Die Nachbefragung zu den eidgenössischen Abstimmungen vom Juni zeigt, wie stark Herkunft, Einkommen und politische Haltung den Stimmentscheid prägten.
Die Nachbefragung zu den eidgenössischen Abstimmungen vom Juni zeigt, wie stark Herkunft, Einkommen und politische Haltung den Stimmentscheid prägten.

Illustration Jasmin Hegetschweiler / NZZ
Nach der verlorenen Abstimmung über ihre Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz war der Jammer bei der SVP-Spitze gross. Der Fraktionschef Thomas Aeschi klagte in der NZZ: «Dass die Westschweizer immer sozialistischer werden und teilweise fast schon wahllos Ausländer einbürgern, ist ein grosses Problem.» Im Welschland stimmten die Bürger besonders deutlich gegen das SVP-Anliegen.
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Aeschi wird einerseits grundsätzlich missfallen, dass die Westschweizer bei Einbürgerungen weniger streng sind als viele Deutschschweizer Kantone. Andererseits sind die Einbürgerungen für die SVP auch deshalb ein Problem, weil die frischgebackenen Schweizer tendenziell eher gegen ihre Initiativen stimmen dürften.
Die Vox-Analyse von GfS Bern, welche das Abstimmungsverhalten bei der Abstimmung vom 14. Juni untersucht hat, bestätigt diesen Verdacht: Unter den Eingebürgerten erreichte die SVP-Initiative weit tiefere Zustimmungswerte als unter den Schweizern ohne Migrationshintergrund.
Doch selbst wenn nur Urschweizer an die Urne gegangen wären, hätte die SVP nicht unbedingt gesiegt, bei einem Umfrageresultat von 49 Prozent Ja-Stimmen liegt die 50-Prozent-Marke innerhalb der statistischen Fehlermarge. Es wäre also vermutlich sehr knapp geworden.
Zudem stimmten auch gebürtige Schweizer, welche aber mindestens einen im Ausland geborenen Elternteil haben, praktisch gleich wie die Eingebürgerten. Es reichte also bereits ein wenig Multikulturalität im Lebenslauf, um das Stimmverhalten deutlich zu verändern.
Hohe Beteiligung bei den UrschweizernDie Analyse zeigt ausserdem, dass die Stimmbeteiligung bei den Schweizern ohne Migrationshintergrund mit 65 Prozent deutlich grösser war als bei den anderen beiden Gruppen, wo sie bei knapp unter 50 Prozent liegt.
Die SVP kann also immerhin auf eine engagierte Basis zählen. Denn bei den Schweizern ohne Migrationshintergrund ist die SVP klar die beliebteste Partei. Die Schweizer mit Migrationsvergangenheit sympathisieren etwa gleich stark mit SP und SVP.
Die Kluft zwischen der Westschweiz und den konservativen Schweizer Kantonen könnte in Zukunft noch grösser werden, denn in Genf und im Waadtland werden deutlich mehr Ausländer eingebürgert als in Appenzell oder in Glarus. In Zürich und Luzern sind die Quoten aber ähnlich hoch wie in der Westschweiz.
Laut einer Studie des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien (Bass) von 2025 im Auftrag des Bundes liegt dies auch daran, dass die Regeln in der Westschweiz und in städtisch geprägten Kantonen der Deutschschweiz deutlich lockerer sind.
Am strengsten sind sie in den Kantonen Aargau, Thurgau, Graubünden sowie einigen Innerschweizer Kantonen. In diesen Kantonen gelten etwa höhere Hürden in Bezug auf Integration, Straffreiheit oder Sozialhilfebezug. Dort sind die Einbürgerungsraten auch eher tief.
In den letzten Jahren wurden pro Jahr rund 40 000 Personen eingebürgert. Die Eingebürgerten stammen dabei mehrheitlich aus der EU, an zweiter Stelle folgen Personen aus anderen europäischen Ländern, etwa vom Balkan.
Nicht nur beim Migrationsstatus gibt es Unterschiede im Stimmverhalten. Je besser gebildet und je besser verdienend die Stimmbürger waren, desto eher stimmten sie Nein zur SVP-Initiative. Unter den Personen mit Berufslehre stimmten 60 Prozent Ja, bei den Hochschulabsolventen waren es nur 26 Prozent.
Bis zu einem Haushaltseinkommen von 7000 Franken im Monat wurde die Initiative mehrheitlich angenommen, darüber lehnte sie eine Mehrheit ab. Bei den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern unter 30 votierte nur rund ein Drittel mit Ja, von jenen von 60 Jahren aufwärts stimmte eine knappe Mehrheit mit Ja.
Am entscheidendsten für den Stimmentscheid waren laut der Vox-Analyse aber weder die Migrationsvergangenheit noch die Höhe des Lohns, sondern die politische Grundeinstellung. Diese Faktoren können sich gegenseitig beeinflussen. Kontrolliert man statistisch für die politische Haltung, vergleicht also Personen mit der gleichen Parteisympathie, so reduzieren sich die Unterschiede zwischen den Eingebürgerten und den gebürtigen Schweizern um rund die Hälfte.
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