Gianni Infantino schien unantastbar, erst recht nach der WM 2026. Doch sein mittlerweile gescheiterter Investorendeal brachte selbst langjährige Verbündete auf die Barrikaden.
Gianni Infantino hätte es so einfach haben können. Die XXL-WM 2026 war ein immenser Erfolg, vor allem wirtschaftlich. Er hätte sein Wahlvolk, die FIFA-Mitgliedsverbände, reich beschenken können. Der scheinbar unantastbare FIFA-Präsident - er wäre noch zusätzlich gestärkt aus dem WM-Sommer gegangen.
Auch hätte er dann sicherlich ohne große Widerstände eine Tochtergesellschaft gründen können, um noch mehr Geld aus den Wettbewerben herauszuquetschen. Und getrost auch, um sich dort einen Folgeposten zu sichern. So hätte er auch nach seiner Amtszeit als FIFA-Präsident weiter üppig bezahlt die Strippen ziehen können im Weltfußball.
Infantino hat den Bogen überspanntDoch es kam anders. Gianni Infantino wollte noch mehr, offensichtlich zu viel. Er wollte zusätzlich Investoren ins Haus holen, bis zu 20 Prozent der Anteile am neuen Tochterunternehmen abtreten. Teile der Fußball-WM stehen zum Verkauf? Die Empörung darüber war vorhersehbar.
Vor allem aber bereitete Infantino diesen Deal klammheimlich vor. Mit diesem Mix hat er den Bogen überspannt. Jetzt muss er plötzlich um seine Zukunft in der FIFA kämpfen - und es sieht nicht gut für ihn aus.
Leitender Berater tritt aus Protest zurückSogar im engsten Kreis gibt es heftige Reaktionen. Infantinos leitender Berater Carlos Cordeiro ist aus Protest gegen die Investorenpläne zurückgetreten. "Es ist ein schlechtes Geschäft für die FIFA-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft des Sports."
Cordeiro stellte klar, dass er an diesem Vorschlag "in keiner Weise beteiligt" gewesen sei. Dass Infantino offenbar nicht einmal enge Berater involviert hat, ist bemerkenswert.
Carlos Cordeiro (l.) im Oval Office mit Gianni Infantino und Donald Trump
Neben dem Amerikaner erhob in Betriebsdirektor Kevin Lamour ein weiterer FIFA-Mitarbeiter schwere Vorwürfe. Infantino habe die Mitarbeiter hintergangen. Sie hätten Besseres verdient als Missachtung und Einschüchterung, hieß es in einem Schreiben, das AP vorliegt.
"Es ist das Projekt einer Person", schrieb Lamour und forderte indirekt Konsequenzen. "Nicht nur darf dieses Projekt nicht weitergehen. Aber die Zeit ist nun gekommen, dass sich die politischen Entscheidungsträger im Fußball die richtigen Fragen stellen und die richtigen Entscheidungen treffen."
Kevin Lamour (m.) vor DFB-Präsident Bernd Neuendorf
Schon nach der beispiellosen Boykottdrohung der UEFA am Donnerstag war klar, dass Infantino mit seinen Investorenplänen wohl scheitern wird. Kurz darauf sagte auch die CONCACAF klar nein. Die AFC schlug dann am Freitagmorgen mit ihrem kritischen Statement den nächsten Sargnagel ein.
Zusammengerechnet haben die drei Kontinentalverbände aus Europa, Asien und Mittel- und Nordamerika sowie der Karibik eine Stimmenmehrheit in der FIFA. Zwar hätten die einzelnen Nationalverbände in der Abstimmungspraxis abweichen können, aber die Geschlossenheit der Opposition war vernichtend. In der Nacht auf Samstag mitteleuropäischer Zeit zog Infantino die Konsequenzen und erklärte das Projekt für gescheitert.
FIFA schiebt die Schuld auf die PresseAuch das FIFA-Statement vom Freitagmorgen hatte die Wognen nicht glätten können. Das alles sei ja nur ein Vorschlag, hieß es dort. Und man habe ja über die Pläne sprechen wollen, aber der Prozess sei durch "fehlerhafte Medienberichte" gestört worden.
