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Berlin: Geförderte Ateliers und Proberäume in früherem Gefängnis

Дата публикации: 03-09-2026 18:37:31

Im ehemaligen Gefängnis in der Lehrter Straße sind subventionierte Proberäume und Ateliers für die Freie Szene entstanden. Den großen Bedarf lindert das nur ein bisschen.


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Kunstfreiheit hinter Gefängnismauern Geförderte Ateliers und Proberäume für die Freie Szene in Moabit eröffnet

Im früheren Frauengefängnis in der Lehrter Straße in Moabit sind geförderte Proberäume und Ateliers entstanden. (Quelle: rbb)
Im früheren Frauengefängnis in der Lehrter Straße in Moabit sind geförderte Proberäume und Ateliers entstanden. (Quelle: rbb)

Von Michaela Grimm

Am Donnerstagmorgen stehen die grauen Gefängnistore in der Lehrter Straße 61 weit offen. Die Worte "Kunst" und "Raum" leuchten grün und pink an der roten Backsteinfassade und verkünden, wie das 120 Jahre alte Gebäude voller Geschichte nach vielen Jahren Leerstand und dreijähriger Sanierung nun wiederbelebt wurde. Und wie: Dass aus diesem einst bedrückenden Ort, der zuletzt als Filmkulisse für düstere Szenen in "Babylon Berlin" oder "Das Damengambit" diente, einmal ein helles Haus für freie Kunst und Kultur entstehen würde, empfinden viele zur Eröffnung aus gutem Grund als großen Glücksfall.

"Ich darf jetzt wieder Schlagzeug spielen in Berlin, das ist für mich eine Befreiung", sagt Klangkünstler und Schlagzeuger Simon Berz, der seinen vorherigen Proberaum am Tempelhofer Ufer vor einigen Monaten gekündigt bekam und danach keinen Ort zum Spielen hatte. "Man findet nix in Berlin, vergiss es", sagt er.

Die Alphornistin Katrin Vogel behalf sich jahrelang "zu Hause mit zusammengeklapptem Tisch" – ihr Alphorn misst 3,70 Meter. Ein Studio oder Kellerraum fand Vogel einfach nicht, vor allem große Räume für laute Instrumente seien nicht zu bekommen, erst recht nicht zu erschwinglichen Preisen. "Der Bedarf für Arbeitsräume ist für alle Sparten eklatant. Das Angebot liegt Lichtjahre hinter der Nachfrage", beschreibt Daniel Brunet, Sprecher der Koalition der Freien Szene Berlin, die Raum-Not für Kunst- und Kulturschaffende in allen Stadtteilen. Die Nachfrage in Moabit war folglich riesig.

Räume für Kunst und Musik zur Miete – für 5 Euro pro Quadratmeter

Auf die Ausschreibung der Kultur Räume Berlin, die die Raumvergabe koordiniert, bewarben sich im Frühling 500 Kreative – und 140 hatten Glück. Sie konnten im August ihren neuen Arbeitsplatz in einem der 49 Musikproberäume und der 32 Ateliers beziehen. Manche Kunstschaffende oder Gruppen teilen sich einen Raum und wechseln sich ab.

Alle Räume sind schon vermietet. Die Verträge laufen vier Jahre. Voraussetzung war, professionell und freischaffend in Bildender Kunst oder Musik zu arbeiten. Begünstigt wurden diejenigen, die keine anderen Räume, aber gerade aktuelle Projekte haben, die dringend vorbereitet werden müssen. 5 Euro pro Quadratmeter bezahlen die Kunstschaffenden und damit deutlich weniger als auf dem freien Markt. Das entspricht laut Berliner Immobilienmanagement GmbH etwa der Hälfte der tatsächlichen Kosten, die vom Land Berlin gefördert und übernommen werden.

