Ein betender Hitler, ein in der Luft hängendes Pferd, tausende Tauben unter der Decke: Ab Donnerstag sind die Werke von Marizio Cattelan in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Im Gespräch erklärt er, welche Rolle Religion und die deutsche Geschichte in seiner Kunst spielen.
Interview Maurizio Cattelan in der Neuen Nationalgalerie "Kunst zu schaffen ist auch ein Weg, mich selbst besser zu verstehen"
Ein betender Hitler, ein in der Luft hängendes Pferd, tausende Tauben unter der Decke: Ab Donnerstag sind die Werke von Maurizio Cattelan in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Im Gespräch erklärt er, welche Rolle Religion und die deutsche Geschichte in seiner Kunst spielen.
rbb24: Herr Cattelan, Sie haben 2006 die Berlin Biennale kuratiert. Welche Erinnerungen haben Sie an Berlin und welche persönliche Verbindung haben Sie zur Stadt?
Maurizio Cattelan: Wegen der Berlin Biennale verbrachte ich etwa zwei Jahre damit, Deutschland mit dem Zug und dem Fahrrad zu bereisen. Dabei besuchte ich Kunsthochschulen, Ateliers von Künstlerinnen und Künstlern, Museen, Kollektive und unabhängige Kunsträume. Schließlich verdichtete sich all das in der Auguststraße, wo Schulen, Galerien, Künstlerorte, ein Friedhof, eine Kirche und das alltägliche Leben nebeneinander existierten. Seitdem bin ich viele Male nach Berlin zurückgekehrt, hatte hier jedoch bis jetzt noch nie eine Einzelausstellung.
Was mir seit damals geblieben ist, ist weniger eine konkrete Erinnerung als vielmehr die Art, wie diese Stadt mit ihrer eigenen Vergangenheit umgeht. Manche Städte bewahren ihre Geschichte; andere setzen die Auseinandersetzung mit ihr fort. Berlin gehört zur zweiten Kategorie. Die Stadt wirkt nie abgeschlossen, und genau das gefällt mir.
Maurizio Cattelan (geboren 1960 in Padua) zählt zu den bekanntesten Gegenwartskünstlern Italiens. Ab dem 10. September zeigt die Neue Nationalgalerie seine erste große Einzelausstellung in Deutschland. Die Ausstellung findet im Rahmen des Preises der Nationalgalerie statt.
Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.
rbb24: Ihre neue Ausstellung heißt "Night". Wie sind Sie auf den Titel gekommen?
Maurizio Cattelan: Die Nacht ist nicht einfach die Abwesenheit von Licht. Sie ist ein Zustand. Dunkelheit ist visuell. Nacht ist psychologisch. Ein Schatten gehört zu einem Objekt. Die Nacht gehört allen. Die wichtigsten Dinge im Leben geschehen ebenfalls nachts: Geburt, Tod, Träume, Angst, Begehren, Liebe und Einsamkeit.
Die Nacht setzt Gewissheiten außer Kraft. Die Dinge verschwinden nicht unbedingt, sie werden lediglich schwieriger zu definieren. Die Ausstellung handelt nicht von Dunkelheit. Sie handelt vom Verlust von Gewissheit.
Die Nacht ist außerdem vorübergehend. Sie enthält immer die Möglichkeit eines Morgens, selbst wenn man ihn noch nicht sehen kann. Ich mag Titel, die offen bleiben. "Night" ist ein einfaches Wort, aber jeder vervollständigt es auf seine eigene Weise.
rbb24: In Ihren Werken spielen oft Humor und Ironie eine Rolle. Sie sagten, dass dieser Aspekt in Ihrer Berliner Ausstellung jedoch fehlt. Warum ist das so?
Maurizio Cattelan: Humor war für mich immer einer der liebsten Zugänge. Er lässt Mauern fallen, ohne dass es jemand wirklich bemerkt. Die für diese Ausstellung ausgewählten Arbeiten sprechen jedoch in einem anderen Ton. Die Fragen werden ohne Lächeln gestellt. "Him", "Dawn", "Novecento", "Purgatory" – keine dieser Arbeiten bietet den Besucherinnen und Besuchern einen Witz, hinter dem sie sich verstecken könnten. Berlin macht die Arbeiten nicht ernster. Die Stadt macht lediglich einige dieser Fragen unmöglich zu ignorieren.
rbb24: Wie haben Sie die deutsche Geschichte in der Ausstellung berücksichtigt, zum Beispiel in den Arbeiten "Never", "Bones" oder "All"?
