In mancher Ecke Berlins stapeln sich Säcke, Matratzen oder alte Möbel. Wer soll das aufräumen? Die bessere Frage wäre, wie aus einem Gegenstand überhaupt Müll wird. Und wie sich das verhindern lässt.
James Coleman, einer der großen amerikanischen Soziologen des 20. Jahrhunderts, stellte die Frage, wie soziale Normen entstehen. Sein Ausgangspunkt war einfach: Unser Verhalten wird zur Angelegenheit anderer, sobald es Folgen für diese hat. Ob ich einen alten Stuhl nicht mehr haben möchte, ist meine Sache. Stelle ich ihn auf den Bürgersteig, wird daraus die Sache aller. Aus einer privaten Entscheidung wird ein öffentliches Problem.
Bevor wir also feststellen, Berlin vermülle, lohnt sich eine andere Frage: Wie verhindern wir, dass Dinge überhaupt zum Müll werden? Genau hier setzt Precycling an. Anders als Recycling beginnt es vorher: vermeiden, länger nutzen, reparieren, teilen.
In der echten Welt getestetAn der TU Berlin wurde dies von 2019 bis 2024 im Forschungsprojekt PuR untersucht. Die Soziologin Elisabeth Süßbauer und die Umweltpsychologin Klara Wenzel arbeiteten mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Disziplinen sowie dem Wuppertal-Institut zusammen.
In sogenannten „Home Labs“ machten über 130 Menschen aus fast 100 Berliner Haushalten ihren Alltag zum Reallabor. Sie dokumentierten Verpackungsmüll, testeten Alternativen und tauschten sich darüber aus. Das Precycling nahm anschließend signifikant zu. Interessanterweise waren soziale Normen allein nicht der entscheidende Hebel. Wichtig waren konkrete Ziele und die Überzeugung, gemeinsam etwas bewirken zu können.
Die ganze Stadt sollte Versuchsfläche werdenReallabore sind ein Königsweg der empirischen Forschung. Wissenschaft forscht nicht nur über Menschen, sondern mit ihnen und dort, wo Verhalten tatsächlich stattfindet. Berlin kennt das Prinzip etwa vom EUREF-Campus.
Warum nicht die ganze Stadt stärker zum Forschungsraum machen? Dafür müssen sich Verwaltungen, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen öffnen und Wissenschaft und die Stadtgesellschaft gemeinsam experimentieren lassen. Für solche Reallabore ist das Thema der Abfallvermeidung ein ideales Feld.

© IMAGO/snapshot-photography/T.Seeliger
Wie sieht das in der Praxis aus? Die „Zero-Waste-Agentur“ vernetzt Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft und unterstützt Ideen, die Abfall vermeiden. Die „NochMall“ ist ein Einkaufszentrum der Berliner Stadtreinigung (BSR), das dem Prinzip der Wiederverwendung folgt: Was jemand aussortiert, bekommt dort ein weiteres Leben. Kieztage wiederum erleichtern die richtige Entsorgung, indem die BSR zu den Menschen kommt. Vermeiden, weiterverwenden, richtig abgeben – und zugleich herausfinden, was tatsächlich wirkt.
Die Forschung hinkt hinterherIch schreibe darüber nicht unbefangen. Ich sitze im Aufsichtsrat der BSR. Gerade deshalb fände ich es spannend, solche Angebote stärker mit unabhängiger Forschung zu untersuchen. Erreichen Kieztage tatsächlich Menschen, die sonst Sperrmüll auf die Straße stellen würden? Was wäre ohne die NochMall neu gekauft worden? Welche Angebote verändern Verhalten dauerhaft?
Damit bin ich wieder bei Coleman und bei meiner letzten Kolumne über Vertrauen. Dort ging es darum, öffentliche Räume so zu gestalten, dass Begegnung und Vertrauen entstehen können. Dazu gehört auch, wie wir mit diesen Räumen umgehen. Vertrauen braucht die Erwartung, dass andere den gemeinsamen Raum ebenfalls achten. Gute Gestaltung und gute Institutionen können es uns leichter machen, dieser Erwartung gerecht zu werden.
Wenn wir also sagen, dass in Berlin zu viel Müll herumliegt, sollten wir fragen, wer besser aufräumen muss. Wir sollten aber ebenso genau erforschen, was Menschen zum gemeinsamen Handeln veranlasst. Denn gemeinsam lässt sich viel Müll vermeiden.
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