Katrin Vogel vom Hybrid Ensemble Berlin mit ihrem Alphorn in ihrem neuen Proberaum in der Lehrter Straße. (Quelle: rbb) Katrin Vogel vom Hybrid Ensemble Berlin mit ihrem Alphorn in ihrem neuen Proberaum in der Lehrter Straße. (Quelle: rbb)

Klangkünstler Simon Berz und Hornistin Katrin Vogel spielen zusammen im Hybrid Ensemble Berlin, vor allem elektroakustische Improvisationen. In ihren Proberaum in Moabit fällt das Licht durch vergitterte Fenster, als sie anfangen zu jammen. Der Klang ist hervorragend und "selbst der Hof ist akustisch genial", schwärmt Vogel. Von außen ist dem Gefängnis mit Gittern und Stacheldraht nur schwer anzusehen, wie aufwendig und behutsam es von der Renner Architekten GmbH denkmalgerecht saniert wurde. Nur kleine bauliche Hinweise wie Backsteine, die durch ihre Fischgrätenform von den anderen Mustern abweichen, deuten an, dass dahinter ein Aufzug eingebaut wurde. Von innen eignen sich die Arbeitsräume im Zellen- und Verwaltungstrakt nicht mehr für Dreharbeiten vom Gefängnisalltag in früheren Zeiten.

Doppelte Wände mit Schalldämpfern und Lüftungskanälen

Denn innen sieht der Proberaum vom Hybrid Ensemble aus wie ein moderner, weißer Arbeitsraum mit Schreibtisch und Equipment. Die anderen Proberäume sind ebenfalls möbliert, mit Sofas, Instrumenten und Computern. Die Räume sind akustisch optimiert durch eine Art Raum im Raum und Gussasphalt.

Wollen die Musiker:innen rein oder raus, müssen sie zwei Türen aufsperren: die originale Zellentür und eine weitere dahinter. Die Decken der Musikräume sind entkoppelt, die Wände schräg gestellt, damit nichts hallt. Sie wurden neu eingezogen und sind nochmal so dick wie die originalen Zellenmauern. Dahinter verbergen sich Schalldämpfer, Kabel und Lüftungskanäle für Proben bei geschlossenen, isolierten Fenstern. Je zwei acht Quadratmeter große Zellen wurden zusammengelegt und jedes zweite Fenster vergrößert. Man kann schon noch hören, wenn andere proben, sagt Simon Berz, aber die Bildende Kunst ist räumlich getrennt im Haus nebenan.

