Der Vorstoß der AfD gegen die Briefwahl im Saarland, mag taktische Gründe haben. Aber Argumente für ihre Einschränkung sind dennoch gewichtig, meint unser Autor.
Meinung | Saarbrücken · Der Vorstoß der AfD gegen die Briefwahl im Saarland, mag taktische Gründe haben. Aber Argumente für ihre Einschränkung sind dennoch gewichtig, meint unser Autor.
19.09.2026 , 15:00 Uhr
Wahlbrief in Saarbrücken. Mehr als jeder dritte Stimmzettel für die vergangene Bundestagswahl ging im Saarland per Post ein.
Foto: BeckerBredelDie Kritik der AfD im Saarland an der Briefwahl mag man als Versuch werten, den demokratischen Prozess zu diskreditieren. Es wäre die Strategie, die Donald Trump im (für Manipulationen weit anfälligeren) US-System verfolgt. Aber unabhängig davon: Bei der Bundestagswahl haben auch nach Corona noch 37 Prozent der Wähler ihre Stimme per Brief abgegeben. Ist das ein Problem? Ja! Es ist das größte unseres ansonsten vorbildlichen Wahlsystems.
Um das zu verstehen, muss man sich die Abläufe in einem Wahllokal vor Augen führen. Hier wird penibel darauf geachtet, dass der Wahlakt geheim ist. Aus gutem Grund: Diskretion ist entscheidend für eine freie Wahl. Geheimhaltung ist daher nicht freiwillig, sondern verpflichtend! Das nimmt die Chance oder den Druck, eine Stimmabgabe gegenüber Dritten zu dokumentieren. Geheim wählen „durfte“ man auch in der DDR. Aber man musste es nicht – und wehe, wenn man’s tat!
Die Pflicht zur geheimen Wahl macht es unmöglich, eine Stimme nachvollziehbar zu kaufen, sie schützt auch vor dem Drängen von Eltern oder Partnern am Küchentisch und vor Sanktionen eines Staates in „gelenkten“ Demokratien. Ist das alles so weit weg?
Bei der Briefwahl verlässt sich der Staat auf die Zusage, dass keiner bei der Stimmabgabe zuguckt – bei über einem Drittel der Wähler! Es geht anders. Es sind sicher nicht 37 Prozent derer, die wählen wollen, sonntags von 8 bis 18 Uhr nicht an ihrem Heimatort! Und ist es für jene, die verreisen, so schwer, jene Urnen zu nutzen, die wochenlang in Rathäusern bereitstehen?
Wenn sich die Zahl der Briefwähler auf jene, die körperlich immobil sind, begrenzen ließe, wäre auch die Idee von Wahlhelfern, die mit mobilen Urnen und Kabinen in Altenheimen eine geheime Wahl sichern, nicht weltfremd. Es gibt Klärungsbedarf bei der Briefwahl, und man muss das Thema nicht AfD überlassen.