Gemeint ist der Bericht der "Times" vom Dienstag. Infantinos intimer Mitwisserkreis war offenbar nicht intim genug, als dass nicht doch jemand die Pläne durchgestochen hätte. Vielleicht war das schon das erste Anzeichen, dass Infantinos Status bröckelt.
Demokratie á la Infantino: Nur wer zustimmt, bekommt 20 Millionen DollarOffenbar getrieben von der Berichterstattung veröffentlichte die FIFA zumindest einige Details der brisanten Investorenpläne. Zudem folgten Schreiben an die Mitgliedsverbände - inklusive kurzer Frist bis zum 19. September.
Ein entlarvendes Detail: Wer für die Pläne stimmte, sollte eine Sonderzahlung von 20 Millionen US-Dollar erhalten. Alle anderen sollten leer ausgehen. Die FIFA unter Infantino nennt so etwas einen "demokratischen Prozess".
Sich mit Geld Zustimmung zu sichern, das war bisher Infantinos schamloses Erfolgsrezept. Es stößt jetzt - durchaus überraschend - an seine Grenzen.
Scharfe Kritik selbst aus AsienBemerkenswert war die scharfe Kritik des asiatischen Verbandes, bisher meist loyal an Infantinos Seite. In dem Statement, das Solidarität mit der UEFA ausdrückt, knöpfte sich die AFC Infantino vor, ohne ihn namentlich zu nennen.
"Dies ist nicht das erste Mal, dass wichtige Akteure mit bedeutenden Initiativen konfrontiert werden, nachdem die Richtung bereits festzustehen scheint", heißt es dort. "Ein solches Vorgehen untergräbt das Vertrauen in die Governance-Struktur der FIFA und schwächt die Autorität ihrer Gremien." Ein nachfolgendes Konsultationsverfahren könne da auch nicht mehr helfen.
Schon 2018 wollte Infantino Anteile verkaufenAngesprochen ist hier vor allem das "Project Trophy" aus dem Jahr 2018. Schon da wollte Infantino FIFA-Rechte an große Geldgeber verkaufen, mutmaßlich aus Saudi-Arabien. Es ging um die Klub-WM und eine weltweite Nations League, Infantino sollte Aufsichtsratsvorsitzender der neuen Tochterfirma werden.
Auch damals verfolgte er die Pläne hinter verschlossenen Türen, bis dem WDR und der "Süddeutschen Zeitung" die brisanten Details zugespielt wurden. Der Schweizer Compliance-Experte Mark Pieth sprach von einem heimlichen "Raubzug". Der Plan scheiterte letztlich am Widerstand im FIFA Council.
AFC will aktuelle Situation für Veränderungen nutzenDamals überstand er den Skandal unbeschadet - wie viele weitere auch, man denke nur an die WM-Vergabe 2034 an Saudi-Arabien oder den Friedenspreis für Donald Trump.
Jetzt scheint es ernster zu werden. Die aktuelle Situation müsse "als Katalysator für eine Stärkung der institutionellen Reformen" dienen, schrieb die AFC noch vor Scheitern des Plans. "Echte Demokratie misst sich nicht allein an der Möglichkeit zur Abstimmung. Sie beginnt mit transparenter Führung, rechtzeitiger Konsultation, fundierter Beratung und echter Beteiligung während des gesamten Entscheidungsprozesses."
Kritikerin Lise Klaveness: Plötzlich im MainstreamAn dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf Lise Klaveness. Als hartnäckige Infantino-Kritikerin war die Präsidentin des norwegischen Verbandes in der FIFA bisher ziemlich einsam, plötzlich steht sie im Mainstream. "Mein klarer Eindruck ist, dass er sehr viel Vertrauen verloren hat", sagte sie am Freitag.
Im kommenden Jahr will sich Infantino wiederwählen lassen, um seine formell letztmögliche Amtszeit anzutreten. Bisher galt dies als Formsache auch angesichts eines kolportierten Unterstützerschreibens, gezeichnet von 200 der 211 Mitgliedsverbände.
Das Ausmaß der Krise ist im internationalen Fußball beispiellos. Und es ist nur schwer vorstellbar, dass etwa die UEFA und Infantino noch einmal zusammenfinden.
Quelle: sid/red
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