Das Eingangstor 2 zum früheren Frauengefängnis in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 1 | 25 Geht man die Lehrter Straße in Moabit entlang fällt einem das Gebäude mit den hellgrauen Toren vielleicht auf den ersten Blick gar nicht auf - der Blick nach oben aber zeigt, was hier mehr als 100 Jahre lang galt: Du kommst hier net rein - und vor allem nicht raus. Manchen gelang es trotzdem. rbb / Sebastian Schneider Die Innenseite des Tor 2 des früheren Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 2 | 25 Mal ein Blick von der anderen Seite. Die "Nördliche Militärarrestanstalt" wird von 1898 bis 1902 gebaut. Hier sitzen Angehörige der preußischen Armee ihre Strafen ab. In der Straße gibt es aber noch andere Gefängnisse: In der Lehrter Straße 1-5 steht das 1840 gebaute Zellengefängnis Lehrter Straße, es ist bis zum Abriss in den späten 1950er-Jahren in Betrieb. rbb / Sebastian Schneider Das Treppenhaus des Ex-Gerichtsgebäudes des Amtsgerichts Tiergarten in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 3 | 25 Karl Liebknecht wird 1916 im Gerichtsgebäude direkt neben dem Gefängnis zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt, weil er gegen den Krieg protestiert hat. "Ich sage Ihnen: Kein General trug je eine Uniform mit so viel Ehre, wie ich den Zuchthauskittel tragen werde”, entgegnet Liebknecht im Gerichtssaal. rbb / Sebastian Schneider Die vergitterten Fenster eines Innenhofs des früheren Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 4 | 25 Während des Zweiten Weltkriegs nutzt die Wehrmacht die Zellen als Untersuchungsgefängnis. Im Mai 1949 wird das Gebäude zur Frauenhaftanstalt Westberlins umfunktioniert. rbb / Sebastian Schneider Abendschau-Beitrag über die Zustände in der damaligen Frauenhaftanstalt in der Lehrter Straße in Berlin-Moabit, 02.04.1976 (Quelle: rbb) 5 | 25 Die Haftbedingungen in dem düsteren, verwinkelten Bau werden mit der Zeit immer schlechter. Immer wieder kommt es zu Hungerstreiks und Übergriffen von Seiten der Gefangenen. So sieht eine Zelle 1976 aus. rbb Eine frühere Zelle im ehemaligen Zellentrakt des Ex-Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 6 | 25 Und so sieht sie 47 Jahre später aus: Knapp sechs Quadratmeter. Das Parkett kann man noch ganz gut erkennen. rbb / Sebastian Schneider Abendschau-Beitrag über die Zustände in der damaligen Frauenhaftanstalt in der Lehrter Straße in Berlin-Moabit, 02.04.1976 (Quelle: rbb). 7 | 25 Viele der Frauen sind heroinabhängig und werden nicht angemessen therapiert. Manchmal werden die Drogen einfach vom benachbarten Poststadion über die Gefängnismauer geworfen. “In keine Anstalt gerät der Stoff leichter. Wer noch nicht süchtig ist, schafft es spätestens hier”, schreibt der Tagesspiegel damals. rbb Ein Flur im ehemaligen Zellentrakt des Ex-Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 8 | 25 Knapp 120 Zellen auf vier Stockwerken gibt es in dem Gefängnistrakt - jahrelang ist er überbelegt. rbb / Sebastian Schneider Archivfoto aus dem Jahr 1976: Graffiti von RAF-Sympathisanten an der Mauer in Berlin-Kreuzberg, Waldemarstrasse, Ecke Legiendamm. Am 7. Juli 1976 waren vier Frauen der "Bewegung 2. Juni" und "Rote-Armee-Fraktion" (Inge Viett, Gabriele Rollnik, Monika Berberich, Juliane Plambeck) aus der Frauenhaftanstalt Lehrter Strasse ausgebrochen (Quelle: dpa / Henning Langenheim / akg-images). 9 | 25 "Keine Hinweise an die Polizei": An der Ecke Waldemarstraße / Legiendamm in Kreuzberg pinseln 1976 Unterstützer der RAF ihre Parole an die Berliner Mauer. Am 7. Juli sind vier Mitglieder der terroristischen Vereinigung "Bewegung 2. Juni" aus dem Frauengefängnis in der Lehrter Straße ausgebrochen - für die mehrfach verurteilte Terroristin Inge Viett ist es bereits der zweite erfolgreiche Ausbruch. dpa / akg Justizvollzugsanstalt für Frauen in der Lehrter Straße 61 Teilanstalt Haus 3, Bild: imago/Sven Lambert 10 | 25 Zu diesem Zeitpunkt ist das Gefängnis bereits hoffnungslos veraltet - die Sicherheitsvorkehrungen stellen für die vier Geflohenen kein Problem mehr dar. Wegen des Ausbruchs trat am 10. Juli 1976 der Berliner Justizsenator Hermann Oxfort zurück. Die Sicherheitsmängel führen zum Bau der Haftanstalt am Friedrich-Olbricht-Damm in Charlottenburg. imago/Sven Lambert Eine frühere Zelle im ehemaligen Zellentrakt des Ex-Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 11 | 25 Ein Beispiel aus dem Alltag in der Lehrter Straße: Am 20. Oktober 1984 wird ein Säugling im Haftkrankenhaus geboren, seine Mutter nennt ihn Manuel. Sie ist wegen räuberischer Erpressung zu elf Jahren hinter Gittern verurteilt worden. Ihr Freund sitzt in einer anderen JVA. Manuel haben sie bei gegenseitigen Gefängnisbesuchen gezeugt. Wenige Tage nach seiner Geburt kommt das Baby in ein Heim. rbb / Sebastian Schneider Die ehemalige JVA in der Lehrter Straße in Berlin-Moabit (Quelle: dpa / imageBROKER / Schöning). 