Maurizio Cattelan: Deutschland ist zu verschiedenen Zeitpunkten in meiner Arbeit aufgetaucht, manchmal unerwartet, manchmal ganz bewusst. Diese Arbeiten handeln nicht wirklich von Deutschland als Nation. Sie handeln von Bildern und Symbolen, die unsere kollektive Vorstellungskraft geprägt haben. Berlin verändert jedoch zwangsläufig die Wirkung dieser Werke. Die Stadt bringt ihre eigene Erinnerung, ihre eigenen Wunden und ihre eigene Intelligenz mit ein.
Eine als Ausstellung verkleidete Geschichtsstunde hat mich nie interessiert. Das ist eine Hausaufgabe, nicht Kunst. Stattdessen habe ich nach Bildern gesucht, die bereits aus sich heraus Vorstellungen von Macht oder Dauerhaftigkeit tragen, und ließ die Geschichte dieses Gebäudes auf sie einwirken.
Installation "Him" (2001) von Maurizio Cattelan (Foto: Attilio Maranzano)
rbb24: In der Ausstellung finden sich zahlreiche religiöse Symbole und Gesten. In welchem Maß ist Religion Teil Ihres Lebens?
Maurizio Cattelan: Ich bin katholisch aufgewachsen und habe lange Zeit die Kirche besucht. Diese Bilder und Rituale waren daher Teil meiner Prägung, noch bevor ich verstand, was sie bedeuteten. Ich glaube, Wurzeln lassen sich nur schwer hinter sich lassen. Manchmal entfernt man sich von ihnen, aber sie beeinflussen weiterhin die Art, wie man die Welt wahrnimmt. Wenn ich meine Arbeiten heute betrachte, habe ich manchmal das Gefühl, bewusst zu diesen Bildern zurückzukehren, und manchmal geschieht es, ohne dass ich es merke.
Ich bin nicht daran interessiert, religiöse Kunst zu schaffen. Mich interessieren jedoch die Fragen, mit denen sich Religion seit jeher beschäftigt: Schuld, Opfer, Vergebung, Tod und Hoffnung. Das sind nicht nur religiöse Fragen, sondern menschliche Fragen. Für mich ist Kunst zu schaffen auch ein Weg, mich selbst besser zu verstehen, und Religion ist unvermeidlich Teil dieser Reise, weil sie Teil meiner Herkunft ist.
rbb24: In Ihrer Arbeit beziehen Sie sich auch auf Joseph Beuys, der davon überzeugt war, dass Kunst Gesellschaften verändern kann. Inwieweit stimmen Sie mit ihm überein oder nicht?
Maurizio Cattelan: Ich denke, Beuys hatte ein enormes Vertrauen in das, was Kunst bewirken kann, und das bewundere ich. Ich bin vermutlich vorsichtiger. Ich weiß nicht, ob ein Kunstwerk die Gesellschaft unmittelbar verändern kann, aber ich glaube, dass es die Art verändern kann, wie jemand etwas sieht. Und wenn sich die Wahrnehmung verändert, verändert sich manchmal auch das Verhalten.
Was mich Beuys nahebringt, ist die Vorstellung, dass Kunst nicht innerhalb von Museen oder der Kunstwelt bleiben muss. Sie kann in den Alltag, die Politik, die Bildung und das Gespräch hineinwirken. Worin ich mich von ihm unterscheide, ist die Überzeugung, dass Künstlerinnen und Künstler nicht unbedingt Antworten liefern müssen. Manchmal genügt es bereits, die richtige Frage zu stellen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Bei dem Text handelt sich um ein redaktionell redigiertes und gekürztes Interview.
Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.
Sendung: ttt - titel thesen temperamente, 06.09.2026, 23:00 Uhr
Video: ttt - titel thesen temperamente, 06.09.2026, Hilka Sinning
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