Was tun, wenn Geld und Geschäfte fehlen? Arbeiterfamilien in unserer Region behalfen sich mit Erfindungsreichtum – und fertigten ihre Küchenutensilien selbst. Einige Exponate wirken heute erstaunlich vertraut.
Reinheim · Was tun, wenn Geld und Geschäfte fehlen? Arbeiterfamilien in unserer Region behalfen sich mit Erfindungsreichtum – und fertigten ihre Küchenutensilien selbst. Einige Exponate wirken heute erstaunlich vertraut.
Eine Reibe aus Holz und Nägeln: Volkskundler Gunter Altenkirch zeigt in Reinheim kuriose Küchenhelfer aus dem 19. Jahrhundert.
Foto: Wolfgang DegottEin Löffel, eine Reibe, ein Quirl oder ein Messer – Gegenstände, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken, erzählen in einer kleinen Ausstellung in der Taverne im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim von tiefgreifenden Veränderungen im Alltag vergangener Generationen.
Ausstellung im Kulturpark Bliesbruck-Reinheim: Küchen des 19. Jahrhunderts im Saarpfalz-Kreis
Sie wurde von Landrat Frank John eröffnet. Mit der Ausstellung „Küchen des 19. Jahrhunderts in unserer Region“ eröffnet der Saarpfalz-Kreis eine neue Reihe, die sich mit Hilfe der umfangreichen Sammlung des Rubenheimer Volkskundlers und Brauchtumsforschers Gunter Altenkirch der Alltagsgeschichte widmet.
„Mit kleinen Dingen auf ein großes Thema hinweisen“, so beschreibt Kunsthistorikerin Jutta Schwan von der Kreisverwaltung das Konzept. Die 26 Exponate aus dem gesamten Saarraum seien ein kleiner Ausschnitt der Altenkirch-Sammlung, die im 1988 eröffneten Museum für dörfliche Alltagskultur in Rubenheim bewahrt wird.
Bilderstrecke zuletzt aktualisiert:
20.10.2024
Industrialisierung im Saarland: Wie Bergbau und Hüttenwesen den Alltag der Arbeiterfamilien veränderten
Gemeinsam mit Schwan, Kulturreferent Andreas Stinsky und der Kunsthistorikerin sowie Journalistin Anika Meyer, Herausgeberin des „Sonah“-Magazins, soll daraus eine Reihe wissenschaftlich begleiteter Ausstellungen entstehen. Weitere mögliche Themen sind unter anderem Pilgerzeichen, Spielzeug oder die Geschichte des Lichts vor der Elektrifizierung. Aktuell steht die Küche als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen im Fokus.
Altes Kochbuch, Holzlöffel und ungewöhnliche Küchenhelfer: Diese historischen Exponate zeigen, wie in der Region früher gekocht und gewirtschaftet wurde.
Foto: Wolfgang DegottMit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Leben grundlegend. „Mit dem Aufschwung von Bergbau, Hüttenwesen und anderen Industriezweigen entstanden Arbeiterfamilien, deren Alltag sich grundlegend von dem der bäuerlichen Gesellschaft unterschied. Besonders sichtbar wurde dieser Wandel in der Küche“, sagt Altenkirch.
Kochschulen der Industriebetriebe: Wissen und Ausstattung fehlten in vielen Arbeiterhaushalten
Während auf Bauernhöfen traditionell die Bäuerin kochte, mussten sich die Frauen aus Arbeiterfamilien diese Kenntnisse vielfach erst erwerben, da sie bis dato als Mägde oder Tagelöhnerinnen häufig nie gelernt hatten, einen Haushalt zu führen.
Industriebetriebe reagierten darauf mit sogenannten Kochschulen. Mit ihren Unterrichtsinhalten und Rezepten stellen sie heute wertvolle Zeugnisse dieser Zeit dar. Doch nicht nur Wissen fehlte, sondern oft auch die notwendige Ausstattung. Haushaltswaren waren teuer, Fachgeschäfte meist nur in Städten zu finden. Es entwickelte sich eine Kultur der Eigeninitiative.
„Sackarwedd" im Saarland: Wenn Arbeiter aus Abfall nützliche Küchenhelfer fertigten
Unter dem Begriff „Sackarwedd“ – der „Sackarbeit“ – fertigten Arbeiter aus Materialresten ihrer Betriebe Gebrauchsgegenstände für den Eigenbedarf. Messer aus alten Sägeblättern entstanden wie auch Quirle aus Weihnachtsbaumspitzen oder Reiben aus Holz und eingeschlagenen Nägeln.
Eine besondere Rolle spielten „Vaganten“, reisende Händler, die die ländliche Bevölkerung lange Zeit mit Waren versorgten, solange feste Geschäfte und Handwerksbetriebe noch selten waren.
Insbesondere gehörten dazu die „Löffelmacher“ aus der Hochwald-Hunsrück-Region, die Löffel, Kartoffelstampfer und andere Küchenutensilien herstellten und von Haus zu Haus verkauften. Besondere Exponate in Reinheim sind die sogenannten Gebäßlöffel. Diese kleinen Fütterlöffel dienten Säuglingen und Kleinkindern beim Übergang vom Stillen oder der Flaschennahrung zur Breikost. Auch ein Mehlsieb für Linkshänder, um 1900 gefertigt, ist Teil der Präsentation.
Sammlung Altenkirch: EU-weit größte Zeitzeugensammlung sichert regionales Alltagswissen
Für Altenkirch ist die Ausstellung zugleich ein Schritt zur Zukunftssicherung seiner jahrzehntelangen Arbeit. Vor Monaten wurde vertraglich vereinbart, seine Sammlung in die Obhut des Saarpfalz-Kreises zu überführen. Doch der Erhalt allein genüge nicht. „Die Objekte müssen gezeigt und erklärt werden“, betont er. Erst durch die Geschichten der Menschen, die diese Gegenstände einst nutzten, entfalten sie ihre Bedeutung.
Grundlage dafür ist seine in der EU größten Zeitzeugensammlung mit rund 50.000 beschriebenen DIN-A4-Seiten über Erinnerungen und Alltagswissen aus der Region. Mit der Ausstellung in Reinheim werden somit nicht nur historische Küchenutensilien gezeigt, sondern auch der Blick auf eine vergangene Lebenswelt gerichtet. Sie macht deutlich, dass sich große gesellschaftliche Veränderungen oft in den kleinen Dingen des Alltags widerspiegeln. (lwg/hck)
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