12 | 25 1985 schließt der Senat das Frauengefängnis und lässt die Insassinnen in die neue JVA in Charlottenburg verlegen. Bis 2012 dient der Bau noch als Außenstelle von Plötzensee, für Verurteilte mit maximal 36 Monaten Freiheitsstrafe. Seitdem steht er leer. dpa / imageBROKER Skateboarder, BMX-Fahrer und Tretroller-Sportler nutzen den Skatepark vor der Außenseite der Sicherheitsmauer des früheren Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 13 | 25 Dass sich allmählich was tut, erkennt man auch an der Außenseite: Da steht jetzt ein Skatepark. rbb / Sebastian Schneider Die inzwischen für Graffiti freigegebene Außenseite der Sicherheitsmauer des früheren Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 14 | 25 Friedenstaube unterm Stacheldraht, ein Bild, zu kitschig für jede Serie. rbb / Sebastian Schneider Eine geöffnete Zellentür im ehemaligen Zellentrakt des Ex-Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 15 | 25 Die früheren Zellen werden nun saniert, die Schadstoffe entfernt. Aus ihnen werden Musikprobenräume. Die Fenster sind mit Staubschutzfolien abgeklebt. rbb / Sebastian Schneider Ein Flur im ehemaligen Zellentrakt des Ex-Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 16 | 25 Immer zwei Zellen sollen zu einem Probenraum zusammengelegt werden. Dank der dicken Gefängnismauern ist der Schallschutz kein Problem - die Mieterinnen und Mieter sollen die Räume deshalb rund um die Uhr nutzen können. rbb / Sebastian Schneider Schlüssel am Brett eines Pförtnerraums im Verwaltungsgebäude des früheren Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 17 | 25 Die Räume im ehemaligen Verwaltungsgebäude der JVA sollen Ateliers für Künstlerinnen und Künstler werden. Der Senat vermietet sie gefördert für 4,09 bis 6,50 Euro Warmmiete pro Quadratmeter. Vergeben werden sie vom Kulturwerk des Berufsverband Bildender Künstler*innen Berlin. rbb / Sebastian Schneider Ein Bauarbeiter macht eine Pause neben einem als Aufenthaltsraum genutzten Wohnwagen im früheren Sport-Innenhof des damaligen Frauengefängnisses in der Lehrter Strraße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 18 | 25 Der ehemalige Sporthof der JVA. Auch hier bekommt man eine Idee davon, warum das frühere Gefängnis als Drehort so beliebt ist. rbb / Sebastian Schneider Eine Seite des früheren Sport-Innenhofs des damaligen Frauengefängnisses in der Lehrter Strraße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 19 | 25 Tatorte und Kinofilme werden hier im ehemaligen Knast gedreht, "Babylon Berlin" und "Das Damengambit", auch Steven Spielberg und Tom Hanks waren schon da. rbb / Sebastian Schneider Der Übergang vom Ex-Gerichtsgebäude zum ehemaligen Frauengefängnis in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 20 | 25 Die "Seufzerbrücke": Der Gang über dem Hof, den die Verurteilten vor langer Zeit aus den Gerichtssälen nebenan rüber in den Zellentrakt nehmen mussten. rbb / Sebastian Schneider Ein vergittertes Treppenhaus im ehemaligen Zellentrakt des Ex-Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 21 | 25 Weil der dreilteilige Gebäudekomplex so verschachtelt und unübersichtlich ist, kann man sich leicht in ihm verlaufen. rbb / Sebastian Schneider Streifen von Absperrbändern markieren den Weg zu für Begehung freigegebene Bereiche des Ex-Gerichtsgebäude des Amtsgerichts Tiergarten sowie das angegliederte ehemalige Frauengefängnis in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 22 | 25 Deswegen kleben vom Haupteingang des Ex-Gerichtsgebäudes bis tief in den Zellentrakt alle paar Meter diese Stücke Absperrband an der Wand - so findet man wieder raus. rbb / Sebastian Schneider Blick aus dem früheren Gerichtsgebäude in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten auf das dahinterliegende Poststadion, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider).Das Poststadin 23 | 25 Direkt hinter dem früheren Gefängnis liegt das Poststadion, heute dreht hier nur ein einsamer Jogger seine Runden. Auftritt Axel Lange, 1969 bis 1972 Torwart bei TeBe: "Das Poststadion hatte aber auch mit dem angrenzenden Frauengefängnis an der Lehrter Straße eine ganz besondere Zuschauerkulisse. Im Sommer saßen die weiblichen Gefangenen in den Fenstern ihrer Zellen und ließen zwischen den Gittern ihre Beine heraushängen. Das war eine doch recht auffallende und nicht alltägliche Begleiterscheinung unserer Fußballspiele." rbb / Sebastian Schneider Ein von Baustaub bedecktes Treppenhaus im Ex-Gerichtsgebäude des Amtsgerichts Tiergarten in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 24 | 25 Was aus dem Gerichtsgebäude, dem dritten der drei Ensembleteile, werden soll, ist noch nicht ganz geklärt. Die BIM plant hier einen Produktionsstandort für die Freie Szene, ,mit Veranstaltungsräumen für "interdisziplinäre Kunstformen mit Schwerpunkt Musik, Tanz und Darstellende Künste", heißt es. So hatte es auch die damalige Kulturverwaltung unter Klaus Lederer (Linke) vorgesehen. Der ist weg - nun prüft der schwarz-rote Senat erstmal, ob ihm die Sanierung das Geld auch wirklich wert ist. rbb / Sebastian Schneider Demontierte Überwachungsmonitore im Verwaltungsgebäude des früheren Frauengefängnisses in der Lehrter Straße 60/61 in Berlin-Tiergarten, aufgenommen am 31.07.2023 (Quelle: rbb / Sebastian Schneider). 25 | 25 Läuft alles ideal, könnte der frühere Knast im Laufe des Jahres 2025 seine Tore als neues Kreativzentrum öffnen.

Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 27.08.2023. | zum Beitrag | Alle Bildergalerien

rbb / Sebastian Schneider

Berühmte Inhaftierte - und Ausbrüche

Dorthin führt ein frisch gestrichener hoher Gang mit mintgrünen Wänden, schwarz-weißen Türen und Kugellampen – es könnte genauso gut ein Archiv oder eine Uni sein. Zettel mit QR-Codes für Telegram- und Whatsapp-Gruppen hängen da, einmal für alle Leute in der ersten Etage, einmal für das ganze Haus. So entstehen neue Verbindungen und oft auch neue Kunst. Mittendrin liegen drei Hafträume, die extra authentisch konserviert und komplett alt erhalten wurden, samt Parkett aus Kaiserzeiten und später eingebautem Klo. Eine Vorgabe vom Denkmalschutz.

Diese drei Original-Zellen sind die eindrücklichsten Überbleibsel davon, wie beengt einst preußische Soldaten, später Verbrecherinnen und zuletzt Untersuchungs- und Strafgefangene bis zum Jahr 2013 hier ihre Haft verbüßten. Inge Viett war eine der bekanntesten Insassinnen, auch weil ihr gleich zweimal mit anderen Inhaftierten der Baader-Meinhof-Gruppe die Flucht gelang. Ob und wie ihre und die Geschichte dieses Hauses aufgearbeitet und gezeigt wird, ist noch nicht konkret geplant. Beschäftigt sie die Künstler:innen, die nun hier arbeiten?

