die einzigartige Fähigkeit zur Selbstreflexion, Empathie und echten Schöpfung, also Dimensionen, die einem reinen Rechenmodell verwehrt bleiben.
Die Hauptanomalie und damit verbundene Krankheit der heutigen Zeit ist jedoch die Bezugslosigkeit in Kombination mit einer fehlenden gewachsenen Identität. Beide Lager eint in vielen Fallstudien die Unfähigkeit zur Perspektivenübernahme. Das gilt für die libertären Thiel-Anbeter wie für die links-liberalen Gegner eines vermeintlichen Technologiefaschismus. Es ist die Fernsteuerung der Gesellschaft hin zur seelischen Verwahrlosung. Die wahren Bedürfnisse werden verlagert und sublimiert – ob über den Technomasochismus, einen übertriebenen Scientismus, über die Klimaneurose oder über eine Delegation aller Verantwortung an einen übermächtigen Staat. Die konkrete Ausformung ist irrelevant. Dahinter steckt das Leiden an der mangelnden eigenen Identität. Das Endresultat ist die „Apocalypse Mind“.
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.
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