Die Malerin Aline Alagem arbeitet seit August in einem der neuen Ateliers. Sie setzt sich in ihren Arbeiten mit Körpern, weiblicher Selbstbestimmung und Befreiung auseinander. (Quelle: rbb) Die Malerin Aline Alagem arbeitet seit August in einem der neuen Ateliers. Sie setzt sich in ihren Arbeiten mit Körpern, weiblicher Selbstbestimmung und Befreiung auseinander. (Quelle: rbb)

Zur Neueröffnung überwiegt die Freude über das, was aus dem Knast geworden ist. Im Kunsthaus hat Aline Alagem ein Atelier bezogen, gegenüber der noch jungen Wohnhäuser zur Lehrter Straße hin. Die "schwere Geschichte" triggere sie, aber das sei gut, sagt die jüdisch-israelische Malerin auf Englisch. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit weiblicher Selbstbestimmung, Macht, Intimität und Befreiung auseinander und sie findet es noch etwas früh zu sagen, ob die Geschichte und die Schicksale von dem Ort, wo sie nun ihre Werke schafft, auch in diese einfließen. Aber eigentlich sei sie sich dessen sicher.

Diese neue große Freiheit – die Umgestaltung vom Knast zu einem Kulturhaus, geplant noch unter Kultursenator Klaus Lederer, an diesem zentralen Ort zwischen Poststadion und Europacity – fiel trotz sonst massiver Kürzungen im Kulturbereich den Einsparungen nicht zum Opfer. "Das Projekt war 2023 schon durchfinanziert", teilt dazu die Berliner Immobilienmanagement auf Nachfrage mit. Die Sanierung sei im vorgesehenen Kostenrahmen geblieben. Und: "Der Standort ist langfristig gesichert, da es sich um eine landeseigene Immobilie handelt."

Berlins Kultursenator Stefan Evers (CDU) nennt das Kulturhaus einen "großen Wurf“, um den "hart gekämpft" wurde. "Alle denken immer, das war der Finanzsenator", sagt Evers, der auch dieses Amt innehat, "aber es ist Kollegen im Abgeordnetenhaus zu verdanken, die die nötigen Rahmen dafür geschaffen haben", so Evers weiter.

Im früheren Frauengefängnis in der Lehrter Straße in Moabit sind geförderte Proberäume und Ateliers entstanden. (Quelle: rbb) Im früheren Frauengefängnis in der Lehrter Straße in Moabit sind geförderte Proberäume und Ateliers entstanden. (Quelle: rbb)

Dritter Teil kommt noch: Gerichtsgebäude soll bis 2029 saniert sein

Das Stadt nahm eingebettet ins Arbeitsraumprogramm des Landes Berlin 17,7 Millionen Euro in die Hand, um das Zellengebäude in ein Musikhaus und das Verwaltungsgebäude in ein Atelierhaus umzubauen. Dem Gerichtsgebäude, in dem auch Karl Liebknecht der Prozess gemacht wurde, steht die Sanierung noch bevor: Für 14,7 Millionen Euro wird daraus bis 2029 ein "Interdisziplinäres Produktionszentrum für die Freie Szene mit Schwerpunkt Musik". Veranstaltungsräume und Proberäume, auch für darstellende Künste, sind dafür in Planung. Diese können temporär gebucht werden, für Shows, Programme, Touren und Projekte beispielsweise.

Öffentlich zugänglich ist all das noch nicht und wird es auch nicht komplett werden. Nur die Innenhöfe sollen begehbar sein, wenn sie demnächst fertig saniert sind. Noch liegt dort Schutt und Sand. Die Atelier- und Musikgebäude selbst sind ausschließlich für Mietende erreichbar. Vollständig offen wird das Gefängnis damit nicht. Aber ein ganzes Stück freier.

Sendung: rbb24 Inforadio, 03.09.2026, 17:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 03.09.2026, Fynn Dresler

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